Von Monika Egler

Kassel

Jemand hat der Göttin zwei Rosen zu Füßen gelegt. Ein Kameramann stößt die Neugierigen ruppig zur Seite, um ihre unbewegten Züge besser ins Bild zu bekommen. Elga Sorge, eine der bekanntesten und umstrittensten feministischen Theologinnen in der Bundesrepublik, hat die hölzerne Statue mitgebracht – als Talisman für den Prozeß, den sie führen muß, weil sie die Göttin allzusehr gepriesen hat. Noch einmal liest die Theologin vor dem Haus der Kirche in Kassel das Gebet vor, das Mutterunser, das sie zu Ehren der Göttin geschrieben hat, und ihre Stimme zittert nicht mehr, als sie schließt: „Du bist die Kraft in allem, die tollkühn liebende Jungfrau, die kosmische Mutter alles Lebendigen, die uralte Weisheit und die Liebe und das Vertrauen und die Offenheit in ewiger Glückseligkeit.“

Etwa hundert Menschen, meist Frauen, sind an diesem 21. Juli gekommen, um Elga Sorge Glück zu wünschen für ihren Prozeß vor der Disziplinarkammer der evangelischen Landeskirche von Kurhessen-Waldeck. Die Kirche möchte mit diesem Prozeß Elga Sorge loswerden, denn kündigen kann sie der Kirchenbeamtin auf Lebenszeit nicht. Aber behalten will sie die Frau, die den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs durch die Göttin ersetzt, erst recht nicht. Denn sie hat nach Ansicht der Kirchenleitung den Glaubenskonsens der evangelischen Kirche verlassen. „Ihre Darlegungen geben vor, das eigentliche Christentum zu wollen. Sie führen im Ergebnis, aber zu einer anderen Religion“, heißt es in einer Erklärung des zuständigen Bischofs Hans-Gernot Jung.

Elga Sorge ist hinter der Glastür verschwunden. Die Öffentlichkeit wird nicht zugelassen, obwohl es die Angeklagte beantragt hat. Die Frauen singen: „We shall overcome.“ Elga Sorges Mutter, eine kleine, zarte Frau, singt die zweite Stimme. Später erzählt sie davon, wie ihre Tochter, damals Studienleiterin am pädagogisch-theologischen Institut in Kurhessen-Waldeck, vor zehn Jahren zur feministischen Theologie gekommen ist. Sie sei vorher schon kritisch gewesen, gewiß, geprägt von der Existenzphilosophie, von der Studentenbewegung, vom Marxismus. Dann habe sie, eher zufällig, sich daran versucht, den Text von der Versuchung Christi umzuschreiben in eine Erzählung von der Versuchung der Tochter Gottes. Dieser spielerische Versuch ist Elga Sorge zu einem Schlüsselerlebnis geworden. Plötzlich erschien ihr die jüdisch-christliche Tradition eine einzige Rechtfertigung der Unterdrückung der Frau, lebensfeindlich und zerstörerisch für die Liebe. Gierig – bis zum körperlichen Zusammenbruch – verschlang sie alles, was es über Frau und Religion zu lesen gab. „Die Theologie ist unter solchen Schmerzen, unter solchen Kämpfen geboren worden“, sagt die Mutter.

Für die Theologie, für die Wissenschaft von Gott – dafür setzt Elga Sorge lieber das Wort Thea-sophie, die Weisheit von der Göttin. Mit dem Gott der Juden und Christen rechnet sie in ihrem Buch „Frau und Religion“ gnadenlos ab. „Das jüdisch-christliche Gottesbild ist einseitig männlich ... Dieses männliche Gottesbild enthält erschreckend grausame, lebens- und liebesfeindliche Züge ... Da angstbesetzte Unterwerfung mit vertrauensvoller Liebe absolut unvereinbar ist, fördert dieses Gottesbild die Liebeszerstörung ... Dieses Gottesbild zwingt den Gläubigen ... eine sado-spirituelle Glaubenshaltung auf...“ – das sind nur einige ihrer Thesen. Selbst vor dem Kern des christlichen Glaubens, daß Gott den Menschen durch den Kreuzestod erlöst hat, macht sie nicht halt. „Jesus hat nicht das Kreuz ins Zentrum seiner Verkündigung gestellt“, sagt Elga Sorge

Diese Ansicht teilen heute viele Theologen, Befreiungstheologen und feministische Theologinnen zumal. Das Bild vom strafenden Gott, der sich des Menschen erst erbarmt, wenn jener vor ihm im Staub kriecht, wird nur noch selten von der Kanzel verkündet. Dennoch ist keine der prominenten feministischen Theologinnen gekommen, um Elga Sorge für ihren Prozeß Glück zu wünschen. Warum?