Zu den schwankendsten Gestalten im Panoptikum der Moderne gehört der Konservatismus. Unerwünschter und illegitimer Sproß von Aufklärung und Französischer Revolution, folgt er deren vielfältigen Spuren durch nunmehr zwei Jahrhunderte wie ein auf eigene Faust alkoholisierter Schatten: wirr oszillierend zwischen Haß und Devotion, Klage- und Waschweib, kultureller Größe und politischer Idiotie.

Die linke Kulturkritik, hört man, ist tot. Der Geist steht rechts. Der Herr Schönhuber ebenfalls. In München, wo dieser wohnt, erscheint auch von jenem etwas, nämlich dessen intellektuelle Kennmarke: die Zeitschrift Criticon. Damit ist nicht, wie man glaubt, ein Sprachfehler im Titel, sondern ein Denkfehler im Inhalt bezeichnet. In der 112. Nummer vom April 1989 lesen wir eine Besprechung der dritten Auflage von Armin Möhlers "Konservativer Revolution", und darin dies: "Die konservative Revolution umschreibt das weite Feld, auf dem der Nationalsozialismus zu jäh und zu eng gefaßt hochschoß, um überdauern zu können. Es ist das Feld, das auf eine neue Bestellung wartet, wenn mit dem Zerbröckeln der amerikanisch-russischen Doppelhegemonie über Europa die Überlagerungsdominanten zu Staub zerfallen. – Hans Dietrich Sander."

Hier wollen wir Luft holen und den Gehalt dieser Sätze, nachdem ihre rhetorischen Überlagerungsdominanten zu Staub zerfallen sind, genauer bedenken. Wäre er "weiter gefaßt" und weniger "jäh" gewesen, hätte der Nationalsozialismus "überdauert". Wir stellen die Phantasie eines "weiter gefaßten" Nationalsozialismus zurück. Auch mit der fühlbaren Melancholie des Herrn Sander angesichts jenes Nicht-Überdauerns halten wir uns nicht auf. Nur das Unerschrockene seiner Vision fasziniert uns: Auf dem "gleichen Feld", also aus dem gleichen Nährboden, den gleichen Wurzeln wie der Nationalsozialismus, nur ein wenig bedächtiger, sieht der deutsche intellektuelle Konservatismus derzeit seine politischen Pläne gedeihen.

"Ein Menschenschlag", schrieb 1931 Karl Kraus über das Umfeld des jäh emporschießenden Nationalsozialismus, "vor dem man staunen muß, daß er sich zur Propagierung seiner politischen Dummheit der Rotationsmaschine bedienen kann und sich nicht mit der Überlieferung durch Pissoir-Inschriften begnügt..." Dieser Satz eines durchaus konservativen Autors gibt uns Veranlassung, gewisse historische Unterscheidungslinien im Spektrum des Konservatismus auch für die Gegenwart anzumahnen und etwa die Philosophen Lübbe, Rohrmoser und Kaltenbrunner, die im Criticon regelmäßig entweder hofiert werden oder dies selbst besorgen, auf die publizistische Nachbarschaft des blanken politischen Hirnrisses hinzuweisen.

Doch es geht um mehr. Der deutsche Konservatismus hat nach 1945 seinen paradoxen, aber endgültigen Pakt mit den Fortschrittsimperativen der wissenschaftlich-technischen Zivilisation geschlossen. Die von ihr zerriebenen Formen und Normen der traditionellen "Lebenswelt" sollten nicht mehr von einem – schmerzhaft desavouierten – starken Staat, sondern vom unspektakulären Korsett der technisch-ökonomischen "Sachzwänge" zusammengehalten werden. Im radikalisierten politischen Protest der siebziger Jahre ging der Traum Gehlens, Schelskys und Forsthoffs, alles werde sich satt und fett und für immer den Geboten der Industriegesellschaft fügen, zu Ende. Aus der Asche solcher Illusionen – und etwa noch des Terrorismus – stieg wie ein Phönix die alte konservative, Option: der neue starke Staat. Der fortschreitende Ruin des liberalen Straf- und Polizeirechts markiert seinen Trampelpfad durch die achtziger Jahre.

Auf diesem Hintergrund halten wir die Feldversuche mit dem Nationalsozialismus im Criticon nicht für eine Angelegenheit privater Dummheit, sondern im Gegenteil: für die lediglich etwas ungeschützte Bauchrede einer sauberen zynischen Logik. Nur weiter so. Wir werden zuhören. Aber etwas möchten wir klarstellen: Die Köpfe eines anderen deutschen Konservatismus – von Justus Moser über Goethe, Schopenhauer, Jacob Burckhardt bis zu Hugo von Hofmannsthal und Rudolf Borchardt – werden wir aus der geistigen Legitimationsgalerie des Criticon nachdrücklich zurückziehen. Die Tröpfe wollen wir ihm lassen. Wir finden daher die Werbung in seiner Nummer 112 für das "Republikanische Nachrichtenmagazin" Europa Vom – wo "Beiträge von Franz Schönhuber, Dr. Armin Mohler, Prof. Dr. Hellmut Diwald, Prof. Dr. Günther Willms ... und vielen anderen" avisiert werden – vollkommen in Ordnung. Sie sind einander und dem Criticon bis zur Gräßlichkeit ebenbürtig. Reinhard Merkel