Von Sven Rohde

Unten plätscherte der Wannsee sanft an seine Ufer, oben, auf der Terrasse beim Berliner Literarischen Kolloqium, plätscherten die Reden. An den Baumen baumelten ein paar Skelettpuppen, aus versteckten Lautsprechern knallten immer mal wieder Schusse, begleitet von dezenten Schreien des Schreckens, ebenfalls vom Band. Gutgelaunte Krimiautoren flanierten durch die Gartenanlage vor der Prachtvilla des Kolloqiums: Das Syndikat, die Vereinigung deutscher Kriminalschriftsteller, hatte zum Abschluß der Berliner „Criminale“ gebeten. Man war weitgehend unter sich geblieben, aber das schien niemanden zu stören.

Der Anlaß war ein festlicher: Der Autorenpreis deutsche Kriminalliteratur wurde zum dritten Mal vergeben. Fünf Kandidaten sollten benannt und das Publikum wie bei der Oscar-Verleihung bis zum Schluß in freudiger Erwartung gehalten werden. Aber schon im Vorfeld zeigte sich: So dürftig war die Qualität des Jahrgangs 1988, daß nur vier Romane nominiert werden konnten. Zudem wurden Unzulänglichkeiten in der Satzung deutlich. Sie schreibt vor, daß ein Roman vom Verlag, nicht vom Autor selbst eingereicht wird. Einige Verlage aber, aus welchen Gründen auch immer, hielten vielversprechende Titel zuruck. So bekam schließlich „Die gordische Schleife“ den Zuschlag, der Autor Bernhard Schlink 10 000 Mark – in kleinen Scheinen.

Ein Besserer war nicht zu finden. So fiel bei der Jahrestagung des Syndikats auch manches mahnende Wort: Die deutschen Krimischreiber sollten sich nicht nur über die Vermarktung ihrer Krimis Gedanken machen, sondern gelegentlich auch über deren Qualität. Und der Autor Peter Mathews regte an, den Preis für den besten deutschen Krimi in einen Preis für den besten Newcomer umzuwandeln. Schließlich müsse das Syndikat sich auch um den Nachwuchs und die Erneuerung des Genres kummern. Das sah die Mehrheit der anwesenden Krimischreiber freilich anders. Nach dem Motto: „Für die Innovationen sorgen wir schon selbst.“ Tatsächlich?

Nein, es steht nicht gut um den deutschen Krimi. Zwar hat sich das Genre am Buchmarkt etabliert, 500 bis 600 Titel erscheinen jährlich, davon achtzig bis hundert deutsche Erstausgaben. Und sie werden auch gekauft. Die Verkaufszahlen haben sich nach langen Jahren des Booms auf hohem Niveau stabilisiert, so daß in der letzten Zeit auch kleine Verlage Krimi-Reihen ins Programm genommen haben. Aber diese Zahlen sagen nichts über die Qualitat der verkauften Bucher. Hatte es nämlich noch vor wenigen Jahren danach ausgesehen, als könne sich das Genre – speziell der deutsche Krimi – auch als literarische Große etablieren, ist man heute davon wieder weit entfernt.

Es ist offensichtlich nicht so einfach, eben mal diese, mal jene Tradition zu plündern, um daraus einen überzeugenden Kriminalroman zu stricken. Wie jede Genre-Literatur funktioniert auch der Kriminalroman nach Regeln, gegen die nicht beliebig verstoßen werden darf.

Die Kriminalliteratur blickt auf eine relativ kurze Geschichte zuruck. Abgesehen von einigen Vorläufern in der deutschen Literatur wird Edgar Allan Poes 1841 erschienene „Morde in der Rue Morgue“ als erste Kriminalerzahlung angesehen. Sie begründet die Tradition des Detektivs als „entspannter Darsteller der ratio“, so Siegfried Kracauer, der streng logisch an die Auflosung des Falles herangeht – an das Ratsei, das für viele Jahre den Ausgangspunkt aller Kriminalromane bilden sollte. Es ist immer das gleiche: Wer war der Morder’ Whodunit wird diese Form des Krimis denn auch genannt, die im Viktorianischen England zu höchster Blute gelangte. Namen wie Arthur Conan Doyle, Agatha Christie und Dorothy Sayers verbinden sich mit ihr.