Von Ulrich Greiner

Grundsätzlich und von Hause aus ist heutzutage der Rezensent begeisterungswillig. Die vorherrschende, vor allem unter Autoren verbreitete Meinung sieht zwar den Kritiker als einen Heckenschützen, der böswillig auf die Gelegenheit zum Verriß wartet, aber das ist ein Klischee aus der guten alten Zeit. In Wahrheit sind die meisten Kritiker sanftmütig bis zur Langeweile.

Es hat sich ja auch die Gegenwartsliteratur auf das Klagenfurt-Niveau eingependelt. Die Bücher werden immer schöner, immer fadengehefteter, die Texte immer verdaulicher. Ein bißchen Philosophie, ein bißchen Introspektion, ein bißchen Sex und Tod, das Leben halt. Was will man da schon sagen?

Aber Richard Ford. Ein Amerikaner, wie der Name schon sagt. Man wird ihn sich merken müssen. Seit Henry sicherlich der beste Ford. Auf einen Schlag gibt es drei Bücher von ihm, bei zwei Verlagen. Der amerikanische Agent muß clever gewesen sein. Aber er hat gerecht verteilt. S. Fischer kriegte die bitterschönen Kurzgeschichten „Rock Springs“ (1987), Rowohlt den eher mäßigen früheren Roman „Verdammtes Glück“ (1981) und Fords jüngsten Roman „Der Sportreporter“ (1986).

„Der Sportreporter“ ist ein grandioses Buch. Es handelt von einem Amerikaner wie dir und mir: achtunddreißig Jahre alt, geschieden, zwei Kinder, Hausbesitzer in einem mittelständischen Honoratiorenkaff in New Jersey, Beruf Sportreporter. Es schildert das Leben, wie es ist: ein bißchen Philosophie, ein bißchen Introspektion, ein bißchen Sex und Tod. Mit einem Wort: genau das, was man lesen will.

Aber das ist es ja nicht. Das Leben von Frank Bascombe ist nicht bloß kurzweilig und banal, sondern auch wahrhaft entsetzlich. Und wenn wir seinem leutseligen Redefluß zuhören, so wissen wir nie so recht, ob wir ihn gräßlich finden sollen oder amüsant, deprimierend oder erheiternd. Der Schrecken der Normalität: Das haben wir alle schon mal gelesen und erlebt sowieso. Das Besondere an Frank (wie wir ihn nach 490 Seiten wohl nennen dürfen) ist der Ton, in dem er daherplaudert. Es klingt zunächst so, als würde er, der Reporter, von einem Reporter befragt oder als erzählte er seine Geschichte einem jüngeren Kollegen – jener hübschen Volontärin namens Catherine vielleicht, die, als Frank am Ende einer Reihe von desaströsen Tagen in der Redaktion sitzt und vergeblich eine Geschichte zu Papier zu bringen sucht, plötzlich im Türrahmen erscheint. Nach einem überaus netten Gespräch gehen die Dinge ihren gewohnten Gang.

Und wieder ist Frank obenauf. So wie am Anfang: „Mein Leben ist keineswegs übel gewesen, und das ist es auch heute noch nicht. Es ist in fast jeder Beziehung phantastisch gewesen, und obwohl mir mit zunehmendem Alter immer mehr Dinge Angst machen, und obwohl mir immer klarer wird, daß einem üble Dinge passieren können und auch tatsächlich passieren, gibt es sehr wenig, was mich wirklich beunruhigt oder nachts nicht schlafen läßt.“

Da haben wir schon den Frank-Ton im Original, diesen gespenstischen Optimismus, dieses be positive um fast jeden Preis. „Ich brauche nicht viel zu meinem Glück“, sagt er. Es genügt ihm „ein Jägersteak und Salatbuffet im langsam rotierenden Dachrestaurant“. Vielleicht noch eine Nacht mit Vicki, seiner hübschen Freundin, deren körperliche Vorzüge er ebenso gerne genießt wie beschreibt. Das Beschreiben ist seine Stärke. Er sieht die Dinge und Menschen deutlich umrissen. Und das eben ist zugleich seine Schwäche. „Ich konnte mich immer, wie von außen, die Dinge tun sehen, zu denen ich aufgefordert wurde, und das reichte schon aus, sie mich nie gut oder vollständig tun zu lassen.“

Frank Bascombe ist einer, der ständig neben sich steht. Das ist nicht gerade die beste Voraussetzung für ein glückliches Leben. Und deshalb hält er sich ständig dazu an, die angenehmen Seiten wahrzunehmen. „Heutzutage bin ich gewillt, zu möglichst vielen Dingen Ja zu sagen: Ja zu meiner Stadt, meiner Nachbarschaft, meinem Nachbarn und meiner Nachbarin, Ja zu seinem Wagen, Ja zu ihrem Rasen, zu Hecke und Dachrinne. Laßt die Dinge doch so gut sein, wie sie nur können. Schenk uns allen einen gesunden Schlaf, bis es vorbei ist.“

Das Ja zur Dachrinne, es ist eigentlich komisch. Und doch spüren wir, daß es Frank bitterernst ist. Er schwadroniert und philosophiert daher mit banalen Einsichten, aber Richard Ford gönnt dem Leser nicht das Vergnügen, sich über diesen Mann erheben zu können. Er ist einer von uns. Einer von uns halbreichen, halbgebildeten, sehnsuchtsvollen und armseligen Menschen. Daß wir uns in ihm erkennen, macht den eigentümlichen Sog dieses Romans aus.

Es ist dies der Augenblick, wo ein kurzes Kolleg über literarische Erzählhaltungen angebracht scheint, nicht nur zum Nutzen des gnädigen Lesers, sondern auch und vor allem jenes Rezensenten, der Richard Ford in der FAZ vorgeworfen hat, er sei zu banal und scheue die Tragödie. Man unterscheidet herkömmlicherweise zwischen Autor und Erzähler. Das muß nicht dasselbe sein, und in diesem Fall ist es ein bedeutender Unterschied. Frank Bascombe erzählt, nicht Ford.

Wir haben es also mit Rollenprosa zu tun. Das ist aus mehreren Gründen eine schwierige Form. Einerseits kann man immer die Echtheitsfrage stellen (spricht so ein Sportreporter?), andererseits kann es leicht passieren, daß der Bericht eines banalen Menschen zum banalen Bericht wird. Richard Ford entgeht dem Dilemma, indem er von beiden Seiten her erzählt: von innen her, aus Franks Kopf und Bauch, und auch von außen her, denn natürlich ist Franks Geschichte keine bloße Eins-zu-eins-Reproduktion, sondern eine genau kalkulierte Form, eine virtuose Balance zwischen Innen- und Außenperspektive.

So kompliziert ist das und so einfach. Es führt nämlich dazu, daß wir immer in Frank drinnen sind und ihn doch auch von außen sehen können. Ziemlich bald bemerken wir, daß er ein ganz normal pathologischer Fall ist. Er hat eine verheißungsvolle Karriere als Schriftsteller begonnen und ist nun Sportreporter. Er war glücklich verheiratet, dann starb das erste Kind. Er liebt seine Frau, ist aber von ihr geschieden. Er macht seiner Freundin einen Heiratsantrag, aber sie schlägt ihm ins Gesicht. Er hat einen Freund, aber der begeht Selbstmord. Er sagt zwar ja zum Leben und zur Dachrinne, aber es dämmert ihm auch, „daß das Leben immer eine verdammt unangenehme und wahrscheinlich verwirrende Angelegenheit ist“

Nein, ein glücklicher Mann ist Frank nicht, auch wenn er immer wieder das Gegenteil behauptet. Zu seinem Unglück gehört, daß er ein nachdenklicher, grüblerischer Mensch ist. Aber er treibt das Nachdenken nur bis zu einem gewissen Punkt, weil er spürt, daß es zu riskant wäre, weiterzugehen. Er wisse nun, sagt er einmal, daß er die Arbeit an seinem Roman aufgegeben habe und Reporter geworden sei, „um den furchtbaren Schmerz abzuwenden“, jenen Schmerz der Erkenntnis, der manche Menschen dazu bewege, „schlicht ihren Kurs zu verlassen und in den Graben zu fahren“.

Die Vermeidung dieses Schmerzes ist sein Ziel. „Es gibt keine transzendenten Themen im Leben. Dinge sind ausnahmslos hier, und sie sind vorbei, und das muß genügen. Die andere Sicht der Dinge ist eine Lüge der Literatur.“ An den Sportlern imponiert ihm, daß Transzendenz ein Fremdwort für sie ist. Frank gibt sich alle Mühe, ein eindimensionaler Mensch zu sein. Aber nicht einmal das gelingt ihm. Er ist zu intelligent, um sich aus ganzer Seele mit dem Status quo abzufinden, aber nicht intelligent genug, um wirklich radikal zu sein. Und wieder erkennen wir: Er ist einer von uns.

So taumelt er durchs Leben. Mit Vicki fährt er nach Detroit. Halb ist es Dienstreise, halb vorweggenommene Hochzeitsreise. Einiges geht schief. Das Interview mit dem Baseballtrainer ist ein Desaster: Der nach einem Unfall gelähmte ehemalige Star ist ein Wrack, völlig ungeeignet für jene heroische Durchhalte-Story, die Frank im Sinn hatte. Das blanke Elend, das ihm plötzlich entgegenschlägt, wehrt er ab: „Ich will und werde das nicht nachempfinden. Es ist zu dicht am furchtbaren Schmerz, als daß man damit Schindluder treiben könnte. Und schlimmer als ein furchtbarer Schmerz ist nur ein unverdienter furchtbarer Schmerz. Und deshalb werde ich davor nicht in die Knie gehen ...“

So lautet der innere Monolog Franks, als er sich verabschiedet. Laut sagt er: „Ich bin froh, daß wir uns kennengelernt haben, Herb.“ Auch die Begegnung mit Vicki geht schief. Da sitzt er auf der Bettkante irgendeines luxuriösen Hotelzimmers in irgendeinem Wolkenkratzer, da liegt sie nackt und schön zwischen den Laken, die Seven-up-Flasche auf dem Bauch, sie haben miteinander geschlafen, aber etwas stimmt nicht. Zwei Menschen, die sich einreden, sie seien verliebt, und die alles arrangiert haben, was dazugehört, aber plötzlich tut sich ein Abgrund an Fremdheit auf.

Frank begreift nicht, was da geschieht. Er begreift es immer noch nicht (da ist die Affäre längst gestorben), als er endlich seinen Heiratsantrag, unterbrochen durch einen Telephonanruf, vorträgt. Der Anruf seiner geschiedenen Frau teilt ihm mit: Walter hat Selbstmord begangen. „War er ein Freund von Dir?“ – „Ich glaub schon, ja.“ Bizarre Dialoge. Erst in diesem makabren Augenblick wird Frank (und dem Leser) klar, daß Walter wirklich ein Freund war. Denn vorher schien zwischen beiden nichts gewesen als jene distanzierte Männervertrautheit, die eine andere Form der Peinlichkeit ist.

Zu spät, wieder einmal. „Ich glaube ohnehin, daß es gar nicht so gut ist, wissen zu wollen, was Menschen denken ... Tatsächlich kennen wir uns kaum und haben manchmal Mühe, ein Gespräch in Gang zu halten, solange wir nicht betrunken sind ... Doch in Anbetracht unserer Persönlichkeiten ist das, glaube ich, das höchste Maß an Freundschaft, das sich jeder von uns erhoffen kann.“

So redet er dahin, dieser begnadete Affirmationsartist, dieser verdammte Schwätzer. Was Frank redet, ist immer ein bißchen dümmer, als Frank ist. Auch das kommt uns vertraut vor. Denn wie klar sehen wir die persönlichen Probleme unserer Freunde, wie leicht können wir darüber diskutieren, wie flink bewegen wir uns auf der durchgetretenen Stiegenleiter des Psycho-Diskurses. Aber sobald wir selber im Regen stehen, wird alles denkbar nebulös. Die eigene Psyche wird zum Dschungel, der jeder begrifflichen Machete mit um so heftigerem Wachstum trotzt. Das Licht des Verstandes läßt die Blüten des Unbegriffenen erst richtig blühen.

Es ist Heimito von Doderer, der dieses Bild in seiner „Strudlhofstiege“ gemalt hat. Doderer und Ford – wenig haben sie miteinander zu tun. Und doch: diese banalen, alltäglichen Schauplätze; dieser Reigen hochnotpeinlicher Begegnungen und skurriler Ereignisse, die nichts als den völligen Stillstand verraten; und dann dieses immer wieder laut werdende Seelengetöse von Menschen, die weder sich begreifen noch ihre Zeit, obgleich sie mit allem gesegnet sind, was ihre Zeit für sie bereithält: Das haben Ford und Doderer gemein.

Natürlich ist Ford eminent amerikanisch: dieses New Jersey mit seinen abgezirkelten Rasen und ausufernden Highways; dieses triste und tröstliche Ambiente der Bars, Supermärkte und Golfplätze; dieser gnadenlose Common sense bis hinauf zur Dachrinne – diese Welt, die Ford uns mit wütender Beharrlichkeit schildert, ist von einer geradezu magischen Banalität. Für die Tragödie hat sie keinen Platz, allenfalls für die permanente und zur Gewohnheit gewordene Groteske.

Frank Bascombe, armer Bruder im Geiste, wir danken dir für deine traurige Beichte und erteilen dir Absolution. Und wenden uns rasch, bevor die Tränen uns übermannen, deinen noch ärmeren Brüdern zu, die mitten im Westen, im gottverlassenen Montana leben, in Rock Springs und in Great Falls und in Spokane, wie diese wunderbaren Orte so heißen, einsame, arbeitslose, desillusionierte und hartnäckig an das Leben glaubende Männer, die mit dem rechten Bein im Gefängnis stehen und mit dem linken morgens aufstehen, geborene Pechvögel, denen manchmal ein flüchtiges Glück im Motelbett oder auf der Rückbank eines Chevrolet winkt. Der Zufall setzt ihnen zu wie ein böser Geist, und sie haben nichts als ihre nackte Haut. Die aber tragen sie mit der Würde des immer schon Gescheiterten und mit einer Hoffnung, die um so mehr leuchtet, je grundloser sie ist.

„,Was denkst Du, wenn Du jeden Abend mit mir ins Bett gehst? Ich weiß nicht, warum ich das wissen will. Ich möchte es einfach gern’, sagte Arlene. ‚Es kommt mir wichtig vor.‘ – ‚Ich denk einfach‘, sagte ich, jetzt ist wieder ein Tag vorbei. Ein Tag zusammen mit Dir. Und jetzt ist er vorbei.’ – ‚Man hat so ein Gefühl des Verlusts dabei, nicht?‘ Arlene nickte und lächelte mich an – ‚Ich glaub schon‘, sagte ich. – ‚Es ist aber nicht ganz schlimm, oder? Es kommt ja wieder ein Tag.‘ – ‚Das ist wahr‘, sagte ich. – ‚Wir wissen nicht, wo das alles hinführt, nicht?‘ sagte sie und drückte meine Hand fest. – ‚Nein‘, sagte ich.“

In „Rock Springs“ zeigt sich Ford als ein Schüler des zu Recht berühmten, kürzlich gestorbenen Raymond Carver. Dieselbe lakonische Präzision, dieselbe latent sentimentale Desillusioniertheit. Aber Ford hat, natürlich, eine andere, eine lebhaftere Melodie, die vielleicht nicht ganz die schöne, düstere, bohrende Redundanz Carvers hat, dafür aber überraschende Wendungen und einen weiten Horizont. Den erreicht er im „Sportreporter“ ganz und gar. Und während mir die ausgepichte Ostküsten-Intellektualität eines Updike oder Philip Roth allmählich zu schlau und lebensfern vorkommt, gelingt Ford mit seinem minimalistischen und dennoch reich instrumentierten Klang noch einmal die Wiederbelebung des klassischen amerikanischen Romans.

Nachwort: Verlagsleute äußern manchmal den Wunsch, die Rezensenten möchten doch die häßliche Gepflogenheit ablegen, am Ende einer ansonsten lobenden Kritik noch ein paar marginale Mäkeleien anzubringen, da der eilige Leser in der Regel nur den Beginn und das Ende einer Kritik lese. Dem Wunsch kann nicht entsprochen werden. Die Druckfehler, die dem Korrektor des Rowohlt Verlages, falls er einen hat, im „Sportreporter“ entgangen sind, verdienen eine hervorragende Erwähnung. Daß jemand „schnitzte“ statt „schwitzte“ ist vom kundigen Leser rasch zu erraten. Daß eine Frau „sich des Sohnes wegen“ warm angezogen habe, klingt bedeutungsvoller, als es ist. Sie hat natürlich des „Schnees“ wegen einen Mantel an. „Steifenwagen“ statt „Streifenwagen“ hingegen ist eine Pointe, die wir gerne zur Kenntnis nehmen. Mühsamer wird die Sache bei dem Satz: „Sie streifte sich durchs Haus.“ Und dann gibt es Sätze, die von Druckfehlern so entstellt sind, daß ihr Sinn sozusagen nur noch opak leuchtet.

Immerhin scheint „Der Sportreporter“ von Hans Hermann, soweit sich das ohne genauen Vergleich mit dem Original sagen läßt, gut übersetzt. Der deutsche Text liest sich flüssig und ist frei von Anglizismen. Um die Übersetzung des Romans „Verdammtes Glück“ zu beurteilen, erübrigt sich ein Blick auf das Original. Der Übersetzer (sein Name sei vergessen) kann offenbar kein Englisch und mit Sicherheit kein Deutsch. Ein vergleichbares Sprachchaos ist mir bislang nicht untergekommen, und deshalb ist eine Rezension des Romans nicht möglich. Was durch die Nebelwand dieses Textes gelegentlich hindurchschimmert, legt die Vermutung nahe, daß es lohnend wäre, „Verdammtes Glück“ ins Deutsche zu übertragen.

  • Richard Ford:

Rock Springs

Short Stories, aus dem Amerikanischen von Harald Goland; Fischer-Verlag,

Frankfurt 1989; 294 S., 36,– DM

Der Sportreporter

Roman, aus dem Amerikanischen von Hans Hermann; Rowohlt-Verlag, Reinbek 1989; 490 S., 39,80 DM

Verdammtes Glück

Roman, aus dem Amerikanischen von Wolfgang Determann; rororo 12539, Rowohlt-Verlag, Reinbek 1989; 221 S., 9,80 DM