England hat also im vollen Bewußtsein seiner militärischen Schwäche – es gab noch keine allgemeine Wehrpflicht – den Schritt gewagt: Es war eine moralische Entscheidung. Die Regierung hatte die öffentliche Meinung, ja, die ganze Nation hinter sich, auch (anders als 1938) die Dominions in Übersee, und durfte auf den Rückhalt Amerikas zählen. Duff Cooper, Erster Seelord bis zur Sudetenkrise, schrieb am 22. Marz 1939 an Außenminister Lord Halifax, Amerika werde nur unter einer Bedingung für England kämpfen: "Es muß ein ideologischer Krieg sein – ein Krieg für moralische Prinzipien."

Das britische Weltreich hatte zu seiner traditionellen Außenpolitik zurückgefunden: als Hort demokratischer Freiheiten und humaner Werte und als Wahrer des Gleichgewichts in Europa. Andernfalls wäre der Prestigeverlust Großbritanniens bei den kleinen Völkern (er setzte gleich nach München ein) unerträglich groß geworden.

Trotz der deutlichen Warnung an Hitler war die britische Regierung nach wie vor zu einer Verständigung mit ihm bereit. Die Times fand es angebracht, gleich in einem Leitartikel hervorzuheben, daß die Garantie lediglich der Unabhängigkeit (independence) Polens, nicht seiner Unversehrtheit (integrity) gelte, England also nicht jeden Zentimeter der gegenwärtigen Grenzen verteidigen müsse. Das war goldrichtig, nur in diesem Moment unklug. Aufgeregte Abgeordnete beschimpften das Blatt als "Hitlers fünfte Kolumne in London" und verlangten nicht nur die Absetzung, sondern sogar die Ausweisung des Chefredakteurs.

Joseph Goebbels zeigte sich nach der britischen Garantie etwas angeschlagen: "Wir müssen aber auf der Hut sein. Dieser altersschwachen Demokratie ist doch noch Nervenstärke zuzutrauen." Hitler hingegen bekam einen Wutanfall. Er hämmerte im Beisein des Admirals Canaris mit den Fäusten auf den Marmortisch: "Denen werde ich einen Teufelstrank brauen!"

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