Politiker und Techniker sind mit der Entsorgung der "Oostzee" überfordert

Von Fritz Vorholz

Die Forderungen auf den Transparenten sind eindeutig: "Atom und Gift, alles Mist", oder: "Giftschiff, verpiss dich". An der Mole eins der Schleuse zum Nord-Ostsee-Kanal in Brunsbüttel, unterhalb des alten Lotsenhauses, haben sich etwa hundert Bürger versammelt. Treffpunkt der Demonstranten ist ein weißer Bus mit Wiener Kennzeichen und dem Regenbogen-Emblem von Greenpeace.

Von diesem mobilen Stützpunkt aus beobachten die Umweltschützer, wie Behörden und Industrie versuchen, die Giftfracht des holländischen Schiffes Oostzee zu bergen. Für viele Bürger ist das seit zwei Wochen andauernde Gerangel um die Bergung und Entsorgung des havarierten Küstenmotorschiffes mit der Giftladung an Bord völlig undurchschaubar. Die Zuständigkeiten sind unklar, der Bergungsplan wurde mehrfach geändert. Erst gilt die Entsorgung auf See als sicherstes Verfahren, dann wird das Giftschiff in den Hafen zurückgeschleppt. Meßwerte werden als unbedenklich deklariert, Stunden später stellt sich heraus, daß doch Gefahr besteht. Während Offizielle trotz aller Pannen in bester Beamtenmanier behaupten, den Fall "in aller Sorgfalt abzuarbeiten", wird nach Auffassung von Umweltschützern nicht mal ein Minimum an Sicherheit garantiert. Ein Greenpeace-Sprecher: "Woher soll die Landesregierung auch die Erfahrung nehmen – bei 130 000 Chemikalien, die in der EG gehandelt werden?"

Nur einer bleibt gelassen: Horst Dietze, seit elf Jahren Hafenkapitän in Brunsbüttel. Sechs Millionen Tonnen werden in den drei Häfen der Stadt jährlich umgeschlagen, und sechzig Prozent davon sind Gefahrgut. Denn Brunsbüttel ist nicht nur eine Stätte der Erholung, sondern hat sich als Ergebnis einer verfehlten Ansiedlungspolitik auch zu einer kleinen Hochburg der Chemiebranche gemausert. Unfälle und Katastrophen passieren häufiger, nur Schlagzeilen haben sie noch nicht gemacht. Erst im vergangenen Jahr starb ein Mensch, als vor Brunsbüttel ein Schiff explodierte. In den Büroschränken des Hafenkapitäns werden die Aktenordner mit den Unfallberichten immer dicker. "Das ist gar nichts Besonderes", kommentiert Dietze deshalb, was jetzt bundesweit für Aufregung sorgt.

Keine besonderen Stauvorschriften

Was war passiert? Einer von Hunderten Gefahrgut-Transporten, die täglich in der Republik unterwegs sind, verunglückte – eine "alltägliche Gefahr", wie es in einem Report über Gefahrgut-Transporte heißt (Michael Schomers: "Giftig, ätzend, explosiv. Gefährliche Transporte auf unseren Straßen", Juni 1988). Jährlich werden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 377 Millionen Tonnen gefährlicher Güter transportiert – wegen statistischer Erfassungslücken ist das eher die untere Grenze, immerhin aber gut zwölf Prozent der Gesamtmenge aller transportierten Güter. Nach einer Untersuchung der Bundesanstalt für Straßenwesen waren in den Jahren 1982 bis 1984 allein auf den Straßen 2428 Gefahrgut-Fahrzeuge in schwere Unfälle verwickelt – pro Tag sind das mehr als sechs Unfälle mit gefährlichen Gütern.