In der Atlantik-Charta hatten Amerika und Großbritannien 1941 erklärt, sie wünschten nach dem Zweiten Weltkrieg "keine Gebietsveränderungen, die nicht mit den frei zum Ausdruck gebrachten Wünschen der betreffenden Völker übereinstimmen". Doch Acheson wehrt den Versuch der Deutschen brüsk ab, die endgültige Festlegung der Grenze zwischen Deutschland und Polen einer Volksabstimmung zu unterwerfen. Man habe schließlich Japan veranlaßt, wesentliche Gebiete ohne weiteres abzutreten. Wörtlich heißt es in der Aufzeichnung vom 25.11.1951: "Man könne jetzt nicht plötzlich wieder Volksabstimmungen zur Lösung territorialer Fragen heranziehen, nachdem man sich daran gewöhnt habe, solche Fragen ohne Volksabstimmung zu regeln. Diese Prinzipien seien antiquiert, und zwar nicht nur für Deutschland, sondern für alle Völker gleichmäßig." Hätte Adenauer diese Aufzeichnung in seinen Memoiren vollständig zitiert, wäre schon 1965 allen klar gewesen, daß er mit seinen Vorstellungen bei den Westmächten auf Granit biß.

Bedeutet dies, daß er selbst einen Verzicht unterschrieben hat? Gewiß heißt es in jenem Vermerk: "Die Bundesregierung stelle keine Ansprüche ..." Doch im Zusammenhang mit weiteren Dokumenten muß man dies eher wie folgt lesen: Adenauer stellt keine Ansprüche an die Westmächte, ihn in seinen Absichten zu unterstützen.

Das gilt jedenfalls, wenn man einen Bericht des britischen Hochkommissars Sir Ivone Kirkpatrick an seine Regierung heranzieht, der ein Gespräch zwischen den drei westlichen Hochkommissaren und Adenauer vom 15. November 1951 referiert. Zehn Tage vor dem Gespräch Adenauer-Acheson auf der Pariser Außenministerkonferenz hatten sich die Westmächte vorgenommen, von Adenauer eine enge Definition des Begriffs Wiedervereinigung bestätigt zu bekommen, und zwar als "vereinbarte Protokollnotiz" (vielleicht rührt daher Kaisers Andeutung). Wiedervereinigung – das sollte demnach umfassen: Ostzone, Berlin und Bundesrepublik, aber keinesfalls mehr.

Doch dann heißt es bei Kirkpatrick: "Adenauer reagierte sehr scharf und hielt während einer langen Diskussion daran fest, daß diese Festlegung unserer Position für ihn vollkommen neu und unerwartet sei. Er habe in all unseren Gesprächen angenommen, daß wir, wie er, die Gebiete jenseits der Oder-Neiße-Linie – wie die Ostzone – einschlössen, wenn wir von einem vereinigten Deutschland redeten."

Keine der beiden Seiten gab in diesem harten Gespräch nach. Adenauer betonte, ohne eine Interpretation in seinem Sinne gäbe es keine Ratifizierung des Deutschland-Vertrags, keinen Schuman-Plan, keinen Pleven-Plan, keinen deutschen Verteidigungsbeitrag: "Statt dessen werde die Bundesregierung in die Hände von Sozialisten und Neo-Nazis gleiten, die – im Zuge einer Neutralitätspolitik – bald zu Opfern der Russen würden." Kirkpatrick schließt seinen Bericht mit der Bemerkung: "Wir kamen schließlich zu dem Ergebnis, es bestehe keine Aussicht, daß unsere Diskussion zu irgendetwas führt." Der Kanzler müsse, falls er wolle, seine Sache erneut aufbringen, wenn er sich – zehn Tage später – mit den Außenministern in Paris treffe.

Im Lichte dieses Berichts wird deutlich, wie intensiv Adenauer in der Unterredung mit Acheson in Paris noch einmal versucht, seinen Standpunkt zur Geltung zu bringen – erfolglos. Aber so klar sich aus allen Quellen ergibt, daß die Westmächte nicht daran dachten, sich für die Rückkehr der Gebiete jenseits von Oder und Neiße zu verwenden oder auch nur die Hoffnung auf eine Volksabstimmung aufkommen zu lassen, sowenig gibt es einen Hinweis darauf, daß Adenauer mehr getan hat, als sein Scheitern zu registrieren.

Die bisher angeführten Quellen beziehen sich auf die Verhandlungen im November 1951. Bleibt da noch die Möglichkeit offen, daß Adenauer sich im halben Jahr bis zur Unterzeichnung des Deutschland-Vertrags dem alliierten Druck gebeugt hat, unter völliger Aufgabe, ja Verkehrung seiner so scharf vertretenen Position?