Mit der Übernahme von MBB schafft sich der Daimler-Konzern eine neue beherrschende Stellung

Von Helga Keßler

Nur noch wenige Tage will Bundeswirtschaftsminister Helmut Haussmann (FDP) über die von Daimler-Benz angestrebte Fusion mit MBB nachdenken. Verwirft er die Argumente des Kartellamtes und erlaubt die Übernahme, entsteht damit Europas größter Rüstungskonzern. Doch die Ehe mit MBB könnte sich für Daimler auch noch in einem bisher wenig beachteten Wirtschaftszweig als äußerst vorteilhaft erweisen: der Energiegewinnung.

Hauptziel der Fusionsstrategie des größten deutschen Konzerns ist, in Geschäftsbereiche vorzudringen, die hohe Wachstumsraten versprechen. Der Energiemarkt gehört dazu. Im Hause Daimler hat man sich schon Anfang der siebziger Jahre Gedanken über die Energieversorgung der Zukunft gemacht und eine Entwicklung von den fossilen Trägern, hin zu regenerativen Energiequellen vorhergesagt. Dem Energieträger Wasserstoff wurde dabei, auch für das Überleben des Automobils, eine wichtige Rolle zugeschrieben. Inzwischen gibt es kaum noch Zweifel, daß der Wasserstoff eine wichtige Option für die Energieversorgung der Zukunft ist. Denn umweltfreundlicher geht es kaum, zumal dann, wenn die Energie der Sonne zur Wasserstofferzeugung genutzt wird. Das Zauberwort heißt denn auch Solar-Wasserstoff-Technologie.

Bereits heute wäre Daimler-Benz – zusammen mit den Tochterunternehmen AEG, Dornier und MTU – in der Lage, sämtliche für eine Solar-Wasserstoff-Wirtschaft wichtigen Bausteine zu liefern. AEG baut Solarzellen und arbeitet an der Entwicklung von Brennstoffzellen, Dornier kann Hochtemperatur-Elektrolysezellen liefern und MTU Gasturbinen zum Antrieb von Fahrzeugen. Wenn Daimler-Benz die Übernahme von MBB gelingt, kommen zudem sämtliche bundesdeutschen großtechnischen Wasserstoff-Projekte in eine Hand – Bund und Land wären an dieser Entwicklung wieder mal nicht unschuldig. Der Stuttgarter Riese hat es auch hier frühzeitig verstanden, sich sowohl politische als auch finanzielle Unterstützung zu sichern. Als besonders hilfreich hat sich der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth erwiesen.

Baden-Württemberg ist heute, dank entsprechender Richtlinien des Landes und einer gezielten Förderungspolitik, führend in der Wasserstoff-Technologie-Forschung. Schon Mitte der siebziger Jahre hat sich das Land bei der Bundesregierung für eine Umstrukturierung der Stuttgarter Institute der Deutschen Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrttechnik (DLR) in Richtung Energetik eingesetzt. Inzwischen arbeitet die DLR, die ursprünglich mit der Antriebstechrik für Raketen beschäftigt war, vor allem auf dem Gebiet der Wasserstoff-Technologie. Demselben Schwerpunkt widmen sich der vom Land eingerichtete Wissenschaftspark an der Uni Ulm und ein Sonderforschungsbereich an der Uni Stuttgart.

Was dies bedeutet, hat der grüne Abgeordnete Fritz Kuhn in einer Landtagssitzung bereits am 25. September 1986 so zusammengefaßt: "Mit Landesmitteln wurde faktisch nicht mehr und nicht weniger als eine Art innerbetriebliche Forschungs- und Ausbildungsstätte für den Daimler-Benz-Konzern, für Dornier, AEG und MTU geschaffen."

Auch zwischen Daimler und der DLR bestehen beste Kontakte: Carl-Jochen Winter, Leiter des Forschungsbereiches Energetik bei der,DLR war vorher Versuchsleiter bei Dornier. Die Firma beschäftigt sich mit der Entwicklung von Wasser-Elektrolysezellen Zudem bestehen finanzielle Verflechtungen in Form von "Kooperationen". Die DLR war an der Entwicklung der Wasserstoff-Autos von Daimler beteiligt, mit der bereits in den siebziger Jahren begonnen wurde. Finanzielle Unterstützung kam vom Bundesforschungsministerium (BMFT): Von den 39 Millionen Mark, die bis 1987 vom BMFT für das Wasserstoff-Auto bezahlt wurden, hat Daimler mehr als 31 Millionen eingesteckt, an Dornier floß eine weitere halbe Million. Was so gut unterstützt wird, muß schließlich Erfolg haben: 1982 stellte Daimler die ersten Wasserstoff-Autos vor. Inzwischen hat eine "Flotte von Fahrzeugen" in einer längeren Testphase "bewiesen, daß der Wasserstoffantrieb grundsätzlich eine Lösung für die Zukunft" darstellt, gab Daimler bekannt.

Doch die Firma beschränkt sich keineswegs nur auf den Bau von Automobilen. Sie kümmert sich auch um die weitere Entwicklung der Wasserstoff-Technologie in sämtlichen Anwendungsbereichen. Die Anstrengungen konzentrieren sich, nachdem der technische Durchbruch bereits gelungen ist, inzwischen auf die Optimierung der Wasserstoff-Produktion, also auf die Verbesserung der Wirtschaftlichkeit. Und auch hier greift Lothar Späth dem Stuttgarter Konzern hilfreich unter die Arme. Um die Forschung voranzutreiben und "zusammenzufassen", hat er im März 1988 eigens eine Stiftung eingerichtet. Träger des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstofforschung Baden-Württemberg (ZSW) sind neben dem Land der Verband der Elektrizitätswerke Baden-Württemberg e.V. und die Industrie, vertreten durch die Firmen Bosch, Messer Griesheim, Fichtner, Motor Columbus und Daimler-Benz.

Die Großindustrie als Nutznießer

Lothar Späth gehört zweifellos zu den wenigen Politikern, die schon früh die phantastischen Möglichkeiten des Wasserstoffs erkannten. Das Land – und nicht zuletzt sein Ministerpräsident – steht in dem Ruf, besonders technologiefreundlich zu sein und neue Techniken gezielt zu fördern. Dennoch strich die CDU-Landesregierung 1982 den Zuschuß zu solarthermischen Anlagen, obwohl das Programm angeblich erfolgreich gewesen war. Die Erklärung zeichnete sich bald ab: Das Geld wurde für ein Projekt gebraucht, an dem die Großen der Branche beteiligt sind. 1983 schlossen das Land Baden-Württemberg und Saudi-Arabien den Vertrag für das Gemeinschaftsprojekt "Hysolar" ab. Es sieht vor, daß die Universität Stuttgart eine im industriellen Maßstab arbeitende Solar-Wasserstoff-Anlage in der saudiarabischen Hauptstadt Riad aufbaut. Die mit einer Tagesproduktion von 120 Kubikmetern Wasserstoff größteAnlage wird ihren Strom aus einer bereits bestehenden Solarzellenanlage von 350 Kilowatt Leistung beziehen. Träger des 55 Millionen Mark teuren Großprojektes sind die Uni Stuttgart, die DLR, Baden-Württemberg, Saudi-Arabien und das BMFT. Inzwischen mischen auch die Hoechst-Tochter Messer Griesheim und BMW mit, Mannesmann hat sich durch eine gemeinsame Tochter mit Daimler (HWT, Gesellschaft für Hydrid- und Wasserstofftechnik mbH) ebenfalls eingeklinkt.

Auffallend an der baden-württembergischen Förderungspolitik in Sachen Wasserstoff-Technologie ist, daß bei sämtlichen Projekten Daimler-Benz mehr oder weniger direkt beteiligt ist. Bundesweit sieht die Situation nicht viel anders aus. Auch für das BMFT ist der Wasserstoff ein "Energieträger mit Zukunft". Das zeigt auch die Verteilung der Mittel. Das Bundesministerium hat für die Erforschung aller Formen erneuerbarer Energien seit 1974 zwei Milliarden Mark bereitgestellt. Etwa drei Viertel des Geldes floß in den Bereich "Solarwasserstofftechnologie". Nutznießer war vor allem die Großindustrie; im Förderungskatalog bis 1987 bestens vertreten: die Firmen AEG (158 Millionen), Dornier (47 Millionen), Daimler (31 Millionen) und MBB (29 Millionen).

Strategisch äußerst günstig

Auch wenn eine klare strategische Linie bei den Übernahmen von AEG, Dornier und MTU durch Daimler zunächst nicht erkennbar war, im nachhinein haben sie sich, zumindest für den Bereich Solar-Wasserstoff, als strategisch äußerst günstig erwiesen. Auch der Luft- und Raumfahrtkonzern Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) forscht seit 1975 – ebenfalls mit Unterstützung durch das BMFT – auf dem Gebiet Solarzellen und Photovoltaik. Unternehmensgründer Ludwig Bölkow ist zudem einer der energischsten Promotoren einer Wasserstoff-Wirtschaft. Zusammen mit Franz Josef Strauß, einst Aufsichtsratsmitglied des Stromkonzerns Bayernwerk, hat Ludwig Bölkow die Solar-Wasserstoff-Bayern-GmbH auf den Weg gebracht. Die Gründung erfolgte im Tschernobyl-Jahr 1986. Im Mai 1988 wurde der Grundstein für die "bedeutendste Solar-Wasserstoff-Anlage in Europa" gelegt: in Neunburg vorm Wald, ganz in der Nähe von Wackersdorf. Von 1991 an soll ein 500-Kilowatt-Solarzellenfeld Strom für die Gewinnung von jährlich 100 000 Kubikmeter Wasserstoff liefern. Bauherren sind Bayernwerk, Linde, Siemens, BMW und MBB.

Die Solar-Wasserstoff-Technologie ist heute gewiß nicht der wirtschaftlich wichtigste Zweig für Daimler. Doch die Bedeutung des neuen Energieträgers für die Zukunft des Unternehmens wurde klar erkannt: "Die Aktivitäten aller Firmen des Daimler-Benz-Konzerns sind von der Verfügbarkeit bestimmter Energieträger, von der Entwicklung der Energiemärkte und von den Möglichkeiten gegenwärtiger und zukünftiger Energietechnik vital berührt", heißt es in einem Firmenpapier.

Zusammen mit MBB könnte Daimler sämtliche interessanten Märkte der Wasserstoff-Wirtschaft kontrollieren: neben dem lukrativen Markt des Individualverkehrs auch den Energie- und Wärmemarkt. Noch weiß keiner, wann das "Zeitalter des Wasserstoffs" anbricht, der "ökologische Beschleunigungsfaktor" (Messer Griesheim) dürfte allerdings eine große Rolle spielen.