Von Marlies Menge

Ost-Berlin, im September

Der Mann hatte 24 Gründe in sein Notizbuch geschrieben, warum er sich inzwischen schäme, DDR-Bürger zu sein. Einige betrafen den Ausverkauf der DDR an den Westen: die Luxushotels für die Devisenkunden, die Intershops für Leute mit dem richtigen Geld, das Verscherbeln von DDR-Produkten unter Preis an den Westen. Er unterbrach seine Aufzählung, um eine Meldung der DDR-Nachrichtenagentur ADN im Radio zu hören. Da war vom "eiskalten Geschäft mit DDR-Bürgern" die Rede. Ungarn wurde vorgeworfen, sich am "Menschenhandel" zu bereichern, der Budapester Regierung unterstellt, "Silberlinge" von der Bundesrepublik kassiert zu haben für die vielen tausend DDR-Bürger, die sie Anfang der Woche hatte ziehen lassen. Es ist kaum zu begreifen, wie ein Staat so zynisch sein kann, der seit Jahrzehnten seine geschnappten und verurteilten Republikflüchtlinge gegen harte Devisen an die Bundesrepublik verkauft.

"Das war mein nächster Punkt", sagte der Mann, "Handel mit Menschen für Westgeld." Seine Frau erzählte vom Bäcker aus dem Nachbarort. Der hatte versucht, nach Österreich zu kommen, als die Ungarn noch die Pässe stempelten und die Flüchtlinge abschoben. Darauf wurde ihm seine Bäckerei und das Haus mit Swimmingpool weggenommen, er aber durfte in den Westen. Und der Bruder, der auch Bäcker ist, durfte dem Staat alles abkaufen – für 100 000 Mark. Im Krankenhaus fehlten nach dem Urlaub drei Ärzte, alle im Westen. "Wenn es so weitergeht", erklärte ihr Sohn, "gehe ich auch. Ich habe keine Lust, wenn ich fünfzig bin, immer noch wie ihr hierzusitzen und zu meckern, daß sich nichts ändert."

Allein gelassen

Niedergeschlagenheit macht sich breit, und Wut zugleich. Wut vor allem auf die eigene Regierung, ihr unverändertes Eigenlob, die Unverfrorenheit des Politbüromitglieds Hermann Axen, der auf der Ostberliner Kundgebung zum Gedenken an die Opfer des Faschismus und Militarismus angesichts der Tausenden, die in Ungarn auf ihre Ausreise warteten, von der DDR als "Hort des Friedens und der Geborgenheit" sprach, in der sich jeder Mensch selbstverwirklichen könne. Niedergeschlagenheit, weil jede Meldung, jeder Artikel den Bürgern immer wieder deutlich macht, daß keine Hoffnung auf Veränderungen von oben besteht. Sie fühlen sich allein gelassen, von der Regierung und von denen, die gehen.