Von Willi Winkler

Eine Zeitlang kam er jeden Abend die steile Rolltreppe zum U-Bahnhof Marienplatz heruntergefahren und predigte allen, die es nicht hören wollten, wie es in Wirklichkeit zuging in der Welt. Schon ganz weit oben fing er an, schimpfte beim Warten auf die U-Bahn und hörte drin im Wagen nicht auf: Wie der Strauß aufräumen würde bei den Seinen, wenn er wiederkäme, und daß die Steuern viel zu hoch seien und Polizistenmörder nicht angemessen bestraft würden.

Er schien direkt von der Arbeit zu kommen, Tiefbau, weil er einen roten Sicherheitshelm trug und eine gelbe Öljacke, aber es war immer nach zehn und der Mann sichtlich zugetrunken. Seine Baustelle lag aber nur zwei Ecken weiter, in der "Schwemme", im Hofbräuhaus. Dort konnte man ihn sehen, nicht an einem der Stammtische, natürlich nicht, er mußte sich mit dem Schulausflug aus Recklinghausen gemein machen, was seinen maßlosen Zorn auf alles und jeden sicher nicht gemildert hat.

Er saß da und rauchte und trank abwechselnd, den roten Schutzhelm neben sich auf der Bank, redete mit niemand, sah nur vor sich hin und ins Glas. Jedesmal, wenn die Kapelle zum Prosit auf die Gemütlichkeit aufforderte, schien er noch zorniger zu werden, und wenn die Schüler um ihn herum sich in unverständlich norddeutscher Mundart verständigten, haderte er im Stillen mit seinem und dem Schicksal Bayerns. Er schwankte nicht, als er aufstand und sich zum Marienplatz aufmachte. Erst draußen, erst nachdem er die Andenkenstände, den Maßkrugtandler und die amerikanischen T-Shirt-Werbeträger mit der Aufschrift "I survived the Hofbrauhaus" hinter sich gelassen hatte, erst da hub er an mit seinem Zetern und Mordgeschrei.

So sieht er doch aus, nicht wahr, meine lieben norddeutschen Freunde, der Bierdimpfl aus dem Hofbräuhaus, der Biertischfaschist, der frühere CSU- und heutige Schönhuber-Wähler. Nur weil er gern Bier trinkt und in der U-Bahn Volksreden schwingt. Dabei ist er ein Philosoph, ein tieferer Denker als alle, die sich peinlich berührt von ihm abwenden. Und nicht zu vergessen: Er tut niemand etwas zuleide, er trinkt friedlich vor sich hin, und wenn ihm der Zorn einmal die Zunge löst, dann schaden seine Sprüche auch niemand. Wir müssen uns die Spezies des bayerischen Trinkers (eine aussterbende Art, deshalb bitte hegen und pflegen) als einen zwar unglücklichen, im Grunde aber herzensguten Menschen vorstellen.

"Es sol auch ein yeder Bierbräu, der yetzt ist und künftig wirdet, vor unserm Rentmeister in Obern Beim an unser Stat einen Aid swern, daß er zu einem yeden Bier allein Gersten, Hopfen und Wasser nemen und brauchen auch das noch Notdürftig sieden, und nichts ander darein tun, noch durch yemand verfügen oder sunsten gestatten wölle." Von wegen "nichts ander darein tun": Das bayerische Reinheitsgebot des Herzogs Albrecht IV. von 1516 eignet sich zwar fürtrefflich zum Zitieren, und die Herren Brauherren tun sich auch immer mal wieder zusammen, um heilige Eide drauf zu leisten, aber natürlich lügen sie allesamt. Natürlich kommt auch Malz ins Bier, weil es sonst das entsprechende Haiku nicht gäbe ("Hopfen und Malz, / Gott erhalt’s!"), und wer je die Traktoren gesehen hat, die mit ihren weitgespreizten Sprühgerätschaften über die frühjahrsgrünen Felder fahren, der weiß, daß für das nächste Märzen zumindest beim Pflanzengift gut eingeschenkt wird.

Dennoch finden sich die Wahrheit und das Leben ausschließlich im Bier, sei es nun sauber oder rein. Das Bier kräftigt die Stimme, entschärft die Sinne, läßt einen Dinge sagen, die besser unausgesprochen geblieben wären, vor allem aber vermag es unendlichen Trost zu spenden. Es ist Labsal den Mühseligen und Beladenen, Speis’ und Trank in einem, Medizin für jedes wunde Herz.