Von Reinhard Merkel

Der irische Arzt Maurice O’C. Drury notiert 1966 in einer Reminiszenz an den fünfzehn Jahre zuvor verstorbenen Ludwig Wittgenstein: "Die Zahl der Einführungen in Wittgensteins Philosophie ... wächst ständig. Doch als früherer Schüler Wittgensteins habe ich den Eindruck, daß im Mittelpunkt seines Denkens etwas stand, was dort nicht ausgesprochen wird. Kierkegaard erzählt ein bitteres Gleichnis im Hinblick auf die Wirkung seiner Schriften. Er sagt, er komme sich vor wie der Theaterdirektor, der auf die Bühne eilt, um das Publikum zu warnen, es sei ein Feuer ausgebrochen. Die Zuschauer glauben jedoch, sein Auftritt gehöre zu der Posse, an der sie sich ergötzen, und je lauter er ruft, desto stärker wird ihr Beifall."

Im Blick auf Wittgensteins Werk hat das Gleichnis die Tiefe eines mehrfach aufschlußreichen Sinnes. Und nicht nur in den Beifall, auch in den Tadel mischten und mischen sich unzählige Mißtöne der Verständnislosigkeit. Eine vergleichbar bizarre, die Grenzen zur Komik und zur Peinlichkeit ähnlich hemmungslos überschreitende Rezeptionsgeschichte dürfte die Chronik der abendländischen Philosophie seit den Vorsokratikern nicht noch einmal zu bieten haben. Daß dies mit Form und Gehalt, aber auch mit der Erscheinungsweise des Wittgensteinschen Werkes zu tun hat, liegt auf der Hand. Kaum mehr als 100 seiner 30 000 Manuskriptseiten hat er bis zu seinem Tod veröffentlicht. Die seither von seinen Schülern Anscombe, Rhees und v. Wright edierten Schriften füllen inzwischen acht Bände – und leeren den Nachlaß noch nicht zur Hälfte.

Allerdings gibt es in der Wirkungsgeschichte des Wittgensteinschen Denkens eine spezifisch deutsche Blamage, die alleine mit der sozusagen doppelten Hermetik seines Werkes nicht zu erklären ist. Bis weit in die siebziger Jahre verstellten vor allem die abwegigen Verdikte Adornos und Herbert Marcuses der nachwachsenden Philosophengeneration den Blick: Wittgenstein sei ein "Positivist", "Scientist", "Common-Sense"-Banalist und insgesamt eine Art philosophischer Gottseibeimir gewesen. Requiescant in pace. Doch bevor die da und dort beginnenden Assimilationsversuche zwischen Wittgenstein und der "Kritischen Theorie" ins Stadium einer ebenfalls peinlichen Verbrüderung gelangen, sollte eine Vorfrage erwogen werden: ob in der unabgeschlossenen Chronik der deutschen Ideologie nicht auch jener, von keinem Zweifel und keiner Kenntnis ihres Gegenstands irritierten "Ideologiekritik" an Wittgenstein ein Kapitel zu widmen wäre.

Wie immer sich dies verhalten mag: In dem sich schließenden Panorama der Geistesgeschichte unseres Jahrhunderts wird als dessen überragende philosophische Erscheinung immer deutlicher die Gestalt Ludwig Wittgensteins erkennbar. Gerade im Jahr seines hundertsten Geburtstags ein hinreichender Grund für den Versuch einer "Neubewertung": Unter diesem plausiblen Motto stand vom 13. bis zum 20. August das "14. Internationale Wittgenstein-Symposium" in Kirchberg am Wechsel, einem niederösterreichischen Bergdorf, in dessen unmittelbarer Umgebung zwischen 1920 und 1926 die vielleicht merkwürdigste Episode der merkwürdigen Biographie Wittgensteins verlief – seine Zeit als Volksschullehrer.

"Neubewertung" – wie macht man das? Das Kirchberger Symposium präsentierte sich als einleuchtende symbolische Geste: In einer unsystematischen Versammlung zahlreicher mehr oder weniger markanter Aspekte zu Wittgensteins Leben und Werk spiegelte es in gewisser Weise jene "morphologische" Methode der Annäherung wider, die Wittgenstein selbst als Grundlage seiner Spätphilosophie angesehen hat.

"Er hat ja die wunderbare Gabe, die Dinge immer wieder wie zum erstenmal zu sehen. Aber es zeigt sich doch ... wie schwer eine gemeinsame Arbeit ist, da er eben immer wieder der Eingebung des Augenblicks folgt und das niederreißt, was er vorher entworfen hat."