Die Berliner tageszeitung läßt Anzeichen von Ungeduld erkennen. Hatte sie nicht in Frühjahr dem deutschen Verlag Salman Rushdies, Kiepenheuer & Witsch, angeboten, die Übersetzung der „Satanischen Verse“ selbst in die Hand zu nehmen? Und nun: Wo bleibt das Buch? Und vor allem: Wo bleiben die Informationen?

Den taz-Redakteur Arno Widmann verdrießt es. daß ihm niemand sagt, wie der Kölner Verlag zusammen mit anderen – „bei geteiltem Risiko und geteiltem Profit“, wie Widmann weiß – die Veröffent’ichung vorbereitet. Das hindert ihn nicht, die Behauptung in die Welt zu setzen, Rushdies Roman, „einer der profitträchtigsten Titel der letzten Jahre“ (um es auch ja noch einmal zu wiederholen), werde zur Buchmesse erscheinen.

Wird er nicht. Lassen wir die taz einmal beiseite: Ist das zu beklagen?

Vorweg ein Blick hinüber nach Frankreich, wo die Rushdie-Übersetzung im vergangenen Monat erschien. Bis zum Tag der Veröffentlichung haben die Zeitungen dort keinerlei Informationen über die Art und Weise der Vorbereitung und geplanten Distribution gebracht. Das Buch lag am 19. Juli in den Schaufenstern, und am selben Tag gab es geballte Würdigung in den Medien. Die Libération auf ihrer Titelseite: „Nach Großbritannien, Italien, Norwegen, Spanien – aber vor der Bundesrepublik – ist die französische Übersetzung der „Satanischen Verse’ von Salman Rushdie seit heute morgen im Verkauf.“

Die Geheimnistuerei nun auch in der Bundesrepublik ist keine Wichtigtuerei. Sie hat ihren Sinn. Nicht nur der taz, auch anderen Zeitungen gegenüber hält sich das Verlagskonsortium mehr als bedeckt. Soviel aber weiß man, soviel kann man sagen, ohne der Sache zu schaden: Der Verlag Artikel 19 ist seit kurzem ins Handelsregister eingetragen (als Gesellschaft mit beschränkter Haftung, was die witzelnde taz zu der ungemein geistreichen Überschrift inspirierte: „Zivilcourage und beschränkte Haftung“); er dient allein der Verbreitung der deutschen Ausgabe der „Satanischen Verse“ – und das übrigens als non-profit-Unternehmung (Gewinne sollen an das Komitee Writers in Prison abgeführt werden). Die deutsche Übersetzung wird aller Voraussicht nach rechtzeitig zur Buchmesse fertig sein, aber erst kurz nach der Messe erscheinen.

Das ist nicht verwerflich. Die Frankfurter Polizei ist sich mit der Messeleitung darin einig, daß das Risiko bei einer Präsentation des Romans auf der Buchmesse unkalkulierbar wäre.

Der deutsche Sonderweg mag – angesichts der Entschlossenheit anderer europäischer Länder und deren Verlage – ein wenig timide und kurios anmuten. Sei’s drum: Der Gedanke, die Gefahr nach der Morddrohung aus dem Iran dadurch zu entschärfen oder zu mindern, daß sich möglichst viele an der Herausgabe des Buches hierzulande beteiligen (und es sind mittlerweile rund neunzig Verlage und weit mehr als hundert Herausgeber), ist nicht verkehrt, und akzeptiert man ihn, dann ist die Veröffentlichung des Romans nach der Messe nur folgerichtig.