Von Petra Kipphoff

Ein Bild wie ein erstes oder letztes Bild aus einem Drama von Tschechow oder Ibsen: Heinrich Vogelers "Sommerabend". Wer kommt an, wer reist ab, wer erschießt sich still hinter dem Haus? Die deutsche Bundespost, die dem Kunden gern unerklärte Werte überreicht, hat dieses Bild, das schönste Werk des norddeutschen Jugendstils, jetzt als 60-Pfennig-Marke mit dem Titel "100 Jahre Künstlerkolonie Worpswede" herausgebracht. Von Vogeler keine Rede. Von Vogeler ist überhaupt selten die Rede außerhalb von Worpswede. Reihenweise Überblicksausstellungen und Bücher in Sachen deutscher Kunst, die ohne ihn auskommen. Nun aber darf er, wenn auch inkognito, das Künstlerdorf Worpswede repräsentieren. Und in Worpswede, wo man bereits einen Sommer lang den Busladungen von Sandalenträgern und Tortenverzehrern die gute, karge Zeit der frühen Kunst vorführte, gibt es jetzt zwei Vogeler-Ausstellungen unter dem Gesamttitel "Worpswede – Moskau" zu besichtigen.

Der "Sommerabend": Auf der Terrasse vor Vogelers geliebtem "Barkenhoff", dem nach seinen Plänen umgestalteten Landhaus am Weyerberg vor Worpswede, sitzen und stehen Freunde hinter einer Balustrade, zwischen Rosensträuchern und Halbkugelbäumen: unter ihnen Paula Modersohn-Becker, ihre Freundin Clara Westhoff-Rilke, Vogelers Bruder Franz mit der Violine, irgendwo im Hintergrund der griesgrämig dreinschauende Otto Modersohn. Vogeler selber ist fast ganz von seinem Bruder verdeckt, mitten im Bild jedoch als fast majestätische Zentralfigur steht Martha Vogeler, das von ihm entdeckte Worpsweder Bauernmädchen und Modell, das er sich nach seinen Pygmalion-Träumen für seine harmonische, von der Teetasse bis zum Blumenkübel durchstilisierte "Insel der Schönheit" geformt hatte. Aber als Vogeler dieses Bild malte, hatte die von ihm streng und sehnsuchtsvoll inszenierte Idylle bereits einen Sprung. Paula Modersohn-Becker war auf der Flucht nach Paris, Rainer Maria Rilke, der eigentlich zu diesem Bild der Freunde dazugehörte, hatte Clara Westhoff und seine kleine Tochter verlassen, Martha Vogeler schaut blicklos in die Ferne, in der bald der Liebhaber auftauchen sollte, mit dem sie den gequälten Vogeler in aller Offenheit betrog.

Einen "Glückspilz" hatte Paula Modersohn-Becker den Freund der festlichen Zusammenkünfte genannt, bei denen, das war zwischen 1900 und 1903, in der Diele des Barkenhoff Musik gemacht, Poesie vorgetragen und die Unterhaltung gepflegt wurde. Vogeler, 1872 als Sohn eines wohlhabenden Eisenhändlers in Bremen geboren und nach einem Studium an der Düsseldorfer Akademie nun als knapp Dreißigjähriger mit seinen präraffaelitischen Träumereien von Birken, Mädchen, Rittern und Parks zu Ansehen gelangt, mußte der jungen Frau, die noch tief in den Problemen der Selbstfindung steckte, in der Tat wie ein Glücksritter erscheinen. "Vogeler ist da", schreibt Rilke, der nicht nur in Briefen und Tagebüchern über das kurze Faszinosum namens Worpswede berichtete, sondern auch eine immer noch lesenswerte kleine Studie "Worpswede – Monographie einer Landschaft und ihrer Maler" verfaßt hat, "seine Gestalt leicht und ruhig. Die Augen dunkel, glanzlos. Der hoch geknöpfte Hals mit der feinen Kamee, die hohe Sammetweste ... ein Bild. Ein unendlich fernes Ahnenbild." Und: "Alle Märchen seines großen, alten Skizzenbuches fangen mit den Worten ‚Es wird einmal sein...‘ an ... Er ist der Meister eines stillen, deutschen Marienlebens, das in einem kleinen Garten vergeht."

Rilke, der enervierend Feinnervige, hat Vogelers Eigenart und die heraufziehenden Probleme so poetisch und exakt beschrieten wie kein anderer. Der eben noch gefeierte Künstler und Meister der Buchausstattungen, der die Titelblätter der "Insel" entworfen hatte, rückte mit dem heraufkommenden Expressionismus in den Hintergrund des Kunstgeschehens. Mehr und mehr beschäftigte er sich mit dem Entwerfen von Möbeln, ein Interesse, das bei ihm, der seine ganze Lebensumgebung durchgestaltet hatte, nicht neu war. Aber jetzt, wo es um Serienmöbel für einfache Einfamilienhäuser ging, trat das sozialreformerische Element in den Vordergrund. Gleichzeitig wurden seine Bilder, Portraits und immer wieder der Barkenhoff, weltlicher, realistischer. Aber die Welt wollte von Vogeler nichts wissen, und so war es für ihn wie eine Erlösung, als er sich 1914 als Kriegsfreiwilliger melden konnte. Er kam in die Karpaten, nach Galizien, Rumänien und fertigte hübsche Zeichnungen an. Bei Kriegsende schickte er einen Offenen Brief an Kaiser Wilhelm II., genannt "Das Märchen vom lieben Gott", ein schrecklicher, schriller Schrei, der mit den Worten endet: "Du bist Sklave des Scheins, werde Herr des Lichts ... In die Knie vor der Liebe Gottes, sei Erlöser, habe die Kraft des Dieners! Kaiser!"

Vogeler rechnete mit Erschießung, aber er kam nur für einige Wochen in die Irrenanstalt. Sein weiterer Weg war eine konsequente Tragödie. Er wurde Mitglied des Arbeiter-Rats Worpswede, machte aus dem Barkenhoff 1919 eine Kommune, übergab nach deren Scheitern das Haus der "Roten Kinderhilfe". Nach einer ersten Rußlandreise mit Sofia Marchlewska, seiner späteren zweiten Frau, tritt er in die KPD ein. Mit seinen "Komplexbildern", großen aus Bild-Splittern gefügten Agitationstafeln, setzt er sein politisches Engagement in Propaganda um. Die "Geburt des Neuen Menschen": das ist nicht nur der Titel eines künstlerisch rundum mißlungenen Bekenntnisbildes, es ist auch Vogelers Credo, von dem er, auch über schreckliche Enttäuschungen und bittere Erfahrungen hinweg, bis zu seinem Tod nicht wieder abläßt. Im Jahr 1931 geht Vogeler, der in Berlin kaum noch das Nötigste zum Leben verdienen konnte und aus der KPD ausgeschlossen wurde, endgültig in die Sowjetunion. Er entwirft Produktionsstätten für die Landwirtschaft, Propagandaplakate, reist unter härtesten Bedingungen im Regierungsauftrag durch die Republiken, um in einer Art von dokumentarischen Zeichnungen und Aquarellen die wirtschaftlichen und sozialen Zustände festzuhalten; er verfaßt kunstkritische Aufsätze und Reiseberichte. Im September 1941, als die deutschen Truppen vor Moskau stehen, wird Vogeler zwangsumgesiedelt nach Kasachstan und kommt bei der Familie eines Kolchosbauern unter, wo neun Menschen in zwei Zimmern hausen. Trotz des rapiden Verfalls seiner Gesundheit verdient Vogeler, der ohne Geld ist, sich seine Brotration durch Erdarbeiten beim Staudammbau, arbeitet weiter an Flugblättern und Rundfunktexten.

Im Frühjahr 1942 verweigert ihm die Bauernfamilie, der er nichts zahlen kann, die Nahrung. "Jetzt ging ich betteln bei Evakuierten", schreibt Vogeler in einer seiner letzten Notizen. "In einer der Hütten, die ich aufsuchte, teilte eine Frau ihre Suppe mit mir ... Der Gedanke, in den letzten Tagen wie ein räudiger Hund an den Türen der Hütten zu betteln, hatte mich doch sehr heruntergebracht ... daneben richtete sich doch immer die Wirklichkeit auf, daß ich nun zehn Jahre antifaschistische Arbeit gemacht hatte." Die wahrscheinlich letzte Nachricht von ihm ist eine Postkarte vom Juni 1942, wo er von seinem Transport in ein, wie er sagt, "primitives Krankenhaus" berichtet: "Ich bin abgemagert wie ein Gespenst, friere bei jedem Wetter, die Eigentemperatur übersteigt nicht mehr 36. Da ich keine 20 Schritte mehr gehen konnte, hatte ich mit diesem letzten einsamen Depressweg abgeschlossen ..." Heinrich Vogeler starb am 14. Juni im Krankenhaus des Kolchos von Budjonny. Bis vor kurzem noch war sein Grab unbekannt. Jetzt ist in der Worpsweder Ausstellung ein Photo zu sehen, das den Sohn Jan Jürgen Vogeler, Professor für Philosophie in Moskau, am plötzlich installierten Ehrengrab zeigt. Die Ortsangabe im Niemandsland: Kolchos Budjonny, Poststation Konejewska, Bezirk Woroschilow, Gebiet Karaganda, Kasachische SSR.