Von Klaus Dörner

Mein Thema ist die deutsche Verdrängung der Ermordung der psychisch Kranken in Polen – und warum diese Verbrechen deutscher Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger, Soldaten und Polizisten von uns Deutschen nach •1945 so lange total verdrängt worden sind. Damit spreche ich über meine eigenen Verdrängungen.

Ich hoffe, daß ich am ehrlichsten und glaubwürdigsten bin, wenn ich mich selbst zum Objekt mache und diese Verdrängung an der eigenen Person aufzeige. Einige von Ihnen wissen, daß ich nationalsozialistisch erzogen und aufgewachsen bin, mindestens bis Mitte der fünfziger Jahre emotional von den Intentionen der Nazis infiziert war und genügend Beweise dafür habe, daß ich auch noch später aktiv zum kollektiven Verdrängungsprozeß der Verbrechen der deutschen Psychiatrie beigetragen habe. Ich habe das inzwischen in einem kleinen Buch mit dem Titel „Tödliches Mitleid“ (Verlag Jakob van Hoddis, Gütersloh 1988) dokumentiert. Ab Anfang der sechziger Jahre habe ich mich mit den Mordaktionen deutscher NS-Psychiater auseinandergesetzt und 1967 einen Aufsatz zu diesem Thema publiziert. Daß dies der erste Aufsatz zur Nazi-Euthanasie gewesen ist, der in einer historischen Zeitschrift in der BRD erschien, macht deutlich, daß die Verdrängung nicht nur innerhalb der Psychiatrie, sondern auch in anderen Wissenschaften kollektiv und total war. Ich weiß noch genau, daß ich damals gedacht habe: Mit diesem Aufsatz hast du deine Verdrängung bewältigt; du kannst das Thema für dich abschließen.

In Wirklichkeit war es eine bloß intellektuelle Bewältigung, erreichte meine Gefühle nur teilweise und mein psychiatrisches Handeln fast gar nicht. Ich bin erst 1984 auf den Gedanken gekommen, ich könnte mit den Überlebenden reden, sie aus ihrer Vereinsamung herausholen und dafür kämpfen, daß sie überhaupt als Verfolgte anerkannt werden. Was damit erst 1984 begann, hat dazu geführt, daß der Deutsche Bundestag 1988 die deutschen psychiatrischen NS-Opfer wenigstens teilweise als NS-Verfolgte anerkannt hat.

Aber die Verdrängung der deutschen Verbrechen an psychisch Kranken in Polen war noch besser geschützt. Erst Anfang der achtziger Jahre war ich offen genug, um mich aktiv dafür zu interessieren, obwohl ich es viel früher hätte wissen können. Ich fand auch bald in einer französischen Zeitschrift einen Aufsatz über die Ermordung der psychisch Kranken in Polen. Ich habe ihn übersetzen lassen. Er erschien 1982 in den „Sozialpsychiatrischen Informationen“. So unglaublich es klingt: Damit konnten deutsche Leser zum ersten Mal in deutscher Sprache etwas über die Ermordung der psychisch Kranken in Polen durch die Nazis erfahren. Das beschämt mich zutiefst. Es gehört zur „zweiten Schuld“, also zu der Schuld, die die Nachkriegsgeneration auf sich geladen hat. Dies können wir nicht auf die Generation unserer Väter und Großväter schieben.

Heute glaube ich zu wissen, warum die Ermordung der psychisch Kranken in Polen in Deutschland noch massiver verdrängt ist als die Ermordung der psychisch Kranken in Deutschland und die Ermordung der Juden: Das Vergasen, Erschießen und Erschlagen der psychisch Kranken in Polen war in seiner historischen Bedeutung noch entsetzlicher; denn mit ihrer Vergasung am 15. Oktober 1939 im Fort VII in Posen hat zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ganz konkret die Industrialisierung des Tötens von Menschen stattgefunden.

Zwar wurden in der folgenden Zeit immer mehr Menschen mit immer größerer industrieller und technischer Perfektion ermordet, aber am 15. Oktober 1939 in Posen ist dieses größtmögliche Extrem an Verachtung und Verdinglichung des Menschen zum ersten Mal praktiziert worden, weil das handwerkliche Töten den Mördern nicht mehr effektiv genug war.