Die Geschichte einer "Gegendarstellung"

Von Klemens Polatschek

Uns ist nichts zu heiß." Mit diesem Werbespruch wirft sich die Wiener Neue Kronenzeitung, kurz Krone, todesverachtend in die tägliche Schlacht auf Österreichs Boulevards. Spätestens seit sie ihre Breitseiten gegen die "Verleumder" des österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim losgelassen hat, untermauern wissenschaftliche Studien den Ruf der Krone, nicht nur höchst erfolgreich einen Yellow-Press-Krämerladen zu betreiben, sondern im Ernstfall auch ein Hinterzimmer für Diskriminierung und Antisemitismus offenzuhalten.

Keine Frage, daß im "Fall Lainz" die kühle Besinnung nicht ihre Sache war. Die Festnahme der "Mordschwestern" im Pavillon V des Städtischen Krankenhauses Wien-Lainz, Anfang April, war die erste eigenständige Leistung Österreichs, die seit der Waldheim-Affäre von den Weltmedien wahrgenommen wurde.

Am 23. April erschien die Krone mit einer Sensationsmeldung auf der ersten Seite: Die hauptverdächtige Krankenschwester Waltraud Wagner habe nicht nur Dutzende alter Leute auf dem Gewissen, nein, sie habe auch lange als Geheimprostituierte in einer Wiener Animierbar gearbeitet – als "geile Trude", als "Schweinchen, das alles macht".

Der 23. April war ein Sonntag. Da hängen die beiden großen Boulevardzeitungen Krone und Kurier frei zugänglich auf Ständern an jeder Hausecke und laden zum Klauen ein. Schafft die Ausgabe am Sonntag den Beginn einer mitreißenden Berichterstattung, bestehen gute Chancen, die schwächeren Auflagen des Wochenanfangs aufzubessern.

Die Krone berichtete noch drei Tage übers "Schweinchen". Am Ende wiederholte sie die Vorwürfe immerhin schon mit der Bemerkung, daß Waltraud Wagner alles abstreite. Und tatsächlich stimmte nichts davon.