Es ist zehn vor elf in Paris, 1959. Jean-Paul Belmondo klaut ein Auto, fährt aus der Stadt auf die Landstraße, schießt auf die Sonne, wird verfolgt und gestellt, erschießt einen Polizisten und rennt über die Felder davon. Alles geht so leicht, so schnell. Da ist Jean Seberg, sie verkauft die New York Herald Tribune auf den Champs-Elysées, und Belmondo fragt sie, ob sie heute abend mit ihm schlafen wolle. "Ich will mit dir schlafen, weil du schon bist." – "Bin ich nicht." – "Dann, weil du häßlich bist." Da ist auch Jean-Pierre Melville, er spielt den berühmten Schriftsteller Parvulesco, und als Jean Seberg ihn fragt: "Was wollen Sie?", antwortet er: "Unsterblich werden – und dann sterben." Schon nach den ersten Szenen sind alle außer Atem, die Schauspieler, die Zuschauer, die Bilder, und als Belmondo dann mit einer Kugel im Rucken auf dem Pflaster zusammenbricht, bläst er noch eine Rauchwolke aus, wie eine Pistole nach dem Schuß. Unsterblich werden und dann sterben, das dauert neunzig Minuten, und am Ende ist Belmondo ein Star, Godard ein Genie und der Film ein Klassiker.

"Außer Atem" nach dreißig Jahren, das ist ein endloses Wiedersehen, Wiederhören, Wiederlesen. ",A bout de souffle‘ – eines Schweizers Erstling" stand am 5. Mai 1960 in der Neuen Zürcher Zeitung, Jean-Luc Godards Film ‚A bout de souffle‘: Ein Wunder, sagt Cocteau" eine Woche spater in der ZEIT. Im Juni 1981 war der Film für die Szene Hamburg erst "dreizehn Jahre alt" und deshalb "erstaunlich frisch", und der Kritiker des Hamburger Abendblatts erinnerte sich daran, wie Jean Seberg und Belmondo "unter der Bettdecke Fangen spielten". Man müßte eine Geschichte der Geschichten schreiben, die über diesen Film erzahlt worden sind; das würde Godard gefallen, der von Anfang an gewußt hat, daß Filmkritiken nicht von Filmen handeln, sondern von Wünschen.

"Ich war übrigens dreißig, als ich meinen ersten Film machte." 1959 war Godard praktisch ein Niemand, ein Filmkritiker, der ein paar Kurzfilme gedreht hatte, ohne Erfolg, ohne Beziehungen, ohne Geld. Die Story zu "Außer Atem" hatte er von François Truffaut bekommen, der mit "Sie küßten und sie schlugen ihn" gerade zum Musterknaben der Nouvelle vague avanciert war. Godard stand abseits, es ging ihm schlecht; für Truffaut war er "fast schon ein Clochard", als die Dreharbeiten begannen. "Außer Atem" war ein Himmelfahrtskommando: jetzt oder nie. "Alle ersten Filme sind so, im allgemeinen, weil sie immer erst so spät gemacht werden." Es wurde eine Himmelfahrt, der Film spielte ein Vielfaches seiner Produktionskosten ein, und Godard hatte das Muster von "Außer Atem" sicher noch vier-, fünfmal erfolgreich variieren können. Aber da war er schon einen Schritt weiter und drehte "Le petit Soldat", der von der französischen Zensur prompt für drei Jahre verboten wurde.

April 1959: Jean-Luc Godard, Filmkritiker, erzählt von einer Offenbarung. "Man hat es sicher schon gemerkt, ich werde eine irrsinnig lobende Kritik über den neuen Douglas Sirk schreiben, allein, weil mir der Film das Blut in die Wangen getrieben hat." Schon der Titel des Films ist ein Wunder: "Die Zeit zu lieben und die Zeit zu sterben, ich werde nie müde werden, diese neun unerschütterlich neuen Wörter zu schreiben." Genau davon wird sein Film handeln, Godards Erstling, der auch deshalb "A bout de souffle" heißt, weil der andere Titel schon vergeben war.

Die Zeit zu lieben und die Zeit zu sterben: Jean-Paul Belmondo wird von der gesamten Pariser Polizei gejagt, sein Bild prangt auf den Titelseiten der Zeitungen, Leuchtschriften an den Kaufhäusern verkünden seine baldige Verhaftung, und dennoch flieht er nicht, setzt sich nicht ab, sondern bleibt bei dem amerikanischen Mädchen, das ihn nicht lieben will und das ihn am Ende verät, fährt mit ihr durch die Straßen, verfolgt sie, wartet in ihrem Hotelzimmer und liefert sich ihr aus. Und die Kamera liebt Jean Seberg, sie kann kaum genug Bilder von ihr aufnehmen, hält mitten in der Bewegung inne, setzt neu an und klebt die Augenblicke aneinander, läßt alle klassischen Kinoregeln hinter sich und hört nicht auf zu schauen: die Augen, der Mund; das Profil, der Hinterkopf, das Gesicht. Wenn Belmondo und Jean Sebeig sich unter der Bettdecke kitzeln und umarmen, ist die Kamera mit dabei, und als ein anderer Mann Jean Seberg eine Geschichte erzählen will, schneidet sie eifersüchtig in seine Sätze und Gesten hinein, bis nur noch ein konfuses Gestammel übrigbleibt.

Die revolutionären Schnitte, die unverschämten Ellipsen, mit denen Godard die Illusionshülle des Kinos zerbricht, sie sind vervielfachte Liebesblicke; die legendären Kamerafahrten und Schwenks nur der zerstreute Ausdruck eines Gefühls, das in der Außenwelt keine Entsprechung mehr findet. Belmondo hat sein Ganovengesicht später als Markenartikel in Krimis und Komödien verramscht; hier, am Anfang seines Ruhms, sieht es noch aus, als steckte ein Mensch dahinter und keine Kinopuppe. "Was liebst du mehr? Meine Augen, meinen Mund oder meine Schultern?", fragt ihn Jean Seberg. Vier Jahre spater, in "Die Verachtung", sagt Brigitte Bardot fast dieselben Worte zu Michel Piccoli, und auch diese Geschichte endet mit dem Tod. "Wir sind Tote auf Urlaub" liest man in "Außer Atem" auf einem Buch. Es ist von Lenin. So gehören Liebe und Politik zusammen.

Seltsam, daß niemand an "Außer Atem" gedacht hat, als drei Jahre später der erste Film eines 39jährigen Italieners ins deutsche Kino kam: "Accattone" von Pier Paolo Pasolini. Pasolinis Rom ist so gespenstisch wie Godards Paris, und Franco Citti läuft so unbeirrbar in seinen Tod wie Jean-Paul Belmondo. Als der kleine Gauner Accattone sterbend auf dem Plaster liegt, flüstert er: "Jetzt bin ich glücklich." Als Belmondo stirbt, sagt er zu Jean Seberg: "Du bist wirklich zum Kotzen." Aber Jean Seberg, die Amerikanerin in Paris, weiß nicht, was das Wort degueulasse bedeutet. Das ist die Strafe für ihren Verrat: Wer nicht liebt, versteht auch nichts.

Vor ein paar Jahren lief "Accattone" in den Programmkinos. Jetzt wird "Außer Atem" wiederaufgeführt, zum ersten Mal im Original mit deutschen Untertiteln. Versäumen Sie ihn nicht. Denn im Kino ist es fünf vor zwölf. Andreas Kilb