Japan im Wandel: Erst wechseln die Sitten, dann die Machthaber

Von Matthias Naß

Nichts ist beständiger als der Wandel. – Weshalb sollte die Regel, da sich doch in Ost und West so vieles ändert, ausgerechnet in Japan außer Kraft gesetzt werden?

Wer immer in den vergangenen Jahren das japanische Modell für unschlagbar gehalten hatte und sich schon vor die Alternative gestellt sah, es entweder dem fernöstlichen Inselvolk gleichzutun an Arbeitswut und Verzicht auf Lebenslust oder aber den Abstieg aus Wohlstand und Erfolg in Kauf zu nehmen, wer immer also Nippon als Angstgegner empfunden hatte, darf erst einmal innehalten. Japan ändert sich so geschwind, daß niemand sagen kann, wohin der gesellschaftliche Wandel die asiatische Industrienation führen wird.

Erstmals hat sich in Japan nun auch ein "Stück Machtwechsel" vollzogen, um an ein Wort aus der Zeit der ersten westdeutschen Wende zu erinnern. Noch bleibt vieles beim alten, und doch haben sich die politischen Kraftfelder verschoben. Bei den Wahlen am vergangenen Sonntag ging es zwar nur um die Hälfte der Sitze im Oberhaus. Doch die verheerende Niederlage der Liberaldemokraten (LDP), die erstmals seit ihrer Gründung 1955 die Mehrheit in der zweiten Kammer des Parlaments verloren, und der Triumph der Sozialisten könnten zu noch dramatischeren Weiterungen führen. Bei den nächsten Unterhauswahlen, vielleicht schon in diesem Herbst, droht den Konservativen in Japan der Verlust der Regierungsmehrheit.

Noch nie ist die LDP so von den Wählern gezaust worden. Generalsekretär Ryotaro Hashimoto hat das ganze Ausmaß des Strafgerichts begriffen, das über seine Partei hereingebrochen ist: "In gewisser Weise haben wir das japanische Volk verloren." Der unglückselige Ministerpräsident Sousuke Uno, gerade 53 Tage im Amt, zog denn auch die einzig mögliche Konsequenz. Die Stimmen waren noch nicht ausgezählt, da kündigte der Premier schon seinen Rücktritt an.

Das Desaster der Liberaldemokraten hat im wesentlichen vier Ursachen. Da war zum einen der Recruit-Aktienskandal, der die Nation über ein Jahr in Atem hielt. Nie zuvor hatte ein einzelner Unternehmer so dreist die ganze politische Führungsschicht zu kaufen versucht wie Hiromasa Ezoe, der ambitionierte Selfmademan und Gründer des Immobilien- und Informationskonzerns Recruit. Drei Minister stürzten, hochrangige Beamte und angesehene Manager wanderten ins Gefängnis. Schließlich mußte sogar Ministerpräsident Noboru Takeshita den Hut nehmen. Auch wenn die Beweise der Staatsanwaltschaft für eine Anklage gegen Takeshita und seinen Vorgänger Yasuhiro Nakasone nicht ausreichten; Die Glaubwürdigkeit der LDP war dahin.

Da war zum zweiten die neue Mehrwertsteuer, die entgegen früheren Versprechungen durch das Parlament gepeitscht worden war. Keine Entscheidung der Regierung hat in der Bevölkerung größere Empörung ausgelöst, wurde doch gleichzeitig die Steuer auf Luxusgüter abgeschafft. Vor allem die Hausfrauen, die in Japan das Familienbudget kontrollieren, stellten dafür am Wahltag die Quittung aus.

Abschied nehmen von Klischees

Zum dritten verübelten die Landwirte der Regierung die vorsichtige Liberalisierung der Agrareinfuhren. Unter amerikanischem Druck hat Japan die Importtarife für Rindfleisch und Zitrusfrüchte gesenkt. Die Bauern befürchten zudem einen Abbau der Agrarsubventionen, denen sie heute rund siebzig Prozent ihrer Einkünfte verdanken. Bisher war die Landbevölkerung die treueste Klientel der LDP.

Endlich erwies sich der Verlegenheits-Premier Uno als eitler Schürzenjäger, der sich nach den Enthüllungen der Geisha Mitsuko Nakanishi kaum noch zum Wirtschaftsgipfel in Paris traute. Auf den Straßen demonstrierten Japans Frauenorganisationen gegen Uno, im Parlament mußte sich der Premier nach seiner Meinung zur Prostitution befragen lassen. Die eigene Partei versteckte ihren Vorsitzenden vor den Wählern: Uno hatte sich vor der Nation und der Welt unmöglich gemacht.

Korruption und Ehebruch galten in der japanischen Politik früher als läßliche Sünden. Heute aber legen die Japaner strengere Maßstäbe an. Die alten Männer, die das Land im Machtkartell mit der Industrie regierten, hat dies bisher wenig gekümmert. Yasuhiro Nakasone etwa wies Fragen nach seiner Verwicklung in den Recruit-Skandal kaltschnäuzig zurück: "Champions brauchen sich nicht zu rechtfertigen." Kein Wunder, daß die Wähler der LDP die Kraft zur Selbstreinigung nicht zutrauten, zumal deren Vertreter im Wahlkampf auch noch eifrig in Fettnäpfchen traten. So verkündete Landwirtschaftsminister Hisao Horinouchi: "Frauen sind nutzlos in der Politik, sie gehören ins Haus." Und ein Vizeminister attestierte den Bauern, sie taugten nur zu körperlicher Arbeit, denn sie hätten "keinen Verstand".

Aber Pannen und Peinlichkeiten allein können den Wahlschock vom Sonntag nicht erklären. Die Gründe für die Niederlage der Liberaldemokraten reichen tiefer. Japans Gesellschaft befindet sich in einem raschen Wandel, auf den die Politik der Regierungspartei bisher keine Antwort gefunden hat. Lange betrachteten sich die Japaner als Angehörige einer egalitären Mittelklassegesellschaft. In den vergangenen Jahren jedoch hat sich das Einkommensgefälle verschärft. Die Explosion der Bodenpreise in den Städten spaltete die Bevölkerung in Landbesitzer, die phantastische Spekulationsgewinne einstreichen, und Landlose, für die der Traum vom eigenen Heim unerfüllbar bleibt. Während die neureichen Profiteure des Börsen- und Immobilienbooms mit den Statussymbolen ihres Wohlstands protzen, verzeichnen immer mehr Japaner einen Abstieg in die "untere Mittelklasse".

Mit dem Mythos von der Gleichheit ist aber auch die Opferbereitschaft der Nachkriegsgeneration verschwunden, die in einer gewaltigen kollektiven Kraftanstrengung aus den Trümmern der zerstörten Städte ein blühendes Wirtschaftswunder schuf, das die Welt erst in Erstaunen und dann in Schrecken versetzte. Noch immer arbeiten die Japaner im Jahr 500 Stunden länger als die Deutschen. Aber das Rackern im Betrieb gilt ihnen längst nicht mehr als einziger Lebenszweck.

Vor allem den Jugendlichen ist die Freizeit wichtiger als die Firma. Den Urlaub, den sich die Väter versagten, nehmen sie ganz selbstverständlich, und auch die lebenslange Treue zum Unternehmen gilt ihnen nicht länger als Ideal. Immer mehr junge Japaner sind bereit, den Betrieb zu wechseln, wenn ihnen anderswo ein höheres Gehalt, eine interessantere Tätigkeit und ein schnellerer Aufstieg geboten werden.

Wir dürfen also Abschied nehmen von manchen Klischees in unserem Japan-Bild. Besonders gilt dies für die Rolle der Frau. Früher verschwanden die Japanerinnen mit 25 Jahren hinter Kochtöpfen und Kinderbetten, heute ist die Zahl der berufstätigen Frauen bereits größer als die der Hausfrauen. Viele Karriereposten bleiben ihnen zwar noch immer verschlossen, aber der Widerstand gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz und gegen männliche Arroganz wächst.

Kein Glück im stillen Winkel

Während sich die japanische Gesellschaft rasant verändert hat, verharrte die Politik in ihren verkrusteten Strukturen. Von der LDP-Gerontokratie, deren Tun und Trachten sich oft genug im Postenschacher zwischen den fünf parteiinternen Fraktionen erschöpfte, sind Impulse nicht zu erwarten. Die Oppositionsparteien aber müssen ihre Gestaltungskraft erst noch unter Beweis stellen. Solange die Regierungsmacht in unerreichbarer Ferne war, konnten die Sozialisten ihr marxistisches Dogma und ihr klassenkämpferisches Pathos unbekümmert pflegen. Nun aber haben die Wähler sie in die Mitverantwortung genommen, sind konstruktive Alternativen zur Regierungspolitik gefordert. Unter Takako Doi sind die Töne bereits moderater geworden, ein "Godesberg" allerdings steht bei den japanischen Sozialisten noch aus.

Der Welt kann es nicht gleichgültig sein, wohin die zweitstärkste Industriemacht, das größte Gläubigerland steuert. Weniger aus eigener Einsicht als unter wachsendem Druck von außen hat sich Japan in der Ära der Liberaldemokraten zu mehr "Internationalität" bekannt. Die Bereitschaft, die eigenen Märkte für die ausländische Konkurrenz zu öffnen, ist von den Wählern nicht honoriert worden. Dennoch wäre es verheerend, würde Tokio die gerade erst zaghaft begonnene Liberalisierungspolitik nun wieder stoppen. Japan kann sich eine Inselmentalität nicht länger leisten; ein Glück im stillen Winkel gibt es für das reich gewordene Nippon nicht mehr. Im Handelskonflikt mit Amerika und Europa, bei der Lösung der Schuldenkrise und beim Kampf gegen Armut und Unterentwicklung in der Dritten Welt müssen die Japaner eine aktivere und mutigere Rolle spielen als in der Vergangenheit.

Die Führungskrise in der Regierungspartei und die sich nach den Wahlen abzeichnende innenpolitische Instabilität machen Tokio für das Ausland zweifellos zu einem schwierigeren, schwerer berechenbaren Partner. Für die Demokratie in Japan aber war der Wahlsonntag ein wichtiger Schritt nach vorn. Das Votum der Wähler hat einen überfälligen Anstoß zur Erneuerung der politischen Strukturen gegeben. Die Einparteienherrschaft der Liberaldemokraten neigt sich dem Ende zu. Das System der "Japan AG", das auf der Symbiose von Wirtschaft und Politik beruht, hat dem Land zwar in der Aufbauphase den nötigen Schub verliehen; der gesellschaftlichen Interessenvielfalt aber hat es schon lange nicht mehr entsprochen.

Eine Demokratie habe erst dann ihre Bewährungsprobe bestanden, sagte Gustav Heinemann 1969, "wenn eben nach ihren Regeln auch einmal ein Machtwechsel zustande gekommen ist". Diese demokratische Bewährungsprobe steht Japan noch bevor.