Von Michael Reinsch

Bereits eine Stunde vor Beginn fliegen die ersten Bierbecher durch die Luft. Wasserbeutel zerplatzen an Köpfen und Schultern. Die Menge schreit „Udo, Udo!“, doch der Moderator läßt sich noch Zeit. Dann, es ist Punkt acht, tritt er hinaus auf die Bühne. Tumultartige Szenen – die „Talentprobe“ am Kölner Tanzbrunnen beginnt.

Zehn Interpreten sind es an diesem lauen Sommerabend. Den Anfang macht ein 21 Jahre alter Tischler aus Köln. Eigentlich will er „Love me tender“ singen. Doch kaum hat der junge Mann den ersten Ton raus, ist von dem alten Elvis-Hit nichts mehr zu hören. Das Publikum heult und brüllt. Sang- und klanglos gehen der tapfere Handwerker und seine Begleitband „Les Cumpanes“ in Buhrufen unter. Zu Tausenden stehen die Zuschauer auf ihren Stühlen, schreien und klatschen wie verrückt – mit dem Rücken zur Bühne. Mehr als drei Minuten halten sie das durch – endlich läßt der Tischler das Mikrophon sinken.

Auch bei einem zweiten Versuch hat der Mann keine Chance. Fäuste drohen ihm, als er schon etwas unsicher Simon and Garfunkeis „Bridge over Troubled Water“ anstimmt. Zuschauer zeigen mit ihren Daumen nach unten. Eine Gruppe hält Wertungstafeln über ihre Köpfe. „0,1“ – dreimal bekommt der Interpret diese Wertung. Der Sänger sieht die Schilder, aufgeregt wie er ist, ebensowenig wie jene beiden kleinen Galgen neben der Bühne, an denen Puppen hängen, die das Schicksal gescheiterter Interpreten veranschaulichen.

Vor vielen Jahren muß Udo Werners Talentprobe tatsächlich noch etwas mit Talentsuche zu tun gehabt haben; vor allem ältere Herrschaften erfreuten sich an den Auftritten hoffnungsfroher Dilettanten, eine schräge Erinnerung an Tanzsalons und Varietés. Mit lustvollem Leiden ertrugen die Zuschauer die Debüts singender Hausfrauen und musizierender Straßenbahnschaffner. Leise Schadenfreude beim Scheitern eines Debütanten entschädigte für manch quälenden Ton. Doch manchem Debütanten gelang der Sprung ins Showgeschäft. Eine gewisse Nicole gewann bei ihrem Auftritt vor fast zehn Jahren zwar noch nicht einmal die Abendwertung – aber mit ihrem Lied „Ein bißchen Frieden“ siegte sie beim Grand Prix Eurovision de la Chanson. Im nachhinein steht sie natürlich auf Udo Werners Erfolgsliste ganz oben, vor Ralf Bendix und Benny Quick, Hanna Dölitzsch und Gissy Andre – „nahm nach einigen Singles Gesangsunterricht und verspricht jetzt eine großartige Opernsängerin zu werden“,

Nicole hätte wohl auch heute keine Chance. Denn das jugendliche Publikum dieser Tage – Studenten, Arbeiter, Verwaltungsangestellte – kommt vor allem, um mit Transparenten und Zwischenrufen die Amateure auf der Bühne um ihre Fassung zu bringen: Anmache auf Kölsch heißt die Devise. Die Jugendlichen herrschen in der Arena – gnadenlos wie Nero im Circus Maximus.

Schon das Motto Udo Werners „Eine Chance für junge Talente“ läßt sie brüllen vor Vergnügen. Keine Chance! Drohungen und wüste Beschimpfungen – bisweilen werfen Besucher mit Rollen von Toilettenpapier nach den Aktiven. Ein Sänger aus Trier bekommt ein rohes Ei an den Kopf. „Das ist doch keine Talentprobe“, schimpft er. „Hier singe ich nie wieder.“

Die beiden Mädchen, die nach ihm auftreten sollen, trauen sich gar nicht erst auf die Bühne: Denn schon beim ersten Schritt werden Frauen traditionell mit der Aufforderung „ausziehen, ausziehen!“ begrüßt. Als Udo Werner die Mädchen aufruft, sind die Offenbacherin mit ihren Eigenkompositionen und die Schülerin aus Wesseling mit ihren Madonna-Songs spurlos verschwunden. Das ist nicht ungewöhnlich. In jeder Talentprobe werfen Interpreten schon vor ihrem Auftritt das Handtuch – nur wenige haben die Nerven, den Vortrag mit den Worten „Perlen vor die Säue“ abzubrechen.

Selbst die Profimusiker der Begleitband, die sich für jeden Auftritt neu aus Big Bands und Musical-Gruppen, Tanzcombos und Rockgruppen rekrutiert, schütteln mit dem Kopf. Der Bassist, soeben mit dem Musikstudium fertig und auf der Suche nach einem Engagement in einem Sinfonieorchester, ist zum ersten Mal dabei – vielleicht auch zum letzten; er findet es „widerlich“. Der Schlagzeuger haut schon zum zweiten Mal auf die Trommeln. Manchmal, sagt er, sei der Lärm so groß, daß er die anderen Instrumente gar nicht hören könne. „Das ist kein Konzert hier“, findet auch der Gitarrist, „das ist wie auf dem Fußballplatz.“ Doch der Job bei Udo Werner ist unter Musikern begehrt, die Stadt zahlt anständig.

Eine Teilnehmerin aus Düsseldorf verzichtet an diesem Abend auf die Hilfe der Begleitband und setzt sich mit ihrer Gitarre vors Mikrophon. „Erstens singe ich auf deutsch, zweitens singe ich gegen Atomraketen.“ Daß sie, drittens, auch noch für ihr Kind singt, geht im Getöse unter. Doch die engagierte Hausfrau und Künstlerin gibt noch nicht auf. „Ich singe erst, wenn hier Ruhe herrscht“, schreit sie ins Publikum, um es schließlich mit einem Sitzstreik zu versuchen. Nach einigen Minuten schreitet Udo Werner ein. „Machen Sie sich nicht unglücklich, junge Frau.“ Diese Bitte scheint ihr Halt zu geben, jedenfalls sagt sie: „Dann singe ich eben zweimal, damit man die Texte auch versteht.“ Wütend schleudert sie ihre hausgemachten Protestlieder aus ihrer Deckung hinter der Gitarre hervor; auf die Widerholung verzichtet sie.

Doch plötzlich das Wunder: Eine vierzehnjährige Italienerin aus Mönchengladbach – „die erste heute, die singen kann“, hatte ein Musiker bei der Probe kommentiert – beruhigt das feindselige Auditorium. Ein bißchen Madonna, ein bißchen Michael Jackson, die Juchzer an den richtigen Stellen und in der richtigen Tonlage – da stehen die Lautesten still, da wiegen sich viele in den Hüften. Zugabe!

Aber es gibt auch noch andere, die nicht ausgepfiffen werden: Ein Trupp angetrunkener Holländer zum Beispiel. Ihre Instrumente beherrschen sie nur mühsam, aber ein halbes Dutzend Trommeln garantiert den Takt: „Mer losse d’r Dom in Kölle“, Tausende gröhlen mit. Vier Kölner Jungs hauen in die gleiche Kerbe. Sie zwingen die Begleitband, Hits von der Punkband „Die Toten Hosen“ zu spielen, und ergreifen unverzüglich die Mikrophone. Eine Art Höhepunkt des Abends.

Der singende Tischler steht mittlerweile neben der Bühne und ist zu Interviews bereit. Trotz seines künstlerischen Einbruchs am Tanzbrunnen zu Köln hofft er auf eine Show-Karriere. Sein nächstes Ziel ist ein Auftritt bei Rudi Carrell.