Von Hanno Kühnert

Karlsruhe

Er sitzt wieder hinter deutschen Gittern. Der rechtskräftig zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilte NS-Scherge und KZ-Mörder Gottfried Weise ist wieder eingefangen – ohne Zutun der deutschen Justiz. Der 68jährige, die größere Hälfte seines Lebens ein biederer Bürger, hielt wohl die Existenz des flüchtigen Verurteilten und – nach einem Herzinfarkt – den Aufenthalt in einem ausländischen, einem Schweizer Krankenhaus nicht aus. Er konnte seine wirkliche Identität als verurteilter ehemaliger Aufseher im KZ Auschwitz in der Schweiz nicht lange verbergen. Als "Gerhard Sieber" hatte sich Weise zwölf Wochen in einem Haus in Faulensee im Kanton Bern versteckt. Erschien ihm der deutsche Strafvollzug, die Obhut in der deutschen Justiz, als das kleinere Übel? Die Schweizer nahmen ihn mit spitzen Fingern fest und wollten ihn möglichst rasch loswerden. Weise wollte es nicht auf ein Auslieferungsverfahren ankommen lassen und ließ sich daher freiwillig in den Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes setzen, um ins nordrheinwestfälische Haftkrankenhaus Fröndenberg geflogen zu werden.

Ein Blick auf seine Prozeßgeschichte und die unglaublichen Pannen, die der Justiz alptraumhaft gerade bei solchen Tätern unterlaufen, zeigt, daß der wiedereingefangene Weise auch jetzt noch nicht verzagen muß. Allzu viele Richter und Staatsanwälte haben sich nicht geändert. Sie sind gegenüber den Nazimördern überaus milde, sorglos und schlampig. An politische Aspekte oder an das Ansehen ihres Landes denken sie schon gar nicht. Immer noch stellen sie ein starkes Kontingent in einer sonst durchaus gewandelten Justiz.

Weise war am 28. Januar 1988 in Wuppertal wegen fünffachen Mordes zur Höchststrafe verurteilt worden. Die Schwurgerichtskammer wies ihm nach, daß er einem achtjährigen Jungen in Auschwitz Konservenbüchsen auf Schulter und Kopf gestellt und darauf mit der Dienstpistole geschossen hatte. Danach erschoß er den um sein Leben weinenden Jungen. Zuvor war er mit einem etwa siebzehnjährigen Mädchen ähnlich grausam umgegangen und hatte es schließlich getötet.

Der SS-Unterscharführer wurde von den Häftlingen der Wilhelm Teil von Auschwitz genannt. Diesen vielfach mordverdächtigen Mann hatte das Schwurgericht selbstverständlich in Untersuchungshaft gesteckt. Dort saß er sieben Monate, aber das Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf als höhere Instanz kam seiner Haftbeschwerde nach und ließ Weise frei. Der Dritte Strafsenat dieses Gerichtes zeigte unübliche Milde. Er fand zwar den dringenden Tatverdacht bestätigt, bejahte auch Fluchtgefahr, dachte aber, durch eine Kaution lasse sich diese minimieren. Weise nahm 300 000 Mark auf sein Haus auf und war frei.

In der Wuppertaler Hauptverhandlung schwieg. Weise, nachdem er erklärt hatte, er habe mit den Häftlingen in Auschwitz keine Differenzen gehabt und nie aus seiner Dienstpistole geschossen. Doch wurde Weise als Täter gräßlicher Grausamkeiten und privater Morde identifiziert. Selbst nach der Verurteilung zu lebenslanger Haft wurde er aber nicht im Gerichtssaal verhaftet. Man glaubte nicht, daß er die 300 000 Mark riskieren würde, und man dachte auch nicht daran, daß hier eine Kaution unmoralisch war. Weise verließ also den Gerichtssaal als freier Mann, weil seine Verurteilung noch nicht rechtskräftig war.