Dreyfus brennt

ARD, Sonntag, 6. August, 20.15 Uhr: "– trotzdem!", Fernsehfilm von Karl Fruchtmann (Buch und Regie)

Es hätte ein Film über Emile Zola werden können. Ernst Jacobi spielt als Zola die Hauptrolle, er spielt den zugleich kindsgläubigen und furchtsamen Dichter in seinen Erfolgsjahren. Sein Umgang mit dem Erfolg nach langen Hungerjahren ist aber nicht Gegenstand des Films, ein gutbürgerliches Interieur erzählt das Nötige. Zola bei einem Essen mit Freunden: "Ich esse zuviel, vielleicht macht mich mein Leben nicht satt."

Es hätte also auch ein Film über das verpaßte Leben des Dichters Zola werden können, über einen, der im Leben nicht satt wird und deshalb schreibt. Wenn er mit seiner Frau Domino spielt, sieht man die verpaßte Lebenszeit durch sein Gesicht rasen. Und immer wird das Spiel abrupt abgebrochen, nie wird der Friede, die Zufriedenheit ausgehalten.

Fruchtmann zeigt uns den Lebensgenuß dieses Mannes nur in winzigen symbolischen Szenen, dieses Glück wird im Film nur behauptet, wichtig ist etwas anderes. Wir sehen, wie dieser Zola seine Liebschaft mit der Hausangestellten, seine Glücksstunden kostet wie seltenes Obst. Was für gewohnliche Menschen das tägliche Brot ist, das ist für ihn die kostbare Ausnahme – der Besuch bei seiner jungen Frau, bei den Kindern auf dem Land. Aber auch das Thema seiner Lebensferne wird nur gestreift, es ist nicht die Hauptsache.

Es hätte ein Film werden können über einen Mann, der sich durch ein Leben quält, das er nicht leben, sondern nur schreiben kann. Wir sehen, wie dieser Zola an sich selbst leidet, an der eigenen Unfähigkeit, sich zu öffnen, hinzugeben, an einer tiefen Angst vor allem, was Tat ist, und wie er sich statt dessen in ein lächerliches Wahrhaftigkeitspathos hineinsteigert. Wie er versucht, seiner unlebbaren Existenz zu entkommen dorthin, wo er unerreichbar ist, wo er sich nicht vergleichen muß, wo er nicht dazugehören muß, ins Reich der lichten, reinen Ideen.

"Ich bin keusch", sagt er schamhaft, und die Freunde schmunzeln; aber es ist ganz ernst gemeint. Und dann macht der Keusche doch den Fehler, etwas zu tun, sich in die Belange der Welt zu mischen: Er setzt sich mit vehementen Streitschriften für den verurteilten Alfred Dreyfus ein, er wird wegen falscher Behauptungen verklagt, er kommt vor Gericht ins Stottern: "Verzeihung, ich bin Schriftsteller, es kann passieren, daß ich mich falsch ausdrücke" – wieder ein Grund, ihn auszulachen.

Aber auch das Dilemma des engagierten Dichters ist nicht die Hauptsache in diesem Film. Die Hauptsache sind die Bilder des Karl Fruchtmann, der einige Jahre in deutschen Konzentrationslagern verbracht hat. Er findet überall Gesichter, die fähig sind, den "Juden Dreyfus" schuldlos über die Klinge springen zu lassen. Es sind Gesichter von (Offizieren und ihren Damen, von oben her durch goldene Lüster hindurch beobachtet, es sind die unsichtbaren Gesichter derer, die faules Obst nach Zola werfen. Es sind die Scharniergesichter der Holzmarionetten, die die Dreyfus-Moritat vorführen.

Dreyfus brennt

Schrille Überzeichnungen und ein Pathos, das an sich selbst erstickt – und doch ein Film, in dem es brennt: Der Jude Dreyfus brennt, und sein Gesicht zerschmilzt, als wäre es Wachs.

Martin Ahrends