Der ruhelose Vordenker eines modernen Deutschlands

Von Arne Daniels

Drei Tage lag er in einem Graben, bis man ihn nordostlich von Kufstein fand: halb sitzend, mit Schnee bedeckt, in der Linken eine Reisepistole mit siebenzölligem Lauf, der Schädel von einer Kugel zerschmettert. "Der heute Totgefundene", protokollierte das Landgericht Kufstein an diesem 3. Dezember 1846, "ist unzweifelhaft der sehr bekannte deutsche Patriot Friedrich List von Augsburg."

Die Gerichtsarzte befanden nach der Obduktion, "daß der Untersuchte mit einem solchen Grade von Schwermut behaftet gewesen sei, welche ein freies Denken und Handeln unmöglich machte", und deshalb nicht als Selbstmörder zu betrachten sei. So konnte der Leichnam christlich bestattet werden, "ohne alles Geprange, um sieben Uhr früh, auf dem hiesigen Friedhof".

Der "sehr bekannte Patriot" Daniel Friedrich List – am 6. August 1789, vor genau 200 Jahren, in Reutlingen geboren – war ausgebrannt, desillusioniert und krank, als er sich am Morgen des 30. November seine Pistole vom Büchsenmacher Rossig laden ließ und zum Sterben in den Wald ging. An Lists Fähigkeit zu "freiem Denken und Handeln" konnte indes zeit seines Lebens kein Zweifel bestehen. Der Tote von Kufstein war einer der verfolgten und verleumdeten Liberalen des frühen 19. Jahrhunderts, ein ruheloser Erneuerer des politisch und wirtschaftlich rückständigen Deutschlands – oftmals besserwisserisch, unwirsch und stets unbequem.

"Er war der leidenschaftlichste Mensch, der mir je vorgekommen ist, damals noch jung, aber schon dick", erinnerte sich sein Mitstreiter Wolfgang Menzel an den damals 34jahrigen. "Wer ihn einmal gesehen hatte, vergaß ihn gewiß nie wieder, denn auf seiner kurzen und bequemen Figur erhob sich ein unverhältnismäßig großer lowenartiger Kopf. Seine Augen funkelten umher. Immer wieder spielten Gewittei um seine breite Stirne, und sein Mund flammte beständig wie der Krater des Vesuvs."

Sein Leben zählt zu den interessantesten und schillerndsten seiner Epoche, auch wenn heute vielen zu seinem Namen nur ein Komponist einfallt. Zu seiner Zeit aber hat er Entscheidendes in Bewegung gesetzt: als Beamter, Universitatsprofessor, Politiker, Journalist, Eisenbahnpionier und Nationalökonom. Seine Anhänger sahen in ihm den Visionär eines modernen, geeinten, industrialisierten Deutschlands, seine Kritiker einen Phantasten. Der ebenso mächtige wie reaktionäre österreichische Staatskanzler Fürst Metternich bekämpfte ihn als einen "der Tatigsten, Verschlagensten und Einflußreichsten der deutschen Revolutionsmanner". Nüchterner sah es Karl Marx. "Herr List", bemerkte er kühl, "halt die vollendete bürgerliche Gesellschaft für das anzustrebende Ideal."