Sie war eine Liebende; und ganz unbestechlich – eine Närrin der Literatur, Freundschaft bietend den Schriftstellern und nie je deren Arbeit durch Kumpanei-Kritiken niedrig machend: Gisela Lindemann, Essayistin, Kritikerin, Literaturredakteurin des III. Programms vom NDR, die jetzt einundfünfzigjährig einen Unfalltod starb, den man nicht akzeptieren mag.

Früher es ist wohl lange her – gab es solche Menschen in Buchverlagslektoraten und Zeitungsredaktionen: spielerisch Besessene. Unerbittliche Freunde. Sorgsame Genauigkeitsfanatiker – die dennoch den nächtlichen Wein-Tisch nicht mit dem Schreibtisch verwechselten, die eines Autors Freund sein konnten und ihn deswegen nicht schonten. Moritz Heimann muß so einer gewesen sein, Hans Paeschke war es gewiß. Und Gisela Lindemann. Eine, die sehr leise sehr fanatisch der Literatur diente.

Wer ihre Freude miterlebt hat, wenn ein Gedicht gelungen, eine Sendung gut geraten, sie gar einen Schriftsteller – wie die DDR-Autorin Brigitte Burmeister – „entdeckt“ hatte, der weiß: Das steckte an. Eine seltene Krankheit hierzulande – gebildete gute Laune.

Mit der hat Gisela Lindemann – oft in dieser Zeitung – so zarte wie nachdenkliche Essays geschrieben; über die Aichinger und den Fried, die Mayröcker und den Améry. Das lief nicht unter dem modischen Horror-Wort „weibliche Ästhetik“, das war ganz eigenständig, kenntnisreich, sorgsam, genau. Ob ihr die jahrzehntelange Funk-Arbeit das Ohr für den falschen Ton geschärft hatte? Er entging ihr in keinem Fall – nicht in der Gedichtzeile und nicht beim Kantinenklatsch der tausend grauslichen Jurysitzungen. Da war ein Element von urteilsfähiger Gerechtigkeit, das ich getrost Noblesse nennen möchte: unvergeßlich der Wechsel von Freude zu Angewidertsein auf diesem schönen Gesicht.

Ihre Arbeit im Funk war nicht Verbindung per Telefax, sondern eine stete Bindung an die Literatur, voller aussterbender Gesten: eine Blume, ein Telegramm, ein Vier-Seiten-Brief über einen schwachen zweiten Absatz auf Seite drei. Hinter der berühmten Glasscheibe im Hannoverschen Studio saß da keine auf einem Job, sondern eine Hüterin. Verwalterin nicht von Zeilenzahlen und Sendeminuten, sondern Anregerin. Eine Rolle, die sie übrigens glücklich machte. Von diesem Glück hat sie weitergegeben. Nicht vergessen soll ihr sein, wie vielen Autoren sie Brot gab – das Werk etwa Jean Amérys oder Hubert Fichtes (dessen Nachlaß-Besorgerin sie war) gäbe es nicht ohne diese Gisela Lindemann. Es ist ein bitterer Anlaß, diesen Dank abzustatten.

Fritz J. Raddatz