Die nächtlichen Schüsse über die Werra auf den DDR-Grenzort Wahlhausen geben immer noch Rätsel auf. „Wir ermitteln in alle Richtungen – vom Dumme-Jungen-Streich bis zum versuchten Tötungsverbrechen“, sagt Oberstaatsanwalt Klaus Tschepke. Über politische Hintergründe sei noch nichts bekannt.

Die Polizei fand 91 Patronenhülsen eines Kleinkalibergewehres am bundesdeutschen Werra-Ufer. Informationen, wonach zwei Männer mit einem Auto über ein Stoppelfeld bis an den Fluß gefahren seien und anderthalb Stunden lang die Häuser der Familien Jost und Feige sowie die Dorfkirche beschossen hätten, entstammen bisher allein der DDR-Presse. „Wenn die DDR-Grenzsoldaten die Schießerei so genau beobachtet haben, warum haben sie uns nicht sofort alarmiert?“, fragt der Bundesgrenzschutz. Für die Kontaktaufnahme gibt es überall entlang der deutsch-deutschen Grenze „rote Telephone“. Doch die westlichen Behörden erfuhren von den Schüssen erst mit fünfzehn Stunden Verspätung, als die DDR-Agentur ADN den Vorfall vermeldete. Die Täter müssen Ortskenntnisse gehabt haben: Sie paßten den Zeitraum zwischen zwei Streifengängen des Bundesgrenzschutzes ab und wählten einen Platz, an dem die Schüsse nicht zu hören waren.

Das DDR-Fernsehen, sonst nicht eben für seine Aktualität berühmt, übertraf sich selbst. Bereits wenige Stunden nach der Tat eilte ein Filmteam herbei, um Interviews und Berichte für die Aktuelle Kamera zu drehen. Und zur selben Zeit bastelte die Gemeinde Wahlhausen an einer Protestresolution, die am nächsten Tag in der Zeitung erschien.

Bei den Ermittlungen kooperieren Ost und West nicht. Ein Amtshilfeersuchen an die DDR ist nach Ansicht der bundesdeutschen Staatsanwaltschaft „nicht notwendig“. Und die DDR selbst hat auch keines gestellt. glü