Von Katharina Rutschky

Zeit seines Lebens hatte er keine gute Presse, weder links noch rechts. Er war bekannt, ohne je als Kritiker, Essayist, Theaterautor und Romancier wirklich Erfolg zu haben. Ist sein Ruf heute besser? Dafür spräche, daß vierzig Jahre nach seinem frühen Tod alle seine Romane und autobiographischen Schriften – sogar als Taschenbücher – wieder verfügbar sind; daß schon vor Jahren seine Briefe in einer umfangreichen Auswahl veröffentlicht wurden – vom stetigen Anwachsen der sogenannten Sekundärliteratur zu Person und Werk gar nicht zu reden. Nun erscheinen auch noch die Tagebücher, welche Klaus Mann seit 1931 regelmäßig bis zu seinem Tod 1949 geführt hat. Fünf Bände sollen im Halbjahresabstand dem ersten, gerade veröffentlichten noch folgen, der vom Herbst 1931 bis in die ersten Monate der Emigration reicht.

Klaus Mann war kaum 25 Jahre alt, als er beschloß – amüsiert von der Lektüre seiner Kindertagebücher und von ihrem schriftstellerischen Nutzen überzeugt –, diese Art Buchhaltung seines Lebens wiederaufzunehmen; er war erst 26, als für ihn die Emigration begann. Fast sofort stürzte er sich dort in ein politisches Unternehmen: Schon September 1933 erschien die erste Nummer der Zeitschrift Die Sammlung in Amsterdam. Damit bin ich schon fast bei der Antwort auf die Frage, warum Klaus Mann damals eine so schlechte Presse hatte, eine merkwürdige Ungerechtigkeit, deren sich auch die heutige philologisch-kritische Beschäftigung mit ihm noch schuldig macht.

Die naheliegende Erklärung, die Klaus Mann selber oft genug herangezogen hat, ist die, daß er eben leider der Sohn eines gewissen Thomas Mann war, Sie wissen schon, der Verfasser der "Buddenbrooks" und anderer schulkanonischer Texte, des "Zauberbergs", der "Lotte in Weimar" und so weiter und so fort – des bürgerlichen Großschriftstellers mit Villa in München, des Nobelpreisträgers, und sollten Sie seine Bücher nicht kennen, dann doch zumindest die Filme, die nach ihnen gedreht worden sind ... Daß man Klaus Mann nicht nur an einem solchen Vater, sondern auch noch an einem Onkel Heinrich messen könnte, fällt da schon kaum mehr ins Gewicht. Die höhnische Überschrift "Kleiner Mann, was nun?" in der Rechtspresse hatte auf der liberalen und linken Seite ihr Pendant in überscharfer Notengebung.

Kinder bedeutender und berühmter Leute haben es schwer. Die Privilegien, die sie früh genießen, werden später teuer bezahlt mit der schieren Unmöglichkeit, je etwas anderes zu werden als der Sohn oder die Tochter, die vielleicht ein Erbe verwalten, aber selber keins hinterlassen können. Mit dem armen August Goethe hat dieses Problem moderner Familien angefangen, und mit Klaus Mann hat es nicht aufgehört, Kinder zu stigmatisieren und ihnen ihre eigene Zukunft zu nehmen. Unter Umständen und auf Umwegen auch dann, wenn sie eine gehabt haben, wie das bei Klaus Mann der Fall war.

Kaum plausibler werden die Affekte, die er mobilisierte, durch den Hinweis auf Schwierigkeiten, die leicht dann entstehen, wenn ein Sohn sich peinlicher- und billigerweise auf demselben Gebiet betätigt wie der Riesenvater und so den Vergleich, der zu seinen Ungunsten ausfallen muß, dauernd selber provoziert. Klaus Mann hat andere schwere Regelverletzungen begangen, die damals wie heute im sogenannten Geistesleben streng geahndet werden. "Altklug, frühreif, blasiert" – so lautete lange die Fehlerkombination in den Augen der Pädagogen. So dürfen Kinder nicht sein, aber auch keine achtzehn- oder zwanzigjährigen Autoren, denen man allenfalls den genialen Wahnsinn des frühvollendeten Dichters konzediert, ein Recht auf Meinung jenseits jeder Patronage, auf artikulierte Intellektualität aber nicht einräumt. Gibt der Betreffende, wie Klaus Mann etwa, durch Vielseitigkeit, Tempo und Fleiß auch noch zu erkennen, daß er ehrgeizig ist und einen Platz an der Sonne keinesfalls verschmähen würde – dann muß er schnell zur Räson gebracht werden. Klaus Mann war wirklich "altklug, frühreif, blasiert" und dachte nicht daran, die Kinderrolle zu spielen, die ihm alle zugedacht hatten. Die Frage ist kulturpädagogisch aber nicht, ob ein 26jähriger eine Autobiographie wie "Kind unserer Zeit" schreiben kann, sondern ob er das überhaupt darf.

Während gescheite Pädagogen heute ihre Zöglinge mit bestimmten Verdikten und entsprechenden Erziehungsstrafen verschonen, ist der böse Geist, der sie verlassen hat, in andere gefahren. Anders kann ich mir die Nacherziehungsmaßnahmen nicht erklären, die Peter Laemmle, einer der Herausgeber, in seinem Nachwort an Klaus Mann vornimmt. Da wird der Vorwurf der "Leichtfertigkeit" aufgenommen, werden die publizistische "Betriebsamkeit" und die "flinke Feder" moniert. Zur Strafe wird den frühen Romanen der literarische Wert ab-, ein dokumentarischer dagegen zugesprochen. Was sagt das über Klaus Mann? Nichts, aber einiges über die hier stillschweigend gelehrte Poetik, derzufolge nur schreibgestörte und introvertierte Sonderlinge als Schriftsteller, womöglich Dichter ernst genommen werden können. Noch ehe die Reizüberflutung besorgte Jugendforscher auf den Plan rief, lehrt schon das Exempel von Klaus Mann, wohin Unruhe und Erfahrungshunger führen: zu psychischer Instabilität und Oberflächlichkeit.

Eine wörtliche Probe Laemmlescher Nacherziehung muß ich doch geben: "Wann gab es eine Pause oder wenigstens Momente der Stille, des Reflektierens, der Meditation?" Ganz deplaziert sind die Auslassungen, die Laemmle über die Charakterdefizite von Klaus Mann macht. Hat er Prominenz nicht bloß gesammelt, statt "die vielen Begegnungen mit all den kulturell so bedeutenden Personen" richtig auf sich wirken zu lassen? Zur Strafe, zur gerechten, ich paraphrasiere immer noch den Herausgeber, haben ihn diese Kulturträger dann nicht geliebt und in ihren Tagebüchern und Erinnerungen übergangen oder schonungslos bloßgestellt. Wenn allerdings Cocteau herhalten muß, weil er meinem unheroisch-tapferen und rührenden Helden hämisch "Richtung und Ziel" seiner Existenz abgesprochen hat, kann an diesem wie an andern Vorwürfen nicht viel dran sein.

Klaus Mann wird aber nicht nur getadelt, sondern auch wegen der Selbstverständlichkeit, mit der er seine Homosexualität lebte, und wegen der Klarheit seines politischen Urteils gelobt. Es kommt mir gar nicht darauf an, ob diese Notengebung nun gerecht ist oder nicht; mir liegt aber viel an der Denunziation des Schemas, wonach Klaus Mann als altkluges und vorlautes Kind von jedem in angemaßter Überlegenheit gemaßregelt werden darf. Irgendwo müssen doch die anderen Leser sitzen, die ihn vorurteilslos, um seiner selbst willen sozusagen, lesen und nicht nur als Trabanten eines Größeren zur Kenntnis nehmen?

Nun aber endlich zum Tagebuch selber. Die Druckfassung ist eine Auswahl aus dem sehr viel umfangreicheren Original. Seinem Vorsatz folgend, nur "Sachlichstes", also positive Fakten in das Tagebuch aufzunehmen, hat Klaus Mann an eine Veröffentlichung wohl kaum gedacht. Das Tagebuch ist Datenbank. Trotz der Kürzungen um die allzu monotonen Aufzählungen bleibt die Lektüre für Unkundige ein sprödes Vergnügen. Es gibt keine Überraschungen oder Enthüllungen, es gibt Namen, Daten, die es erlauben, den Alltag, den Arbeitsrhythmus und die Arbeitsstörungen eines jungen Autors zu rekonstruieren. Hin und wieder Beobachtungen an sich und anderen von geradezu begeisternder Intelligenz und fast beunruhigendem Mut. So bringt er einmal das Motiv der Verführung und der damit zusammenhängenden Faszination durch Wagner bei Thomas Mann mit der Vorstellung der homosexuellen Sünde zusammen, ein Gedanke, der ihm so fremd wie Wagners Musik zuwider ist. Unvernunft und Rausch erscheinen ihm als gesteigertes Leben, nicht als Lebensgefahr. Deshalb konnte Klaus Mann auch einmal bemerken, daß er vom Irrationalen wirklich mehr verstünde als der Dr. Goebbels.

Ein Bericht über die sowjetrussische Jugend und ihre Kriegsbegeisterung führt zu dem Gedanken, daß Jugend und Krieg in einem positiven Verhältnis zueinander stehen. "Man muß sich, als junger Mensch, unjung fühlen, wenn man diese Arten Begeisterung nicht kennen will", hält der Pazifist fest. "Sehr beunruhigt davon. Man muß aber weitermachen."

Klaus Mann hing auf eine gefährliche Art an seiner Jugend, nicht bloß wie wir alle mehr oder weniger an der wenig haltbaren frischen Physis, obwohl er sich um die gehörig sorgt. Ich habe nicht gezählt, wie oft er zum Friseur geht, um seine bedrohten Haare nicht nur frisieren, sondern auch noch behandeln zu lassen. Mehr noch als an diesen hing er an den Personen seiner Kindheit und Jugendjahre; der Mutter und vor allem der wenig älteren Schwester Erika. Sie ist ihm lebensnotwendig in des Wortes buchstäblicher Bedeutung. Durch ihre Anwesenheit, ihre Mitarbeit, ja durch das schiere Wissen um ihre Regsamkeit und Erfolge scheint sie ihn ein Stück weit mit dem Leben verknüpft zu haben. Mehr als an der von Laemmle mit dem Prädikat "kulturell wertvoll" bedachten Prominenz lag ihm an den zahlreichen Freunden und Freundinnen. Doris Schönthan, die Tochter des Verfassers so populärer Schwänke wie "Der Raub der Sabinerinnen" ist immer da, sie wird auch da sein, wenn er viele Jahre später in Cannes stirbt. Oder Annemarie Schwarzenbach, auch sie neuerdings wieder als Schriftstellerin entdeckt – sie sollte die große Persienreise mitmachen, die dann unterblieb, weil am Tag vor dem Start ein anderer Teilnehmer und Freund, Ricki Hallgarten, sich das Leben genommen hatte. W. E. Süskind, den er aufgab, weil ihm dessen politischer Opportunismus 1933 unerträglich war. Daß gerade Süskind (zusammen mit Storz und Sternberger) später den Klassiker konservativer Sprachkritik, "Das Wörterbuch des Unmenschen", verfassen sollte, nimmt sich auf dem Hintergrund der leidenschaftlichen Auseinandersetzung der Freunde besonders seltsam aus.

Neu tritt im Tagebuch die Bedeutung des jüngeren Bruders Golo hervor, mit dem er über Politik, aber auch persönliche Dinge diskutiert. Der ältere nimmt den jüngeren sehr ernst. Golo Mann fühlte sich allerdings vom Vater und diesem genial-wendigen Bruder so bedrückt, daß er erst nach beider Tod, also im Alter von 46 Jahren, zur eigenen Produktivität fand. Nicht Literatur-Leser, eher Psychologen, Sozialhistoriker, Drogenberater und Zivilisationsforscher finden Stoff in diesem Tagebuch.

Wenn man heute sagt, Klaus Mann sei drogensüchtig gewesen, ist das zwar korrekt, mir ist aber über der Lektüre jede Kritiklust, jede Neigung zur sozialpädagogischen Deutung vergangen. Es ist mir ein Rätsel, wie dieser junge "europäische Intellektuelle" – das war damals ein radikaler und politischer Berufswunsch, keine massenmedial vergoldete Option für den großen Markt –, dauernd unterwegs, ohne irgendein Zuhause, in Hotelzimmern und Cafés, so fleißig produzieren konnte. Nach eigenem Dafürhalten war Klaus Mann aber nicht fleißig genug. In zweieinhalb Jahren zieht er siebenmal Bilanz, stellt Listen auf über das, was er geschrieben hat, nennt die Entschuldigungsgründe, die zu berücksichtigen wären, wenn er mit sich selber je hätte freundlicher umgehen können. Das Abitur konnten die Eltern ihm zwar nicht abluchsen – dafür war er aber ein um so strengerer Zensor seiner selbst auf der Leistungsstrecke des Lebens, lebensgefährlich streng.

Natürlich enthält das Tagebuch auch scheinbar banale Notizen – durch die aber, liest man sie richtig, Licht in eine doch schon sehr ferne Zeit fällt. "Essen im Trainingsanzug", vermerkt er während der großen Skandinavienreise. Wem fiele diese Formlosigkeit heute noch auf? Er schreibt auch seine Kinobesuche auf. Auf sein Urteil ist Verlaß. Daß Marlene Dietrich in "Blonde Venus" eine furchtbare Rolle hat, kann man auch heute nur unterschreiben. Ein andermal pfeift er einen Film aus; es ist ganz aus der Mode gekommen, so persönlich auf eine mechanische Vorführung zu reagieren.

Klaus Mann hatte immer recht – er zeigt aber auch, wie traurig das macht. Ist es das, was mich so bezaubert? Auch seine halben Irrtümer – Benn und George – habe ich, ohne seinen Namen zu kennen, als Oberschülerin in den späten Fünfzigern durchgemacht.

Wunderbar prägnant sind die zahlreichen Traumvignetten, meist mit politischem Inhalt, die das Tagebuch vermerkt. So befindet er sich mit Erika und zwei großen, schönen Hunden in einem Schloß, wo sie auf Hitler treffen. Das ist wie aus Wilhelm Speyers "Kampf der Tertia", 1927 erschienen, wo Daniela mit ihren zwei Doggen von ihrem kleinen Anbeter doch noch zum Kampf gegen das Böse verführt wird. Sie haben Erfolg.

  • Klaus Mann:

Tagebücher 1931-33

Herausgegeben von Joachim Heimannsberg, Peter Laemmle und Wilfried F. Schoeller; edition spangenberg, München 1989; 225 S., geb. 48,– DM, brosch. 29,80 DM