Lebte ich im Einklang und Einverständnis mit den mich umgebenden gesellschaftlichen Normen und Spielregeln, würde ich mich ganz sicher anderweitig betätigen. Als Gärtner etwa, Ökobauer oder meinen erlernten Beruf des Buchhändlers in den Fachbereich Antiquar (Spezialgebiet: Naturvölker) weiterentwickeln. Ohne meine Le(h)erzeit als Kriegsdienstverweigerer in der Bundeswehr – zehn Monate lang Willensbrechungsmethoden und Schikanen ausgesetzt – wäre mir nicht Hören und Sehen aufgegangen, hätte ich nicht mein Widerstandspotential entwickelt, das mich bei späteren Rollen antrieb und mir jeweils weiterhalf. Ohne dieses traumatische Schockerlebnis, als einzelner der Willkür und dem Psychoterror eines seinerzeit (1962) noch latent faschistischen Militärapparats ausgeliefert zu sein, hätte ich vielleicht meinen damaligen Weltfluchtambitionen nachgegeben und wäre (zwar ohne Jenseitsgläubigkeit) in einen kontemplativen Orden eingetreten. Zen-Klöster gab es in unseren Breitengraden nicht, so trug ich mich mit dem Gedanken, bei den Dominikanern oder – nach meinem damaligen Verständnis konsequenter – bei den Trappisten unterzutauchen. Doch dazu war es schon zu spät. Die Bundeswehr als Schule der Nation hatte meine subversiven Wehrkraftzersetzungsmethoden ihrerseits unterlaufen. Da ich mich bis zuletzt beharrlich weigerte, ein Mordinstrument bedienen zu lernen, versetzten sie mich schließlich von der kämpfenden Truppe in die geschlossene psychiatrische Abteilung des Bundeswehrlazaretts zu Koblenz und zeichneten mich nach eingehender Beobachtung und Exploration mit dem Prädikat „abnorme Persönlichkeit, Tauglichkeitsgrad VI, – das heißt für Frieden und Krieg untauglich“ aus. Damit begann das, was meine Arbeit ausmacht und was ich als Realitätsaneignung, Selbstsuche und Überlebenstraining empfinde. Eine Tagebucheintragung aus dieser Zeit:

Ich träumte

das Leben

sei ein Traum

und wachte auf davon

und da war das Leben

gar kein Traum