In Polen rief man die Familien auf, sich einen Notvorrat anzulegen. Städte wie Warschau, London, Amsterdam wurden sich ähnlich: Sandsäcke stapelten sich vor wichtigen Gebäuden; Zivilisten schaufelten Deckungsgräben in Parks und Gärten. Am vorsorglichsten reagierten die Engländer: Sie evakuierten drei Millionen Mütter und Kinder aus den vom Luftkrieg gefährdeten Großstädten.

Gedrückte Stimmung in Europa. Nur Hitler zeigte "sehr gute Laune". Am Montag abend sagte er seinen Paladinen im Wintergarten der Reichskanzlei, er werde sich nachts "etwas Teuflisches ausdenken für die Polen, an dem sie krepieren verden". Ein Meisterwerk an Diplomatie sollte es sein. Am nächsten Tag entwarfen die völkerbunderfahrenen Beamten des Auswärtigen Amts den berühmten 16-Punkte-Plan, ein angeblich großzügiges Angebot an Polen, das auf den ersten Blick sogar Botschafter Henderson nicht durchschaute. Es steckte aber voller Fallstricke.

Danzig sollte ins Reich heimkehren, Gdingen polnisch bleiben. Im Korridor sollte ein Plebiszit über die Zugehörigkeit entscheiden. Abstimmen durften alle Polen und Deutsche, die vor dem 1. Januar 1918 in Westpreußen geboren wurden oder gewohnt hatten. Die Hunderttausende von Westpreußen, die nach dem Weltkrieg ins Reich geflohen waren, durften ebenfalls votieren, nicht aber die Polen, die nach dem Stichtag im Korridor geboren wurden oder zugewandert waren.

Nach dem Vorbild des Saarstatuts von 1935 sollte eine internationale Kommission mit eigenen Truppen das Gebiet überwachen. Mitglieder: England, Frankreich, Italien und – Rußland. Militär, Polizei und Behörden der Polen mußten die Zone sofort räumen.

Der Ausgang des Plebiszits konnte natürlich nicht zweifelhaft sein; ergo war der Plan für Polen unannehmbar. Er sollte, wie Hitler später zugab, auch nur als "Alibi" für seinen Krieg dienen. Am 29. August 1939 verlangt Hitler, daß binnen 24 Stunden ein polnischer Generalbevollmächtigter nach Berlin komme. In der Nacht zum 31. August las Ribbentrop dem britischen Botschafter die neuen Vorschläge zwar vor, gab sie aber nicht aus der Hand. Der Plan sei überholt, sagte der Außenminister, denn der polnische Generalbevollmächtigte war ausgeblieben.

Die ultimative Frist war so kurz, weil die Wehrmacht mit ihrem Überfall nicht länger als bis zum 1. September warten konnte. Am späten Abend des 31. August erschien immerhin noch der polnische Botschafter Lipski im Auswärtigen Amt: Seine Regierung werde sich in den nächsten Stunden zu dem englischen Vorschlag für eine direkte Verständigung mit Deutschland formell äußern. Eine Vollmacht hatte Lipski nicht dabei. Er tat gut daran, denn den deutschen Fahrplan hatte General Halder bereits in seinem Diensttagebuch im voraus notiert: "30. 8. Polen in Berlin. 31. 8. Zerplatzen. 1. 9. Gewaltanwendung."

Der "Schuldige" war also ausgemacht, nun fehlte Hitler nur noch der "propagandistische Anlaß". In den Abendstunden unternahm eine SD-Gruppe unter dem SS-Sturmbannführer Alfred Naujocks einen Scheinüberfall auf den Reichssender Gleiwitz (hinterher sprach man von "polnischen Insurgenten"). Auch die anderen Scheingefechte, beim Zollhaus Hochlinden (Kreis Rabitor) und beim Forsthaus Pitschen (Kreis Kreuzburg), liefen wie am Schnürchen ab. Anderntags berichteten die Zeitungen davon, und Hitler ("drei ganz schwere Grenzzwischenfälle") log in seiner Reichstagsrede: "Polen hat nun heute nacht zum erstenmal auf unserem eigenen Territorium auch durch reguläre Soldaten geschossen."