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Von Dorothea Hilgenberg

Weites Land und ein Himmel, der ins Unendliche ragt – kein Laut dringt in die Friedlichkeit, die Zivilisation scheint selbst die Hauptstraßen vergessen zu haben: Der Weg, der sich über Klein Vielen durch Acker und Buchenwälder windet, war am Anfang noch geteert, verwandelte sich aber bald in gemütliches Kopfsteinpflaster und schlängelt sich nun als Sandpfad durch Baumalleen und Felder, märkischer Sand, so locker und fein, als wäre er gemahlen.

Hartwigsdorf kündigt sich an: ein kleiner Weiher, eine verwitterte Scheune, drei oder vier Häuser. Zu sehen ist niemand – außer einer Bäuerin, die schnalzend eine Schar junger Gänse hinters Haus treibt: "Die sind für Weihnachten, wenn die Kinder kommen." Ein kurzer Plausch, Ausflügler gibt es hier selten. "Die Havelquelle? Ja, die muß hier irgendwo sein."

Von Berlin aus hatten wir versucht, dem Flußlauf zu folgen – Oranienburg, Liebenwalde, Zehdenick, Fürstenberg..., bis sich die Spur verlor. Wir hatten Kanäle überquert, Bäche und Buchten. Wir waren durch schattige Alleen gefahren, durch Buchenhaine und Mischwälder. Und immer wieder hatten wir Seen passiert, deren Ruhe kein Boot, kein Mensch zu stören schien – Havelseen.

Die Havel ist eine 377 Kilometer lange Kette von Buchten, die die jeweiligen Regenten der Mark Brandenburg seit dem 15. Jahrhundert durch Kanäle und Wasserstraßen zu einem dichten Verkehrssystem ausbauten, ein Netz, das Ost- und Westeuropa, Oder und Elbe, Haupt- und Nebenflüsse harmonisch miteinander verbindet. Seinen üppigen Ausformungen verdankt der größte Nebenfluß der Elbe auch den Namen: Haf ist altnorddeutsch und heißt See.

"Grüß Gott dich, Heimat! ... Nach langem Säumen / In deinem Schatten wieder zu träumen ...", besang Theodor Fontane sein geliebtes Havelland, dessen landschaftliche Reize die Unternehmungslust der naturverbundenen Berliner seit Generationen beflügeln. An die grünen Strände der Havel zwischen Heiligen- und Griebnitzsee zieht es Wanderer und faulenzende Sommergäste noch heute.

Zwischen den Ufern von Lücher, Brücher, Horste und Lanken errichteten Zisterziensermönche Klöster und Kirchen, bauten Askanier Schlösser und Burgen. Auf einer Landzunge in der Havel schufen sich die Hohenzollern mit dem Schloß Sanssouci ihr deutsches Versailles. An den Gestaden des Flusses träumten sich Preußens Königskinder nach Italien: In Glienicke bei Potsdam wurde die Havel zur strahlenden Kulisse für ein mediterranes Arkadien, das Schinkel, Persius und Lenné auf die Anhöhe einer lieblichen Uferlandschaft zauberten – klassizistische Pavillons, umsäumt von duftenden. Blumen, Parks und Pleasuregrounds, Säulengänge zum Wandeln, Springbrunnen und Wasserspiele zum Verweilen.

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Wer sich nach romantischer Abgeschiedenheit sehnte, setzte über zur nahen Pfaueninsel, wo sich Friedrich Wilhelm II. ein Schloß in der damals hochmodernen Ruinenform errichten ließ. Die Schlösser von Glienicke, Babelsberg und der Pfaueninsel gruppieren sich um die einstige Residenz: "Von Potsdam aus wurde Preußen aufgebaut, von Sanssouci durchleuchtet", würdigte Fontane in seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" das einstige Machtzentrum am Fluß und fügte nicht ohne Lokalstolz hinzu: "Die Havel darf sich einreihen in die Zahl deutscher Kulturströme."

Den Strom beschreibt er als einen Halbkreis, der von Norden kommt und wieder gen Norden zieht. "... Wer sich aus Kindertagen jener primitiven Schaukeln entsinnt, die aus einem Strick zwischen zwei Apfelbäumen bestanden, der hat die geschwungene Linie vor sich, in der sich die Havel unseren Karten präsentiert."

Wir suchen den Anfang, den oberen rechten Zipfel der Schaukel, den zu beschreiben kein Literat vorausgeeilt ist. Er liegt im Revier der Mecklenburgischen Seenplatte, im Norden der DDR. Die Recherchen sind mühsam und fördern allerlei Ungereimtheiten zutage. Schon dem Flußlauf auf der Karte in Richtung Norden folgen, wird zum Problem: Buchten und Seen mit immer neuen Namen tauchen auf, sind aber dennoch Teil der Havel. Selbst Seenplatten, die ihr nicht zugehören, sind durch Kanäle und Wasserstraßen mit ihr verbunden. Trainierte Paddler können über die Havel den Müritz-See ansteuern.

Wer von Fürstenberg aus nach Nordwesten in das Landschaftsschutzgebiet zwischen der Straße 193 und der Müritz reisen will, sollte in der Kunst des Kartenlesens zu Hause sein, es gibt viel zu entdecken, doch wenig Quellenmaterial. Reiseführer lassen uns mit Erkenntnissen über die Idylle zwischen Mühlensee, Pieversdorf und Kratzeburg im Stich.

Der Brockhaus nennt zwar einen Dambecker See als Havelquelle, sagt aber nicht, ob er im Osten oder im Westen der Mecklenburgischen Seenplatte liegt. Es gibt nämlich zwei Seen gleichen Namens. Daß sich unserer bei Neustrelitz befindet, verrät immerhin das dtv-Lexikon. Doch erst ein zeitgenössischer Heimatkundler, der DDR-Autor Franz Fabian, teilt uns in seinem Buch "An der Havel und im märkischen Land" mit, daß das Quellgebiet nordwestlich des Dambecker Sees, nahe dem Dörfchen Pieversdorf, zu suchen ist. "... Von hier aus schlängelt sich das ‚Wässerchen‘ in seltsamem Zickzacklauf durch eine Menge kleinerer und größerer Gewässer der Mecklenburgischen Seenplatte..."

Eine klare Auskunft, wäre man nicht auf eine VEB-Publikation über "Berlin und die märkischen Wasserstraßen" und einen neuen Namen gestoßen. "Der Quellsee der Havel", heißt es da auf einmal, "ist der unweit von Kratzeburg gelegene Middelsee." Dambecker See, Middelsee – die Generalkarte markiert gleich einen Kranz kleiner Gewässer als "Quellseen". Die Wanderkarte des DDR-Tourist-Verlags geht noch weiter ins Detail und weist ein kleines Sumpfgebiet etwa 200 Meter weiter nördlich als "Havelquellwasser" aus.

Wieviel anschaulicher wußten einstige Wandervögel ihren Sportskameraden Zauber und Unbill des Flußgebiets zu schildern. Nehmen wir den – leider anonym bleibenden – Naturfreund, der für das "Märkische Wanderruderbuch" von 1925 jede Station seiner Bootstour im Detail festhielt. Er ermachte sich die Havel Schleuse für Schleuse und machte auch vor den schwer passierbaren Strecken des Ursprungsgebiets nicht halt:

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"Die Wasserverhältnisse sind im obersten Lauf oft sehr ungünstig. Vor allen Dingen sind die Einfahrten zu den Fließen vielfach verkrautet und mit Schilf bewachsen. Bohnenstangen mitten im Schilf bezeichnen die Fahrstraße. Brücken zum Übertragen respective Durchführen des Kanus sind zu überwinden, darum Treidelleine nicht vergessen. Aber schön ist es doch hier!"

Und immer noch unberührt. "Wie früher", meinen alle, die auf verträumten Pfaden hierher gefunden haben. Wie früher – die Enten, die über den Sandweg von Hartwigsdorf watscheln, der Dorfteich, der sich unter blühenden Seerosen und dichtem Röhricht versteckt, das Quaken der Frösche, das Säuseln der Wipfel, die nur noch von den ausladenden Kronen rotstämmiger Kiefern überragt werden.

Außer der Bäuerin gibt es niemanden, den wir nach dem Weg fragen können. "Am letzten Haus den Weg links, immer geradeaus am Kreutzsee vorbei", dann der Schlangenlinie des Pfads folgen. Die Wanderkarte weist ihn sogar als Busstrecke nach Pieversdorf aus.

Der kleine Ort liegt träge in der Sonne. Früher könnte er zu einem Gut gehört haben, doch statt bäuerlicher Viehwirtschaft breitet sich nun Datschenkultur diesseits und jenseits des Hauptweges aus. Kurz darauf ereichen wir eine Anhöhe. Dort öffnet sich das Land nach allen Seiten, wird breit, um sich sanft auf- und abschwingend am Horizont zu verlieren. Die weichen Linien der vom Wind glattgestrichenen Kornfelder werden bisweilen von Baumreihen unterbrochen. Ein Trabbi kämpft sich stinkend und staubend bergan – Badelustige, die sich im abseits gelegenen Mühlensee erfrischen wollen.

Kurz davor, am Rande des Waldes, entdecken wir eine riesige grüne Wiese, an deren Ende ein Storch hin- und herstolziert. Manchmal bleibt er stehen, um seinen Schnabel in den sumpfigen Grund zu stecken. Aus Dotterblumen, Ranunkeln, Tausendschönchen und Gräsern zirpt und summt es. Das träge Rinnsal, das die Wiese durchzieht, ist ihr Biotop.

Am Rande der Lichtung führt ein Weg in ein Waldgebiet mit dickstämmigen Eichen, Buchen und Birken. Weiter unten liegt ein kleiner See, in den sich vom dichtbewachsenen Ufer Erlen und Weiden senken: Fünf Quellseen sind es bis Kratzeburg – Märchenseen, deren Zauber kein Hinweisschild und keine Tafel ankündigt.

Der größte von ihnen ist der Dambecker See, der seinen Namen einem ehemaligen Gut zu verdanken hat. Noch heute ragt am Südufer ein turmartiger Bau aus der dichtbewaldeten Böschung heraus. Die einstige Herrschaft, meint ein einsamer Badegast, habe keine großen Ländereien, aber einen gepflegten Park unterhalten. Wie viele frühere Gutshäuser dient das Anwesen nun der Erholung der Werktätigen. Hier können sich Lehrer vom pädagogischen Streß entspannen.

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Der Wind streicht über das klare Wasser, und die Wellen lassen die Enten zwischen Schilf und Seerosen auf- und abwippen. Vor der schloßähnlichen Kulisse des Herrenhauses ziehen Schwäne vorbei. "Wie mächtige weiße Blumen blühen sie über die blaue Fläche hin; ein Bild stolzer Freiheit", entzückte sich Fontane über die Schwäne, die zwischen Tegeler- und Schwielowsee die Havel bevölkern.

Bis dahin aber muß unser Fluß, der sich hier oben als beschaulicher Bach zum Roth- und dann zum Käbelick- und Granziner schlängelt, noch Fahrt bekommen. Die Havel hat unzählige Schleusen und Brücken zu passieren, bis sie durch hügeliges Waldgebiet sprudelnd Fürstenberg erreicht und dort die ersten Transport- und Fahrgastschiffe aufnimmt. Sie wird an saftigen Auen, qualmenden Schloten, grauen Städten und alten Dörfern vorbeifließen. Mal breit und gemächlich, mal heiter-schwungvoll, so wie die Namen ihrer Ortschaften, die unser Dichter und Wanderer in anmutig tanzende Verse verwandelte:

"... Linow, Lindow,

Rhinow, Glindow,

Beetz und Gatow,

Dreetz und Flatow,

Bamme, Damme, Kriele, Krielow,

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Petzow, Retzow, Ferch am Schwielow,

Zachow, Wachow und Groß-Behnitz,

Marquard-Uetz an Wublitz-Schlänitz,

Senzke, Lentzke und Marzahne,

Lietzow, Tietzow und Reckahne,

Und zum Schluß in dem leuchtenden Kranz:

Ketzin, Ketzür und Vehlefanz..."