Eine unmittelbare deutsche Invasion war nicht zu befürchten, dazu hätte die Wehrmacht erst den osteuropäischen Sperriegel aus nicht eben deutschfreundlichen Staaten durchstoßen müssen. Aber nach München hatte sich das Reich eine Basis für eine indirekte Aggression verschafft. Unversehens betrat ein vergessenes Volk für ein halbes Jahr die Buhne der Weltpolitik: Die Ruthenen, Bauern und Holzfäller slawischer Abkunft und ukrainischer Mundart, wurden auf deutschen Druck von den Tschechen in den Stand der Autonomie erhoben. Sie wohnten an den Südhängen der Karpaten, in einer Gegend, wie geschaffen als Kulisse für Zigeuneropern und Draculafilme.

Hier inszenierten die Nazis das vorweggenommene Satyrspiel zur folgenden europäischen Tragödie. Scharenweise eilten mit einem Mal ukrainische Emigranten herbei, ausgestattet mit deutschem Geld, deutschen Waffen und Propagandamitteln, gelenkt von verschiedenen, miteinander rivalisierenden Partei- und SS-Stellen. Auch die militärische Abwehr unter Admiral Canaris mischte mit, die sich einer Partisanengruppe OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten) bediente. Erklärtes Ziel aller Gruppen war die Wiedervereinigung in einer "Freien Großukraine". Auf dem Wege dorthin mußte zunächst einmal Polen zersetzt werden, indem man die galizischen Ukrainer zu Unruhen anstiftete. Deutsche Sender in Wien und Leipzig halfen dabei.

Der damalige Sekretär an der amerikanischen Gesandtschaft in Prag, George Kennan, hat die grotesken Verhältnisse in der hinterwäldlerischen Karpato-Ukraine beschrieben: "Man hat eine ukrai nische Partei nach nationalsozialistischem Muster gegründet und alle anderen Parteien verboten. Ukrainische Offiziere, die von den Deutschen ins Land gebracht worden sind, haben nach dem Muster der SA eine paramilitärische Organisation geschaffen." Die Männer der "Sitsch" (Eule) trugen "echte Hitlerjugend-Dolche". Sogar an Konzentrationslager hatte man gedacht!

Die in dem Dorfe Chust residierende Regierung unter Monsignore Augustin Woloschin wurde allerdings von der Reichsregierung nur halbherzig unterstützt. Die Subventionen für das arme Land mußten nach wie vor die Tschechen zahlen, die deshalb ihren General Prchala als Aufpasser in die Regierung setzten. Hitler ließ seine Parteigenossen und Abwehragenten gewähren; aber im Frühjahr 1939 waren ihm die Ruthenen nichts als diplomatisches Wechselgeld, mit dem er abwechselnd Polen oder Ungarn, zu dem das Land in k.u.k.-Zeiten gehört hatte, beglücken konnte. Mit Recht amüsierte sich Stalin am 10. März, in seiner berühmten Parteitagsrede über die Vorstellung, daß sich die riesige Sowjetrepublik Ukraine dem winzigen Karpatenland anschließen sollte.

Im Auswärtigen Amt machte sich derweil Staatssekretär Ernst von Weizsäcker so seine Gedanken. Wie viele nationalkonservative Diplomaten, Militärs und Politiker der alten Schule verfolgte er eine revisionistische Linie in der Außenpolitik: Mit friedlichen Mitteln sollten die letzten territorialen Bestimmungen des Versailler Friedens beseitigt werden, damit Deutschland seine Großmachtstellung wieder einnehme. Auf keinen Fall durfte dabei ein Krieg mit den Westmächten riskiert werden, den Deutschland auf Dauer nur verlieren konnte. Deswegen hatte Weizsäcker schon in der Sudetenkrise, offen oder heimlich, die radikale Kriegsrisikopolitik Hitlers und seines Außenministers von Ribbentrop durchkreuzt.

Unmittelbar nach München hatte Hitler das Oberkommando der Wehrmacht angewiesen, alles für eine "Erledigung der Rest-Tschechei" vorzubereiten. Weizsäcker hielt diese Operation für unnötig. Fast hätte er den schwankenden Ribbentrop, der stets seine Meinung nach Hitler ausrichtete, davon überzeugt, daß man sich die Tschechen durch einen Freundschaftsvertrag für immer gefügig machen solle, statt sich mit der Verwaltung eines "komplizierten fremden Volkersplitters" abzuplagen. Lieber solle sich das Reich der polnischen Frage zuwenden, um Danzig, das ohnehin von Nationalsozialisten regiert wurde, zurückzuerwerben und wieder eine breite, feste Landverbindung zur Enklave Ostpreußen herzustellen. Scherereien mit dem Ausland befürchtete Weizsäcker nicht, denn die Polen hatten sich viele Sympathien verscherzt, als sie im Herbst 1938 wie die Hyänen über die unglückliche Tschechoslowakei hergefallen waren und sich das Industriegebiet von Teschen jenseits der Olsa angeeignet hatten, wo eine starke polnische Minderheit lebte.

Doch eben diese Komplizenschaft verführte Hitler und Ribbentrop dazu, sich mit den Polen auf ihre vermeintlich freundschaftliche Weise zu arrangieren und sie dabei übers Ohr zu hauen – Politgangster unter sich. Hitler hatte sich zu Anbeginn seiner Herrschaft, 1934, aus taktischen Gründen über die Ressentiments vieler Deutscher gegen die polnische Annexionspolitik hinweggesetzt und mit dem halb autoritären Regime des Marschalls Pilsudski auf zehn Jahre einen Nichtangriffspakt geschlossen. So waren die Beziehungen jetzt entspannter als zu Zeiten Stresemanns. Die Kabbeleien um den Minderheitenschutz für die 750 000 Volksdeutschen blieben unter der Decke.