Von Peter Sager

Über die Äste des Blauregens balancieren die Katzen Pascha und Pucci in den Schatten des Balkons. Tief unten glitzert der Luganer See. Hinter uns liegen die Hänge des Monte Bré und 150 Jahre Photographie. „Sehr viel Rummel, aber nicht einmal eine Sondermarke der deutschen Post“, resümiert der alte Herr. „Ich habe das Jubiläum schon 1977 gefeiert.“

Helmut Gernsheim entdeckte die älteste Photographie der Welt, Nicéphore Niepees Aufnahme von 1827. In keiner Geschichte der Photographie fehlt seither dieser erste, mythische Kamerablick über die Dächer von du Gras, Niépces Landsitz bei Chalon. Sechs Jahre lang war Gernsheim den Spuren des verschollenen Bildes gefolgt, durch Archive, Zeitungsannoncen, alte Auktionslisten, bis er die 16,5 mal 20,5 Zentimeter große, asphaltbeschichtete Zinnplatte von Niépce 1952 fand, in einem Schiffskoffer in einem Londoner Lagerhaus. Mit diesem Fund konnte Gernsheim den Beginn der Photographie gleich um zehn Jahre vordatieren, vor die ersten bekannten Aufnahmen von Talbot und Daguerre. Indes blieb Niepees nicht seine einzige Entdeckung.

Wem je ein Band der Propyläen Kunstgeschichte auf den Fuß gefallen ist, der kennt das Gewicht dieser Reihe. Den Sonderband über die Geschichte der Photographie hat Gernsheim geschrieben, 791 Seiten allein über „Die ersten hundert Jahre“. Dieses Buch, 1955 in England erschienen, ist die spröde Geschichte einer spektakulären Wiederentdeckung. „Um Popularität habe ich mich nie bemüht“, sagt Gernsheim. Es wurde das erfolgreichste seiner bisher 25 Bücher über Photographie, in neun Sprachen übersetzt. Von seinem deutschen Verleger hat er sich dabei ausbedungen, to photograph nie mit ablichten zu übersetzen. „Das ist ein Wort, das die Nazis benutzten, in ihrer Sucht, alles einzudeutschen.“

Helmut Gernsheim, 1913 in München geboren, stammt aus einer jüdischen Familie. An der Staatlichen Lehranstalt für Lichtbildwesen machte er 1936 sein Diplom, als Bester seines Jahrgangs. Doch das zählte nun nicht mehr. „Alle, selbst Agfa, haben mich abgelehnt, als sie sahen, daß ich Halbjude war.“ Ein Jahr später ging er nach London ins Exil.

Kaum hatte er als Werbephotograph in England Fuß gefaßt, brach der Krieg aus. Zusammen mit anderen „feindlichen Ausländern“ kam er in ein Internierungslager nach Australien. „Um die Leute abzulenken, habe ich ihnen über die Anfänge der Photographie erzählt.“ Daraus entstand, nach seiner Rückkehr nach London, Gernsheims erstes Buch, „New Photo Vision“. Noch heute wundert es ihn, daß dieser Protest eines Deutschengegen die englische Salonphotographie mitten im Krieg 1942 in England erscheinen konnte.

Als Hitlers Bomben auf London fielen, zog der deutsche Emigrant mit seiner Plattenkamera durch die Stadt und dokumentierte im Auftrag des Warburg-Instituts historische Gebäude und Denkmäler von nationaler Bedeutung. Weihnachten 1944 besuchte ihn ein Major im photographischen Aufklärungsdienst der amerikanischen Armee, Beaumont Newhall, Kurator des Museum of Modern Art. „In England liegen so viele Photos herum, Helmut, die sollte jemand sammeln.“ – „Aber ich sammle doch schon, Beaumont, afrikanische Kunst und deutsche Expressionisten, mehr kann ich mir von meinem Gehalt nicht leisten.“