In vielen Fällen mögen die Betreffenden aufgrund ihres Gewissens, also aus bewußter Opposition, gehandelt haben wie beispielsweise jener Soldat, der sich aus Abscheu über die begangenen Verbrechen in Warschau absetzte und auf die Seite der Belagerten überlief. Aber ein Denkmal für den "unbekannten Deserteur" erscheint abwegig, denn es ist ja "unbekannt", ob er in bewußtem Widerstand handelte oder aus Angst, vielleicht auch nur, weil er einfach nach Hause wollte.

Eine große Kontroverse hat die Ausstellung heraufbeschworen, die zum 20. Juli in Berlin eröffnet wird: "Widerstand gegen den Nationalsozialismus". Einige Leute finden, die Rote Kapelle von Schulze-Boysen und Arvid Harnack gehöre nicht dorthin, weil es sich ja um eine kommunistische Gruppe gehandelt hat. "Wer Hitler bekämpfte, um ihn durch Stalin zu ersetzen", so heißt es, "gehört nicht zu denen, deren Ziel die Wiederherstellung eines demokratischen Rechtsstaates war."

Merkwürdig, daß es so schwer ist, sich in vergangene Zeiten zu versetzen. Damals war nur eine Frage wichtig: "Ist jemand dafür oder dagegen?" Dagegensein war ein Ausweis für Zusammengehörigkeit. Welche Art von Demokratieverständis dem zugrunde lag, interessierte überhaupt nicht. First things first – erst einmal dem Wüten dieses Verbrechers und dem sinnlosen Sterben ein Ende bereiten, darauf kam es an. Und dazu gehörte Mut.

Es ist grotesk, wenn selbstzufriedene Bürger unserer Wohlstandsgesellschaft Jahrzehnte nach den Ereignissen sich daranmachen, die Widerstandskämpfer fein säuberlich in Kategorien einzuteilen und zu bewerten. Hätten sie die Zweifel und Ängste jener Zeit durchleben müssen, dann würden sie nicht mit den Einsichten von heute über jene Schwergeprüften von damals zu Gericht sitzen. /

Das gilt auch für das Nationalkomitee Freies Deutschland, das im Jahr 1943 von deutschen Emigranten und Kriegsgefangenen aus fünf verschiedenen Lagern in der Nähe von Moskau gegründet worden war. Sie hatten in Polen und Rußland viel Schlimmes gesehen und in Stalingrad die ihnen vorgegaukelten Siegesillusionen verloren. In der plötzlich einsetzenden Isolation und Tatenlosigkeit des Lagers waren sie dann an ihrer Loyalität zum "Führer", auf den sie den Eid geleistet hatten, irre geworden. Nun wollten sie der Katastrophe, die ihnen deutlich vor Augen stand, wehren und waren bereit zu versuchen, ihre Kameraden an der Front mit Flugblättern und Aufrufen dazu zu bewegen: "Das Gebot und die Ehre der Nation höher zu stellen, als den Befehl des Führers, (ferner) das Vaterland in seiner Schande zu retten und den Kampf einzustellen."

Die Diskussion, die sich an den Dokumentarfilm des ZDF über das Nationalkomitee, der am vergangenen Sonntag gesendet wurde, anschloß, zeigte, wie erregend dieses Thema auch heute, nach 46 Jahren, immer noch ist. Eines der Gründungsmitglieder des Komitees, der Jagdflieger Heinrich Graf Einsiedel – damals 22 Jahre alt – kämpfte mit großer Bravour gegen die zwei anwesenden ehemaligen Offiziere General Schmückle und Oberst Horst Zank, der Einsiedel als Verräter bezeichnete. Ein Zeichen dafür, daß die Behauptung nicht stimmt, hinter Stacheldraht könne man Hoch- und Landesverrat ohne Folgen betreiben: Sogar nach, Jahrzehnten wird den Betreffenden noch die Ehre abgeschnitten. Und überdies: Generaloberst von Seydlitz, Präsident des Bundes deutscher Offiziere, einer Gruppe, die zum Nationalkomitee gehörte, ist 1944 von Hitler und 1950 von Stalin zum Tode verurteilt worden.

Was unter Widerstand zu verstehen ist, darüber herrscht viel Verwirrung. Auch ändern sich die jeweiligen Auffassungen mit den Zeiten. Nur Herr Schönhuber von den Republikanern, der die Ereignisse des 20. Juli 1944 kürzlich einen "Putsch" nannte, übt Kontinuität und ist seinem Führer treu geblieben, der damals, am Abend jenes Tages, so tat, als hätte es sich um ein südamerikanisches Abenteuer gehandelt. Hitler erklärte: "Eine ganz kleine Gruppe ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich verbrecherischer, dummer Offiziere hat ein Komplott geschmiedet."