Von Karl-Heinz Janßen

Und danach sah ich einen andern Engel niederfahren vom Himmel ... und die Erde ward erleuchtet von seinem Glanz. Und er schrie mit großer Stimme und sprach: "Sie ist gefallen, sie ist gefallen, Babylon, die große, und ist eine Behausung der Teufel geworden."

Offb. 18,1-2

Der Himmel verfärbte sich, erst turkisgrün, dann violett und schließlich in ein schaurig-schönes Rot. Wie gebannt starrten die Menschen auf der Terrasse des Berghofs in die erleuchtete Nacht. Rotlich schimmerten ihre Gesichter und Hände. Wann hatte man je ein Nordlicht gesehen, das ganz Deutschland bis hier nach Oberbayern überstrahlte? Eine schlanke Ordonnanz neigte sich respektvoll zum "Chef" hinab: "Das sieht nach viel Blut aus. Dieses Mal wird es nicht ohne Gewalt abgehen." Der Angesprochene, ein mittelgroßer, leichtgebeugter Mann um die Fünfzig, dessen Lippenbärtchen allen Karikaturisten der Welt vertraut war und der sich "Führer" nennen ließ, entgegnete ohne Umschweife: "Wenn es schon sein muß, dann so schnell wie möglich. Je mehr Zeit vergeht, desto blutiger wird der Krieg."

In dieser lauen Nacht vom 21. auf den 22. August vor fünfzig Jahren erhielt Adolf Hitler ein Telegramm, auf das er den ganzen Tag mit Hoffen und Bangen gewartet hatte: Josef Stalin, der sowjetische Diktator, erklärte sich darin einverstanden, daß Deutschland und Rußland einen Nichtangriffspakt abschlössen. Nun berauschte sich Hitler an dem Gedanken, wie morgen die Englander und Franzosen schockiert sein würden. Schon als ihm an der Abendtafel die Botschaft Stalins gereicht wurde, hatte er vor unbeherrschter Freude auf den Tisch geschlagen, daß die Gläser klirrten, und geschrien: "Ich hab’ sie! Ich hab’ sie!" Jetzt hielt ihm Rußland den Rücken frei für seinen kleinen Krieg gegen Polen, das sich erdreistet hatte, dem "Großdeutschen Reich" und dem Willen seines Führers zu trotzen. In vier Tagen sollte die deutsche Wehrmacht zum Angriff antreten.

Das wußten freilich zu dieser Stunde nur ein paar Eingeweihte. Die meisten Deutschen, hoch wie niedrig, redeten sich ein, die Polenkrise werde so verpuffen wie im letzten Jahr die Sudetenkrise. Alle Kriegsdrohungen würden sich als Bluff entpuppen, Danzig und Westpreußen ohne Schwertstreich und Blutvergießen heim ins Reich kehren. In allen Gauen des Reiches rüsteten bereits die Nationalsozialisten zur Fahrt nach Nürnberg, wohin der Führer für den 2. September zum "Reichsparteitag des Friedens" geladen hatte. Da ließ sich doch unbeschwert träumen von einem bescheidenen Glück: mit Ehestandsdarlehen und Häuschen im Grünen, mit Volksempfänger, Volkswagen und Urlaubsreisen auf einem der neuen, schnittigen Schiffe der KdF(Kraft-durch-Freude)-Flotte. Wozu noch an jene denken, denen solches Glück verweigert wurde? Tausende jüdischer Flüchtlinge irrten durch Europa oder auf den Meeren umher, auf der verzweifelten Suche nach einer Bleibe. Selbst diese Unglücklichen durften sich den Krieg nicht wünschen, denn für diesen Fall hatte Hitler am 30. Januar 1939 im Reichstag allen europäischen Juden den Tod prophezeit.

Wie hatten die Deutschen aufgeatmet, als Ende September 1938 die Staatsmänner Englands, Frankreichs, Italiens und Deutschlands in München in letzter Minute den Frieden retteten. Wie hatten die Engländer gejubelt, als der alte Premierminister Neville Chamberlain nach seiner Rückkehr aus München sein "peace for our time" verkündete. Nichts als den Frieden, wolle Deutschland, beteuerte Hitler zwei Wochen danach bei einer Rede in Saarbrücken, doch im selben Atemzug stellte er das Einvernehmen mit England schon wieder in Frage. Er verbat sich "gouvernantenhafte Bevormundungen" von jenseits des Kanals. Es brauchten in England nur die Kritiker der Chamberlainschen Beschwichtigungspolitik – Churchill, Eden, Duff Cooper – an die Macht zu kommen, "so wissen wir genau, daß es Ziel dieser Männer wäre, sofort einen neuen Weltkrieg zu beginnen". Daran war so viel richtig, daß diese Tories es ihm nicht noch einmal durchgehen lassen wurden, andere Völker und Regierungen in Europa mit Gewaltandrohung zu erpressen.