Kiel

Nicht das erste Mal steht der Kieler „Drogenarzt“ Gorm Grimm vor Gericht. Bislang haben sich ärztliche Standesgerichte und Sozialgerichte lediglich mit der eigenwilligen Behandlung seiner suchtkranken Patienten befaßt und die Verschreibung des Drogenersatzstoffes Remedacen auf Kassenrezept untersagt. Kodeinhaltige Medikamente wie Remedacen sind zur Substitution von Drogen nicht „kassenfähig“. Hinter den Auseinandersetzungen des Arztes mit seiner Standesorganisation steckt der erbittert geführte grundsätzliche Streit, ob die immer stärker ausufernde Drogensucht auch bei uns durch kalten Entzug oder Ersatzstoffe eingedämmt werden kann (ZEIT Nr. 12, 1989).

Diesmal aber steht Gorm Grimm vor der Ersten Großen Strafkammer des Kieler Landgerichts. Angeklagt wird er der fahrlässigen Tötung seines ehemaligen suchtkranken Patienten Gerd S., der vor fünf Jahren an einer Überdosis von Medikamenten gestorben sein soll, die Gorm Grimm ihm verordnet habe. Bei der gerichtlich angeordneten Obduktion durch Gerichtsmediziner der Kieler Universität seien im Magen zwar nur wenige Tablettenreste vorgefunden worden, dennoch haben Obduzenten dem anwesenden Staatsanwalt ihren Verdacht mitgeteilt, daß hier ein Behandlungsfehler des „Drogenarztes“ vorläge. Die chemisch-toxikologische Untersuchung von Blutproben des Verstorbenen, sie soll jetzt Gegenstand heftiger fachlicher Kontroversen sein, hat ergeben, daß neben Remedacen auch Vesperax und Tavor eingenommen wurden.

Diese Medikamente sind nicht nur Fachleuten wohlbekannt. Vesperax ist ein barbiturathaltiges starkes Schlafmittel. Tavor, durch den verstorbenen früheren Ministerpräsident Uwe Barschel zu trauriger Berühmtheit gelangt, wird bei Angstzuständen und Depressionen verordnet. Alle drei Medikamente können sich in ihrer Wirkung gegenseitig verstärken, eine Überdosierung kann zur Lähmung des Atemzentrums und damit zum Tode führen.

Natürlich ist die Wirkung dosisabhängig. Suchtkranke haben eine höhere Toleranz – auch gegen die Arzneimittelnebenwirkung – als Kranke, die nur gelegentlich zu diesen Mitteln greifen. Die Gefährlichkeit der Kombination solcher Präparate ist bekannt. In der Roten Liste sind die Wechselwirkungen und die Gegenanzeigen für die Verordnung beschrieben. Die ganze Angelegenheit wird aber noch komplizierter durch die im Befangenheitsantrag der Verteidigung erwähnte zusätzliche Medikation von Distraneurin, gleichfalls einem Psychopharmakon aus der Reihe der Neuroleptika. Ausgerechnet nach diesem Präparat haben die Kieler Gerichtsmediziner nicht gefahndet – es ist von Gorm Grimm auch nicht verordnet worden. Die Rote Liste warnt ausdrücklich davor, denn durch Distraneurin kann es zu einer nicht „abschätzbaren Wirkungssteigerung“ von Barbituraten und Psychopharmaka kommen.

Für die Verteidiger von Gorm Grimm, die Kieler Rechtsanwälte Wolfgang Kubicki und Gerald Goecke, sind die mehr medizinisch-technischen Aspekte des Strafverfahrens gegen ihren Mandanten nicht die einzigen Argumente. Sie vermuten vielmehr, daß Gutachter und Gericht dem Angeklagten nicht unvoreingenommen gegenübertreten. Gerald Goecke hat daher zu Beginn der Hauptverhandlung einen Antrag wegen Besorgnis der Befangenheit des Vorsitzenden Richters Peter Bade vorgelegt. Dieser Antrag wird mit der Tatsache begründet, daß die Erste Große Strafkammer den bisherigen Gutachter Oskar Grüner und seine wissenschaftlichen Mitarbeiter der Kieler Gerichtsmedizin, soweit sie sich am Gutachten beteiligt haben, trotz offensichtlicher Befangenheit Gorm Grimm gegenüber, nicht aus dem Verfahren entlassen hat. Gerald Goecke kann nachweisen, daß zwischen dem „Drogenarzt“ Gorm Grimm und der dem Gutachter Oskar Grüner unterstellten Drogenberatungsstelle ständig lautstark und öffentlich der Streit um den Königsweg der Suchtbehandlung ausgetragen wurde. Verständlich, wenn jetzt der Angeklagte fürchtet, daß die Begutachtung nicht unparteiisch ist.

Inzwischen aber hat sich die Verteidigung beim Gericht mit ihrer Forderung durchgesetzt, den in der Substitutionstherapie erfahrenen Berliner Gerichtsmediziner Friedrich Bschor als weiteren Gutachter hinzuzuziehen. Keine Zustimmung fand bei den Kieler Richtern dagegen der Wunsch von Verteidiger Wolfgang Kubicki, den New Yorker „Methadonspezialisten“ Robert Newman zu berufen.