Von Raimund Hoghe

Frankfurt a.M.

Das ZDF präsentierte sie letzte Woche in der Unterhaltungssendung Na siehste als "die Frau, die drei Millionen Mark für eine Unterschrift bekommen könnte". Daß sie diese Unterschrift nicht leisten will, "das bringt die Leute bis zur Raserei", beobachtete Hannelore Kraus. ",Warum nimmt die das Geld nicht?‘ fragen selbst Leute, die eigentlich eine bestimmte Vorstellungskraft haben. Die begreifen den Punkt nicht. Wir sind so auf die persönliche Interessenlage abgefahren, aufs Materielle, daß wir uns eine andere Haltung gar nicht mehr vorstellen können. Da sind wir zu eng, sehr zu eng. Wir müssen umdenken. Wir sind an einer absoluten Wende. Da ich zufällig in der Situation bin, daß ich nein sagen kann, muß ich das tun."

Nein sagt Hannelore Kraus zu einem "Leitbild für die neue europäische Hochhausgeneration", dem 268 Meter hohen Campanile, der "als neues, herausragendes Wahrzeichen der Stadt" und höchstes Hochhaus Europas an der Südseite des Frankfurter Hauptbahnhofs entstehen soll. "Losgelöst von den herkömmlichen Normen des Hochhausbaues, beispielhaft für eine Bautechnologie des 20. Jahrhunderts, im Inneren und Äußeren internationale Maßstäbe setzend, eröffnet der Campanile neue Dimensionen in Architektur, Gebäudetechnologie und Nutzungskonzeption von Hochbauten", schwärmten die Bauherren auf glänzendem Kunstdruckpapier.

Anders als ihre Nachbarn ließ sich Hannelore Kraus von den Visionen der Herren nicht beeindrucken. Daran konnten auch die immer höheren Summen nichts ändern, die ihr für die nachbarrechtliche Zustimmung zum Prestigeobjekt geboten wurden. Und ohne die Unterschrift der 49jährigen Hausbesitzerin ist ein Baubeginn vorerst nicht möglich, denn: Ihr Haus würde im Schatten des Campanile stehen.

Doch geht es Hannelore Kraus nicht allein um das Stück Himmel, das ihr der Wolkenkratzer verstellen würde. Mit dem Campanile und seinen bis ins 66. Stockwerk reichenden Skyline-Büros, diversen Restaurants, Läden, Health Club und Luxushotel sieht sie unter anderem ungelöste Verkehrs- und Umweltbelastungen auf das alte Stadtviertel zukommen und seine soziale Struktur gefährdet. 75 Prozent der Gutleutbewohner seien Ausländer. Das Argument, "das Ganze werde nur gebaut, um unser Viertel aufzuwerten", findet sie zynisch: "Das hat mit unserem Viertel nichts zu tun."

"Nur keinen Streit vermeiden", habe ihr Bruder früher immer gesagt. Die Kompromißlosigkeit, mit der sie jetzt gegen "dieses Potenzsymbol" Hochhaus kämpft, sei für viele irritierend. "Nun war ich immer sehr selbständig, unabhängig", stellt Hannelore Kraus fest. "Ich kann mich verhalten wie ich will – ich bin von keinem abhängig. Das ist sicher nicht häufig, daß Leute in dieser Lage sind, aber ich bin es."