Von Karl-Heinz Janßen

"Es ist ein seltsames Gefühl, daß der Welt, wie ich sie kenne, nur noch wenige Stunden beschieden sind."

Harold Nicolson, 31. August 1939

04.47 Uhr: "Feuererlaubnis!" Beinahe wie ein Seufzer der Erlösung nach tagelanger Anspannung mutet die lapidare Eintragung an, die unter dem 1. September 1939 im Kriegstagebuch des Linienschiffes Schleswig-Holstein steht. Es waren die ersten Schüsse im Zweiten Weltkrieg, abgefeuert gegen ein kleines polnisches Festungswerk auf einer Landzunge im Danziger Hafen – der Westerplatte.

Am Einsatz jenes Kriegsschiffes – eigentlich nur ein Randereignis des Polenfeldzugs – läßt sich zeigen, wie infam und mit welcher Menschenverachtung dieser Krieg von der obersten Führung entfesselt wurde, aber auch, mit welch innerem Zwiespalt die verantwortlichen Offiziere an der Front in den Kampf zogen.

Die Schleswig-Holstein, im Marinejargon liebevoll "Sophie X" genannt, vorzüglich bewährt als Eisbrecher in der Ostsee, war eines der beiden Großschiffe, die der Reichsmarine nach dem Versailler Frieden noch belassen worden waren. Hitlers neuer Kriegsmarine diente sie als Schulschiff.

Ursprünglich wollte die Seekriegsleitung schon Ende Juli einen starken Flottenverband nach Danzig entsenden; wegen Bedenken des Auswärtigen Amts sollte dann nur noch der Kleine Kreuzer Königsberg der Freien Stadt einen Freundschaftsbesuch abstatten; er wurde der polnischen Regierung – protokollgerecht – angezeigt.