Von Hinrich Lührssen

Bernd Ahrens und Sebastian Gregorius haben ihre Parkas angezogen. Um kurz vor 5 Uhr in der Frühe ist es an diesem Montag morgen ziemlich kalt im Bremerhavener Fischereihafen. Schnell noch einen Schluck Kaffee, dann steigen die beiden auf altertümliche Holzwagen mit Hartgummireifen. Sie sind Fischauktionatoren. Vor der Halle 10 stehen Fischkisten mit Eis bedeckt. Etwa fünfzig Fischhändler balancieren über die Kisten und prüfen den Fang. 330 Tonnen Kabeljau und Rotbarsch sind in der Nacht vom isländischen Containerschiff Afell gelöscht worden, sieben andere Trawler und Kutter haben ebenfalls festgemacht. Die Auktion beginnt. Die beiden Auktionatoren rasseln die Angebote herunter, der Preis pro Pfund steigt jeweils um einen Viertelpfennig. Wer den Zuschlag erhält, erkennen bei dem enormen Tempo nur Eingeweihte. Erlös an diesem Montag morgen: über eine Million Mark.

Fisch ist an der bundesdeutschen Nordseeküste wieder zum Geschäft geworden. Überwunden, wenn auch nicht vergessen: der Schock, den vor zwei Jahren ein Bericht des Fernsehmagazins Monitor über Würmer in den Fischen auslöste. Damals geriet die Branche in die Krise. Kurzarbeit und Entlassungen waren die Folge. Heute freut sich die deutsche Fischwirtschaft über „eine wieder steigende Verbrauchernachfrage“, wie das Handelsblatt im August meldete. Fisch ist wieder in 12,8 Kilogramm soll jeder Bundesbürger im vergangenen Jahr gegessen haben. Das sind knapp 6,8 Kilogramm mehr als im Jahr zuvor. 1989, hofft die Branche, könnten es sogar 13,2 Kilogramm werden. Das wäre dann gut ein Kilogramm Fisch mehr als im statistischen Durchschnitts-Magen eines Weltbürgers landet.

Eine Umsatzsteigerung um 6,8 Prozent auf knapp acht Milliarden Mark, die deutsche Fischbranche kann zufrieden sein. Auch von den Turbulenzen Ende der siebziger Jahre hatte man sich – gerade vor Ausstrahlung der Monitor-Sendung – erholt, schrieb der Fischereiverband damals in seinem Geschäftsbericht.

Es waren Turbulenzen, durch die viele Schiffe auf der Strecke blieben. Kriegsschiffe brachten Kutter auf, Marinesoldaten kappten Fischnetze, altgediente Kapitäne standen vor Gericht. So geschehen vor und auf Island. Ein „Krieg“ um Fanggründe: Nach der Genfer Seerechtskonferenz 1976 ging Island in die Offensive. Die Hoheitsgewasser vor der Küste wurden auf 200 Seemeilen ausgedehnt, Schiffe anderer Staaten, die eindrangen, wurden aufgebracht. Die 200-Meilen-Zone proklamierten bald auch andere Staaten.

Für die bundesdeutschen Hochseefischer blieb nur noch die Nordsee. Doch dort fischen auch andere. Die Nordsee ist seit 1973 das Meer aller EG-Staaten. Politiker und Beamte legen alljahrlich auf langwierigen Konferenzen fest, wo welche Fischer wieviel Fisch fangen dürfen. Quotenregelung für Fisch: Exakt 12,6 Prozent der Fische aus der Nordsee dürfen Bundesdeutsche fangen, das sind 346 000 Tonnen Fisch, die jährlich in ihren Netzen zappeln. Es gibt Schongebiete und Schonzeiten, auch die Maschengröße der Netze ist EGweit geregelt. Damit alle Vorschriften auch eingehalten werden, sind für die Brüsseler Verwaltung Kontrolleure unterwegs. Ihre Jahresbilanz: Bei 11 727 Überprüfungen in der Nordsee wurden zuletzt 1287 Verstöße registriert. „Auf jeder Kapitänsbrücke müßte eigentlich ein Jurist stehen, damit man durch die Verordnungen und Bestimmungen noch durchfindet“, erregt sich Lothar Fischer, der Geschäftsführer des Fischereiverbandes.

Auch die Aufnahme von zwei neuen Staaten in die EG brachte die Branche in Schwierigkeiten. Die Fangflotten von Portugal und Spanien nahmen Kurs auf das EG-Meer. Vor allem die spanische Fisch-Armada, 17 000 Boote stark, schreckte die Konkurrenz. Damit boten Spaniens Fischer zwei Drittel der bisherigen EG-Fangflotte auf. Mehr als eine Million Spanier leben vom Fischfang, sie und ihre Landsleute verzehren pro Kopf und Jahr gleich vierzig Kilogramm Fisch. Vorbedingung der EG-Kommission bei der Aufnahme Spaniens in die Gemeinschaft: Vor dem Auswerfen ihrer Netze müsse die Fangflotte erst einmal drastisch verkleinert werden. Schiffe mit einer Gesamttonnage von 100 000 Bruttoregistertonnen sollten abgewrackt werden. Unannehmbar, erklärte Madrid. Schließlich wurde ein Kompromiß ausgehandelt. Für eine Übergangszeit bis Ende 1995 dürfen nur 300 spanische Trawler, und davon lediglich 150 gleichzeitig, in EG-Gewasser zum Fischfang auslaufen. Den Spaniern steht dafür nun allerdings mehr als die Hälfte der EG-Quote für Kabeljau zu.

Die bundesdeutsche Fangflotte war indessen auf dreizehn Schiffe zusammengeschmolzen. Wenn Bonn nicht helfe, müßten auch diese Trawler verkauft werden, mahnten 1985 die bundesdeutschen Reeder. Wie schnell gelegentlich Subventionen fließen, hatte die Nordsee Deutsche Hochseefischerei GmbH, das europaweit größte Unternehmen in der Fischverarbeitung, schon 1983 erfahren. Damals sollte die zum Konzern gehörende Fischkonservenfabrik Seeadler von Cuxhaven nach Bremerhaven verlegt werden, und damit auch 500 Arbeitsplätze aus der niedersächsischen Hafenstadt ins Bundesland Bremen. Mit dreißig Millionen Mark wußte das Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht zu verhindern. Für diese Summe kaufte der Regierungschef dem Unernehmen das Fabrikgebäude ab. Ein merkwürdiges Geschäft, denn das Gebäude war in den fünfziger Jahren bereits zur Hälfte mit Landesmitteln gebaut worden. Das Unternehmen erhielt zwar die Auflage, fünf Millionen Mark in das Werk zu investieren. Das war leicht zu verkraften. Als Pacht sollte die „Nordsee“ nämlich nur eine halbe Million Mark jährlich zahlen. Die konnte sich die Gesellschaft vom Bankkonto holen. Allein die Zinsen der dreißig Millionen Mark Kaufsumme brachten zwei Millionen Mark im Jahr ein. Eine Transaktion, die von der EG-Kommission in Brüssel vier Jahre später für rechtswidrig erklärt wurde.

Die Bitte der Reeder um Unterstützung blieb auch zwei Jahre spater nicht unbeantwortet. 23 Millionen Mark stellte Bonn in Aussicht. Auf einen gemeinsamen Heimathafen für den Rest der deutschen Fangflotte konnten sich die Bundesländer Niedersachsen und Bremen indes nicht einigen. Der monatelange Zank endete schließlich mit der Gründung von zwei Gesellschaften, jeweils im Landesbesitz. Steuergelder flossen fortan reichlich. Die Bundeshilfen summierten sich auf insgesamt 272 Millionen Mark, errechnete Wolfgang von Geldern, der Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium, in seinem Bericht über die Bonner Fischereipolitik im August 1986.

Ein Jahr spater liegt an der Fischpier in Bremerhaven die Europa‚ ein nagelneuer Euro-Trawler für den Fang von Kabeljau und Seelachs, ausgestattet mit modernster Navigations- und Computertechnik. Die Fanggründe sind auf Disketten gespeichert. „Es gibt keinen deutschen Trawler, der besser ausgerüstet ist“, sagt der stolze Kapitan, der 34jahrige Klaus Hartmann. Doch nicht nur die Elektronik an Bord macht die Schiffstaufe zum Ereignis. Es ist der erste Neubau für die deutsche Hochseefischerei seit neun Jahren.

„Die politische Aufgabe, die deutsche Hochseefischerei zu erhalten, kann als gelöst angesehen werden“, freute sich in diesen Tagen Staatssekretär von Geldern. Die Bonner Unterstützung habe sich gelohnt. Die erste Fangreise der Europa dauerte drei Wochen. Immerhin 2500 Zentner Rotbarsch brachte das Schiff mit. Kapitän Klaus Hartmann hatte zwar auf See von schlechten Nachrichten an der Küste gehört. Doch so schlimm hatte er es sich nicht vorgestellt. Bei der Heimkehr war der Rotbarsch im Bauch des Schiffes kaum noch etwas wert. Zwischen Abreise und Ankunft war der Monitor-Bericht gesendet worden. Eine Umsatzeinbuße von rund fünfzig Millionen Mark mußte allein die Nordsee Deutsche Hochseefischerei in den folgenden Jahren verkraften.

Eine Offensive der Industrie brachte Fisch wieder auf den Speiseplan. Leuchttische sind jetzt vorgeschrieben, die Qualität soll durch ein neues Institut in Bremerhaven künftig schärfer überwacht werden. In Anzeigenkampagnen und auf Pressekonferenzen klärten Koche über die Zubereitung der Meeresleckereien auf. Allseits bekannte Größen wie Anneliese Rothenberger, Rudi Carrell oder Hans-Joachim Kulenkampff bekannten sich öffentlich als Fischesser.

Längst hat die Branche aber auch erkannt, daß sich der Import mehr lohnt als die Unterhaltung einer großen Fangflotte, die kaum irgendwo fischen darf. So hat sich Bremerhaven als europaweit führender Umschlagplatz für Fisch behauptet. Mehrere Unternehmen wollen expandieren, ihre Fischverarbeitung ausbauen, neue Arbeitsplätze schaffen. Das Bremerhavener Arbeitsamt bietet Langzeitarbeitslosen „Schnupperkurse“ als Fischwerker für vier Wochen an, weil die Fischverarbeitung als Wachstumsbranche gilt. „Die Tendenz geht eindeutig weiter nach oben“, stellt Jochen Jantzen von der Fischereihafen-Betriebs- und Entwicklungsgesellschaft zufrieden fest.

Das Gerangel um Ausschöpfung der Fangquoten geht indes weiter. Vor allem niederländische Reeder kennen alle Tricks. Sieben bundesdeutschen Kutterfischern sollen sie erst kürzlich ihre Fangquoten illegal abgekauft haben. Auf hoher See übergaben die Niederländer den Bundesdeutschen ihren Fang. Nach dem Verkauf wurde der Fisch der bundesdeutschen Fangquote angerechnet. Begehrt sind auch stille Beteiligungen an Fischkuttern mit schwarzrotgoldenen Fahnen, um so auch deren Fangquoten nutzen zu können.

Wie lange aber kann überhaupt noch Fisch gefangen werden, wenn die Meere immer stärker verseucht werden? Die Ozeane und Meere müssen nach der Studie „Global 2000“ jährlich rund vier Millionen Tonnen giftige Substanzen aufnehmen. Auswirkungen könnten auch die bisher rund 500 Atomversuche in Meeresgebieten haben. Die Fischbestände in vielen Küstengewässern seien bereits stark gefährdet, erklärte im April der Generaldirektor der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO), Edouard Saouma. Gefahr droht aber auch durch Raubbau. Wenn Kabeljau oder Schellfisch nicht der Mindestgrößenverordnung entsprechen oder die Fangquoten bereits ausgeschöpft sind, werden die Fische wieder ins Meer geworfen. Aber schon beim Aufholen im Netz platzt vielen Fischen wegen des abnehmenden Wasserdrucks die Schwimmblase. Sie sind verendet, bevor sie an Bord gehievt werden. Wie viele tote Fische wieder ins Meer geworfen werden, weiß niemand. Aber nach einer Schätzung des Fischereiforschungsinstituts im britischen Aberdeen werden für jede angelandete Tonne Schellfisch vier bis fünf Tonnen ins Meer zuruckgekippt. Die EG will deshalb die Fangquoten reduzieren.

Eigentlich wird mehr Fisch denn je gebraucht. Bisher deckt der Weltfischfang nur ein Prozent des gesamten menschlichen Nahrungsbedarfs. Der Gesamtertrag beträgt rund 75 Millionen Tonnen, neunzig Prozent davon kommen aus dem Meer. Bis zur Jahrtausendwende sollen nach jüngsten Schätzungen der FAO 93 Millionen Tonnen Fisch verarbeitet werden. Doch ob mit der angepeilten Ausweitung der Hunger auf der Welt auch nur teilweise gestillt werden kann, ist fraglich.

Zuvor müßte die Verteilung verändert werden. Die Hälfte des Weltfischfanges wird von Industrielandern genutzt, obwohl dort nur ein Viertel der Weltbevölkerung lebt. Das war schon vor fünf Jahren Thema einer Fischereikonferenz in Indien. An der Feststellung des amerikanischen Politologen George Kent hat sich seitdem kaum etwas geändert: „Fisch wandert auch noch, wenn er tot ist, nämlich von den Hungrigen zu den Satten.“