Aus für Kampnagel?

Ungläubig staunen die Gäste aus dem Ausland: Dieses herrliche Theater will euer Senat abreißen? Zwanzig der rund hundert Aufführungen des „Theaters der Welt“ fanden in den verschiedenen Theaterräumen statt, die seit Beginn der achtziger Jahre in die riesige Halle der ehemaligen Maschinen- und Munitionsfabrik Kampnagel an einem Alsterkanal im Stadtteil Barmbek gebaut worden sind. Hier gastierte Peter Brook mit seiner dramatischen Kurzfassung von „Carmen“ und rühmte den hohen Raum, den schwere Eisenträger wie die Säulen einer Kathedrale gliedern, als eine der schönsten Spielstätten Europas. Seither haben Theatergruppen aus aller Welt „auf Kampnagel“ gespielt, haben die Hamburger Theater willkommene Ausweichbühnen gewonnen, haben die vielen „freien Gruppen“ eine Heimat gefunden – und vor allem: haben die (nicht nur jugendlichen) Zuschauer der Hansestadt die alternative Spielstätte als Ort der Begegnung liebgewonnen. Nur die für Kunst blinden und tauben Senatoren sind ungerührt dabei, „den Sargnagel für Kampnagel“ zu schmieden, wie die Veranstalter um die Kampnagel-Chefin Hannah Hurtzig und den Kampnagelverein klagen. Nächste Woche soll nun endlich entschieden werden, ob ein Privatverein oder eine GmbH unter Staatsaufsicht die richtige Rechtsform ist. Wohl nur noch akademische Fragen, seit bekannt ist, daß der Bausenator, als Kulturvernichter einschlägig bekannt, und der Finanzsenator die Kampnagelfabrik weg haben wollen, um auf dem Gelände Wohnkästen hochzuziehen. Große Enttäuschung über den Ersten Bürgermeister: Voscherau, Sproß einer Schauspielerfamilie, sagt wie so oft Jein, wenn er sich zwischen seiner SPD-Basis und dem Kultursenator Münch (FDP) nicht entscheiden kann. Jetzt ein bißchen Mut – und Voscherau geht nicht als Kampnagel-Killer in die Kulturgeschichte Hamburgs ein.

Bierbrauer und Wandale

Reiche Leute können, wenn sie wollen, einen Rembrandt in Stücke reißen, weil ihnen nur der goldene Rahmen für ihren röhrenden Hirsch wichtig ist. Reiche Leute können ein Gebäude von historischer Bedeutung vernichten, weil sie allein auf das Grundstück scharf sind. Das erste hätte selbst der eben in Rente gegangene Biermillionär Freddy Heineken aus Amsterdam kaum über sich gebracht. Aber das berühmte, so zauberhaft mit der Landschaft eins gewordene Landhaus, das der Architekt Heinrich Tessenow 1917 für den Wiener Fabrikanten Böhler in St. Moritz entworfen hatte, das hat er nun tatsächlich, alle Einsprüche verhöhnend, zerstören lassen. Heineken, von dem es heißt, er musiziere und komponiere, sah in dem Baudenkmal, das er sich fast fünf Millionen Franken kosten ließ, nur einen „Bunker“. Alle Proteste, Expertengutachten und Beschwörungen, das vollständig intakte, vielbewunderte Landhaus zu erhalten, gingen ins Leere. Tessenows Freunde setzten – obwohl sich Kunst grundsätzlich der demokratischen Abstimmung entzieht – ein Plebiszit durch und unterlagen: 1212 Stimmbürgern war das Eigentumsrecht des Neubürgers heiliger als der Denkmalschutz; nur 219 votierten gegen den Abriß. Gleich im Morgengrauen des folgenden Tages schuf Heinekens Architekt Wichser vollendete Tatsachen: Er ließ die Bulldozer anrücken, gesetzwidrig, die Geldstrafe lässig einkalkulierend, und zerstörte das Bauwerk. Der Brauer und Wandale Heineken hatte sich kurz zuvor aus dem Staube gemacht.

Joris Ivens

Er stand in der Mitte zwischen den beiden Prinzipien, aus denen das Kino entstand: zwischen Georges Méliès und den Brüdern Lumiere, dem Theatermacher und den Dokumentaristen. Das Kino der Lumières war die Realität, das von Méliès die Phantasie, und Joris Ivens’ Kino war Synthese. Als Dreißigjähriger begann er, nach dem Vorbild der russischen Dokumentaristen, die Mechanik der Dinge zu erforschen, ihre Bewegungen, die Brechungen des Lichts an ihrer Oberfläche: Er filmte eine Eisenbahnbrücke, den Regen, Menschen und Maschinen. Im Jahr 1938 dokumentierte er den Einfall der Japaner in China, im Krieg drehte er für die Amerikaner „Erkenne deinen Feind: Japan“, aber der Film war so gefährlich wahr, daß er nie gezeigt wurde. In den fünfziger Jahren feierte er als glühender Kommunist die Aufbruchsjahre Osteuropas; von den Propagandafilmen, die er damals drehte, hat er sich später distanziert. Ivens war der politische Chronist des zwanzigsten Jahrhunderts. Vor zwei Jahren reiste er noch einmal nach China, um einen Film über den Wind zu drehen. In „Eine Geschichte über den Wind“ zitiert er „Die Reise zum Mond“ von Méliès und die steinernen Löwen Eisensteins, läßt Statuen marschieren und Windgeister sprechen. Der Film läuft jetzt im deutschen Kino; es ist sein letzter. Am letzten Donnerstag ist Joris Ivens in Paris gestorben, 90 Jahre alt.