Keine Sentimentalitäten – Seite 1

Von Volker Mauersberger

Ob der schlaksige, immer noch jung aussehende Mann ähnlich selbstbewußt auftreten würde wie damals vor zwei Monaten, als wir uns zum Plausch im Camp-Nou-Stadion trafen? Johan Cruyff kam lässig, die Zigarette in der linken, aus den Umkleideräumen dieses Stadion-Labyrinths von Barcelona, sagte hola und entschuldigte sich, weil er zuerst einmal ein Fernsehinterview geben müsse. Umringt von Reportern, sprach er in akzentfreiem Spanisch in die Kamera, daß man sich für das Spiel am Sonntag anstrengen müsse. "Die Meisterschaft ist nicht mehr zu holen", sagte Cruyff, den sie hier alle "Johan" nannten, "deswegen müssen wir es jetzt im nächsten Anlauf versuchen."

Im nächsten Anlauf hatte der 1. FC Barcelona einen schlechten Start: Beim ersten Liga-Punktspiel der neuen Saison am vorletzten Sonntag in Valladolid kamen die als Star-Elf gepriesenen Katalanen mit 2 : 0 Toren unter die Räder. Es könnte sein, daß harte Zeiten anbrechen für den erfolgsverwöhnten Johan Cruyff, den amtierenden Trainer des FC Barcelona.

Gängige Archetypen wie Beckenbauer, Otto Rehhagel oder Udo Lattek greifen nicht: Cruyff, bei der Fußballweltmeisterschaft 1974 als "Fliegender Holländer" populär geworden, paßt in keines dieser Raster, weil er als inzwischen Zweiundvierzigjähriger kaum aus der Rolle des nervigen Spielmachers herausgewachsen ist.

Daß Cruyff, der Kettenraucher, heute noch hundert Meter in 11,5 Sekunden sprintet, darf man bezweifeln. Eingeweihte behaupten freilich, daß es der drahtige Holländer im Kampf um den Ball heute noch mit jedem seiner Profispieler aufnehmen kann. "Wenn man das einmal drauf hat, verlernt man es nie", hat er einem Reporter gesagt, der ihn fragte, ob er noch so wundervolle Flanken wie damals schlagen könne. Dieser nach Pelé und Beckenbauer wohl erfolgreichste Fußballer vereinte alles, was gefragt ist: Cruyff war immer ein leichtfüßiger, eleganter, technisch brillanter und äußerst trickreicher Fußballer-Spielmacher, Torvorbereiter und Goalgetter in einer Person. "Sie waren ein Querschläger, ein schwieriger Typ", sage ich ihm, als wir endlich auf den Bänken des Stadions sitzen und in dieses Riesen-Oval hinunterblicken, das über 100 000 Zuschauer aufnehmen kann. Cruyff nickt, als habe er diese Frage wieder einmal erwartet. "Wir Holländer sind wie Abenteurer", sagt er plötzlich, "weil wir uns viel mehr als andere durchsetzen müssen."

Kam da nicht eine Einstellung zum Vorschein, die der Erfolgreiche am liebsten verbirgt? Der soziale Aufstieg des Johan Cruyff ist so sehr von Ehrgeiz, Tüchtigkeit und Vorteilsdenken geprägt, daß man ihm die naive Maxime, wonach jedermann den berühmten Marschallstab im Tornister trage, durchaus als dominierende Lebensweisheit auslegen kann. Cruyff wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf: Die Mutter putzte nach dem frühen Tod des Ehegatten die Büros der Vorstandsbosse von Ajax Amsterdam, während der halbwüchsige Sohn draußen auf dem Rasen bolzte. Bewunderer dieses Fußballers, der mit Ajax viele Male holländischer Meister wurde und später zum technischen Direktor avancierte, haben dies als logische Parallelen interpretiert: der Aufstieg vom schmächtigen Schlaks in der Schülermannschaft in die holländische Elite-Elf; die Zuneigung zum Ersatzvater und Alt-Trainer Rinus Michels, der das Talent des aufmüpfigen, oft zu Widerspruch neigenden Cruyff früh gefördert hat; aber auch die materielle Raffgier, die den mehrfachen Gulden-Millionär bis heute nicht verließ. Noch als schwerreicher Stürmer des FC Barcelona ließ sich der soziale Outsider von einst Zeitungsinterviews nur gegen Bares abhandeln. Sein Schwiegervater, ein vermögender Diamantenhändler, managte ihn vom bestbezahlten Fußballer Europas zum Trainer, dessen gegenwärtiges Jahresgehalt auf 1,6 Millionen Schweizer Franken geschätzt wird. Schon in den siebziger Jahren, als er zwei Meistertitel für die Katalanen holte, sorgte er umsichtig pokernd für die eigene Kasse. Gleich in seinem ersten Trainer-Jahr verfiel er in Barcelona auf die Idee, den Ehrgeiz der Mannschaft nicht durch Zusatzprämien für gewonnene Punkte, sondern für die Einzelleistung zu steigern. "Im Fußball gibt es keine Sentimentalitäten", sagt er. Kein anderer Fußballer in Europa hat seine Leidenschaft derart nutzbringend vermarktet.

Gewiß wollte dieser zuweilen als aufbrausender Exzentriker beschriebene Mann auf dem Rasen immer der Erste und Beste sein, seitdem er seine Fußballer-Karriere mit einem Monatssalär von 120 Gulden begann. Eine Verwarnung vom Schiedsrichter zu bekommen war für den "fliegenden Holländer" keine Schande. Im Gegenteil: Damit war bewiesen, daß man sich energisch für die Mannschaft eingesetzt hatte.

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Wie kommt ein derartiges Talent heute mit der Rolle des Vorgesetzten und Trainers zurecht? Ohne je einen Trainerlehrgang absolviert zu haben, übernahm Cruyff zu Saisonbeginn 1985/1986 das Amt des Technischen Direktors bei seinem alten Lieblingsclub Ajax Amsterdam: Weil er sich mit dem Präsidenten überwarf, wechselte er schon ein Jahr später zum FC Barcelona über, der auf hoffnungsloses Durchschnittsniveau abgesackt war. Als Stürmer hatte er einst mit Aufsässigkeit und Widerspruch den Barcelona-Trainer Hennes Weisweiler nach Köln weggeekelt. Würde ihm, dem notorischen Querschläger, nun der Erfolg mit einer Mannschaft gelingen, die im Schatten des spanischen Clubs Real Madrid, San Sebastian oder Athletico Bilbao kaum noch eine Rolle spielte? "Mit König Johan gegen Real", schrieb damals die katalanische Zeitung La Vanguardia zur Begrüßung des Heimgekehrten, der sich sofort als Boß präsentierte: Von 35 Profiverträgen löste er schon im ersten Jahr 19 Arbeitsverträge auf. Selbst der in Barcelona erfolgreiche Engländer Gary Lineker kam auf die Transferliste. Ein halbes Jahr nach Dienstantritt hatte Cruyff elf neue Spieler eingekauft: In der letzten Saison belegte der FC Barcelona den zweiten Platz hinter Real Madrid und gewann den Europapokal der Pokalsieger. War dies nicht Bestätigung genug, daß "König Johan" nun auch als erfolgreicher Trainer reüssierte?

"Bevor ich hierher gekommen bin, kamen 30 000 bis 40 000 Zuschauer ins Stadion, heute sind es manchmal 100 000. Diese Zahlen wünsche ich mir", sagt Cruyff, der seinem Team mit gnadenloser Härte ein neues Spielsystem eingebleut hat. Statt der klassischen Dreiteilung in Abwehr, Mittelfeld und Sturm wird eine Raumaufteilung favorisiert, bei der alle Spieler die Aufgaben zu gleichen Teilen übernehmen. "Frischer Angriffsfußball" heißt das in der Sprache dieses holländischen Impresario.

Aber wer legt ihm bei diesem Kraftakt Zügel an? Nach dem Gewinn des Europapokals lästerte Cruyff öffentlich, daß seine Elf von einer Meistermannschaft noch weit entfernt sei: Wieder hagelte es Entlassungen, bis von der siegreichen Pokalelf nur noch sieben Stammspieler übrigblieben. Gegen den Widerstand des Vereinsvorstands, zum Unwillen zahlreicher Zuschauer und Vereinsmitglieder verpflichtete er den Holländer Koeman und den Dänen Laudrup. Beide Neueinkäufe versagten freilich in vorsaisonalen Turnierspielen kläglich. Das konservative Blatt ABC kommentierte mit Blick auf den plötzlich vom Pech verfolgten Trainer hämisch. "Nur Leistung zählt, Herr Cruyff!"

Ich wüßte gerne, ob mein Gesprächspartner von damals, stilles Idol aus alten Jugendzeiten, erneut derart selbstbewußt auf mich zukommen würde wie vor zwei Monaten, als er, die Zigarette in der Linken und die Gewißheit im Kopf, noch sagte: "Da mache ich mir keine Sorge. Pokal und Meisterschaft werden wir diesmal gewinnen."