Das Reisefieber sinkt

Von Bernd Loppow

Auch Champions gönnen sich einmal eine Erholungspause. Die Deutschen, seit einigen Jahren Weltmeister nicht nur im Export von Gütern und Dienstleistungen, sondern auch im Besuch fremder Länder, fanden im laufenden Jahr nicht richtig Gefallen an dem, was ihnen lange Jahre gut und billig schien. Erstmals seit den Rezessiorisjahren zu Beginn der achtziger Jahre packten weniger Bundesbürger ihre Koffer, um die Ferien außerhalb der eigenen vier Wände zu verbringen.

Eine im August vom Bielefelder Emnid-Institut durchgeführte Repräsentativumfrage brachte es an den Tag: Von Januar bis Juli verreisten vier Prozent weniger Bundesbürger als im Rekordjahr 1988. Die Reisen, bei denen zumindest einmal übernachtet wurde, gingen auf knapp 76 Millionen zurück.

Besonders hart traf es den Juli. Im Haupturlaubsmonat, in dem sonst über 28 Prozent der Deutschen in die Ferien fahren, verreisten 1,6 Millionen Bundesbürger weniger als 1988. "Dieser Rückgang geht voll zu Lasten der Auslandsreisen", stellt das Marktforschungsinstitut fest. Denn während die Reisen im Inland um eine dreiviertel Million zunahmen, ging die Zahl der deutschen Auslandsurlauber um über zwei Millionen zurück.

Zu Beginn des Jahres rechnete kaum jemand damit, daß die Reiselust der Deutschen abnehmen könnte. Auch die Reiseveranstalter erwarteten, daß sich die Wachstumsraten von 1988 (8,4 Prozent) fortsetzen würden. Hans-Jürgen Kaul, Sprecher des drittgrößten Reiseunternehmens der Bundesrepublik, der Kaufhof-Tochter ITS: "In Erwartung weiterer Zuwächse haben wir "alle fröhlich Kapazitäten eingekauft." Doch die Branche verkalkulierte sich gründlich. ITS verkaufte bis Mitte Juli 1,2 Prozent weniger Reisen als im gleichen Vorjahreszeitraum. Nicht nur ITS, fast die gesamte Konkurrenz blieb auf einem Teil ihrer Reisen sitzen.

Auch der Branchenriese TUI erwartet für das laufende Jahr keine höheren Umsätze. Sprecher Jacko Hassenmeier rechnet damit, "daß wir zwei Prozent hinter dem Vorjahresrekord zurückbleiben". Einzig NUR, hinter der TUI zweitgrößter Veranstalter, ist mit dem Reisejahr 1989 äußerst zufrieden. Pressesprecher Gunther Träger prognostiziert "ein sattes Wachstum von sieben Prozent sowohl beim Umsatz als auch bei den Reiseteilnehmern".

Zumindest was die Zahl der verkauften Reisen betrifft, erwartet Otto Schneider, Präsident des Deutschen Reisebüroverbandes, "für 1989 ein ausgeglichenes, vielleicht sogar leicht positives Ergebnis". Das sei aber nur dadurch erreicht worden, daß die Veranstalter ihre Überkapazitäten auf dem sogenannten Last-Minute-Markt verramscht hätten.

Das Reisefieber sinkt

Diese kurzfristigen Angebote, die bis zu fünfzig Prozent unter den regulären Katalogpreisen liegen, werden nicht nur von den Last-Minute-Schaltern auf den Flughäfen angeboten. In jedem Reisebüro konnten Kurzentschlossene ihr Reiseschnäppchen machen, worüber weder Reisebüros noch Veranstalter glücklich sind. "Wegen der Billigangebote werden die Reisebüros die Umsatzzahlen des Vorjahres nicht wieder erreichen", klagt Verbandspräsident Schneider.

TUI-Sprecher Hassenmeier: "Wir haben leise mit den Wölfen mitgeheult." Im Gegensatz zu anderen Veranstaltern, die über zehn Prozent ihrer Reisen auf dem Billigmarkt verschleuderten, liege dieser Anteil bei der TUI unter einem Prozent.

Als Opfer der zu optimistischen Veranstalter betrachtet Rainer Ortlepp die Lufthansa-Chartertochter Condor. Der Condor-Sprecher hofft darauf, "das Jahr mit einer leichten Delle abschließen zu können". Allein für Spanien erwartet er einen Passagierrückgang von bis zu zehn Prozent. "Die Spanier", so Ortlepp, "sind die Verlierer der Saison." Und das bekommen alle zu spüren. Denn jede zweite Pauschalreise geht in das Gebiet der teuer gewordenen Pesete. "Wenn Spanien ein Prozent verliert, bekommt die ganze Branche Bauchschmerzen."

Das Desaster, das Spanien im vergangenen Herbst und Winter mit Einbrüchen von bis zu zwanzig Prozent auf den Kanarischen Inseln erlebte, konnte auch im Sommer nicht ins Gegenteil verkehrt werden. Selbst in den Monaten Juli und August, in der absoluten Hochsaison, blieben viele Betten – besonders in billig hochgezogenen Appartmentanlagen – leer. Im Juli verbuchten die Spanier um 2,6 Prozent zurückgehende Gästezahlen. Erstmals in der Geschichte des iberischen Tourismusbooms meldete die spanische Nationalbank in diesem Sommer schrumpfende Deviseneinnahmen aus dem Fremdenverkehr.

"Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, daß Spanien als EG-Land wesentlich billiger sein kann als die Bundesrepublik", meint TUI-Sprecher Hassenmeier. "Die Nivellierung des Preisniveaus ging in Spanien innerhalb von drei Jahren allerdings wesentlich schneller vonstatten als beispielsweise in Italien, wo dieser Prozeß acht Jahre dauerte."

Zu den Verlierern des Reisejahres 1989 zählt neben Spanien die italienische Adria, wo die Algenpest dafür sorgte, daß deutsche Autonummern, die bislang das Straßenbild von Riccione und Rimini beherrschten, zu den Raritäten gehörten. Gehörige Einbußen von bis zu vierzig Prozent werden dazu führen, daß, wie Hans-Jürgen Kaul von ITS sagt, "wir sicherlich dort, wo wir Einbrüche hatten, vorsichtiger kalkulieren". Ein Urlaub auf den Kanaren ist denn auch im kommenden Winter schon in den Katalogen bis zu zwanzig Prozent günstiger zu haben als im Jahr zuvor.

Politische Unruhen, Wirtschafts- und Währungskrise, Algen sowie schlechter Service hatten zur Folge, daß viele Deutsche ihr einst beliebtes Urlaubsziel Jugoslawien mieden. Allein die TUI blieb auf mehr als fünfzig Prozent der von ihr angemieteten Sessel in Charterflugzeugen sitzen.

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Von den Einbrüchen in den klassischen Urlaubsländern profitierten die Sonnenziele im Osten Südeuropas, vor allem Griechenland und die Türkei, die ihre Gästezahlen bisher um über dreißig Prozent steigern konnte. Griechenland legte ebenfalls zweistellig zu. TUI-Sprecher Hassenmeier: "In diesem Sommmer verlagerten sich die Touristenströme von West nach Ost."

Fernreisen liegen auch im Sommer im stetigen Aufwind, allerdings auf niedrigem Niveau – derzeit fliegen fünfzehn Prozent der Charterflugzeuge Langstrecken. Nahezu alle Veranstalter brüsten sich mit zweistelligen Zuwachsraten. Neben den beliebten Fernreisezielen Kenia, Malediven, Thailand und Mexiko tauchen die Dominikanische Republik und die Insel Margarita vor der Küste Venezuelas als neue Ziele in den Katalogen der großen Veranstalter auf.

Die großen Gewinner dieses Sommers scheinen Urlaubsgebiete zu werden, die in vergangenen Jahren an Attraktivität eingebüßt hatten: Osterreich, die Schweiz, Dänemark und vor allem die heimischen Lande. "Die sogenannten grünen Ziele in Wäldern und an Seen", so Otto Schneider, "können sich über satte Zuwachsraten freuen."

Besonders Österreich, das jahrelang mit seinem hausbackenen touristischen Image zu kämpfen hatte, meldet unerwartet hohe Zuwachsraten. Allein in den Monaten Mai, Juni und Juli übernachteten mit 35,2 Millionen Gästen 7,7 Prozent mehr Besucher in den Hotels zwischen Kufstein und Brenner, wobei besonders Herbergen mit hohem Komfort bevorzugt wurden. Die Deviseneinnahmen aus dem Fremdenverkehr stiegen in diesem Zeitraum gegenüber dem Vorjahr um 27,5 Prozent auf 2,4 Milliarden Mark.

Österreich habe allerdings nicht von der Algenpest an der Adria profitiert, betont Milena Findeis von der österreichischen Fremdenverkehrswerbung. Für Familien, die an die Adria reisten, sei Österreich zu teuer. "Vielmehr tragen jetzt unsere Bemühungen Früchte, die natürlichen Vorteile wie die heile Natur mit attraktiven Angeboten zu kombinieren." Besonders Arrangements für Familien, Aktivurlaub mit rafting, Gleitschirmfliegen oder mountain-bike seien gefragt gewesen, aber auch neue Angebote wie beispielsweise ein Natururlaub in restaurierten Almhütten im Arntal.

Wiederentdeckt haben zahlreiche Bundesbürger den Urlaub im eigenen Land. Die Zahlen des Emrid-Instituts belegen, daß angesichts des Jahrhuncertsommers vielen Balkonien als geeigneter Platz zum Ausspannen vom Arbeitsstreß erschien. Die Marktforscher fanden außerdem heraus, daß 48 Prozent der Bundesbürger ihren Urlaub in Deutschland verbrachten, nach nur vierig Prozent 1988. Besonders Bayern und die deutschen Mittelgebirge melden volle Gästebetten.

Rainer Lentz vom Hamburger Reisebüro Koch sieht eine Renaissance klassischer deutscher Ziele \oraus: "Ferien in Ruhpolding oder im Schwarzwald werden ihre frühere Attraktivität zurückgewinnen." Freizeitforscher Horst W. Opaschowski sieht das auch so: "Wenn der Urlauber in den südlichen Sonnenzielen verbaute Strände und belastete Natur zu Preisen wie in Deutschland vorfindet, macht er wieder Urlaub in der Nähe." Dafür sprechen auch Zuwächse bei den Städtereisen, wohin in den ersten sechs Monaten des Jahres jede sechste Reise ging.

Das Reisefieber sinkt

Geirrt hat sich Opaschowski in seiner Prognose für die deutschen Küsten. Zu Jahresbeginn sagte er Nord- und Ostsee wegen Algenpest und Robbensterben des vergangenen Jahres einen Rieseneinbruch bei den Gästezahlen voraus. Doch die befürchtete Katastrophe blieb aus.

Ocke Peters vom Schleswig-Holsteinischen Fremdenverkehrsamt: "Unter dem Strich werden wir zwar einige Prozente verlieren, aber nach einem tiefen Loch von Ende Mai bis Mitte Juli hat es besonders an der Nordsee gebrummt." Offen bekennt er, daß das gute Wetter nicht nur viele kurzentschlossene Urlauber angelockt hat. "Wir haben ein Riesenglück gehabt." Wenn es mehr geregnet hätte, wären wegen der Überdüngung mehr Nährstoffe ins Meer geflossen. Dadurch wäre das Algenwachstum stark beschleunigt worden. "Vom Kurdirektor bis zum Umweltminister", so Peters, ‚haben wir alle jeden Tag gebetet."