Väter und Söhne, die alte Geschichte. Unter dem Motto „Was hast du gewußt, was hast du gemacht?“ haben es die Söhne allemal leichter gehabt zu schreiben. Hier meldet sich eine Stimme der Väter – eine bemerkenswerte, die die Sache, raffiniert genug, von hinten aufrollt.

Oktober 1981, Bonn. Zur großen Friedensdemonstration ist, mit selbstgemaltem Pappschild, ein sechzigjähriger ehemaliger Offizier gekommen. Kurzbiographie: Mit 19 Soldat geworden, sechs Jahre Krieg, vier Jahre Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion, später Bibliothekar, Autor, Dozent. Er verläßt die Kundgebung, ehe sie begonnen hat, davongetrieben von einem Gedanken, der ihn zutiefst verstört: „War ich schon wieder Mitläufer, obwohl ich doch glaubte, als urteilsfähiger, endlich politisch reifer Mensch an diesem Morgen in Bonn zu demonstrieren?“

„Roman einer Rückkehr“ nennt sich Hannsferdinand Döblers „Nie wieder Hölderlin“. Aus dem Ausnahmezustand zurück in die sogenannte Normalität – wie geht das? Ausgebreitet wird die Geschichte des Heimkehrers D., der sich, im miefigen Adenauer-Wohlstands-Deutschland, auf die Suche nach einer neuen Orientierung macht. Rückzug ins Private, Konservative, Verdrängung, Ruhe wird die erste Bürgerpflicht. Aber D., einer der „Anständigen“, denen dieses verfluchte Vaterland Deutschland, wie es damals so hieß, am Herzen lag, dieser D. kommt heim mit zerbrochenem Weltbild und hunderterlei Fragen.

Mitleid ist nicht beabsichtigt. Die Naivität des Ex-Helden, die da vorgeführt wird, ermöglicht auch eine Offenheit. Mit Augenmaß für das Risiko setzt er sich dem Mißverständnis aus; kühl und distanziert skizziert er Begegnungen mit Kommiß-Köppen und Unbelehrbaren, oberflächlich „Umerzogenen“ und professionellen Nichtbescheidwissern. Heimkehrer D. ist keiner von denen, die die Ärmel aufgekrempelt, einfach angeschafft und aufgebaut haben. Er fragt nach, er staunt, er setzt sich, als käme er von unendlich weit her, mühsam die Informationsdetails zusammen, die sich bei seinen Mitmenschen offenbar schon wieder zu einem lückenlosen, säuberlichen Weltbild gefügt haben. Hoppla, wir leben noch, jawoll – aber wie leben wir weiter mit dieser Geschichte in uns und der Verdrängung um uns herum? Für Nachgeborene hat das Lehrstück-Charakter, wie der Mythos der „Stunde Null“ reduziert wird. Was es alles in dieser Zeit noch nicht gab, wird bei der Lektüre beklemmend deutlich: Kein „Eichmann in Jerusalem“, und keine „Unfähigkeit zu trauern“, keine „Anmerkungen zu Hitler“ und nicht die Bücher von Primo Levi.

Neben der Mühsal, einen Platz zu finden, formuliert Döbler auch die Ratlosigkeit der ganz privaten Rückkehr. Noch ist die Ehefrau eine, „die eher widerwillig das Heft in die Hand nimmt“, weil Heimkehrer D. der unvermeidlichen Alltagsbewältigung hilflos gegenübersteht. Vater werden – wie geht das, wenn einer nicht mehr damit gerechnet hat zu überleben. Alte Rollenbilder wollen nicht mehr recht greifen. Aber das, was sie ersetzen könnte, deutet sich erst ganz vage an.

Das letzte Bild: Heimkehrer Döbler nimmt als Zuschauer an einem NS-Prozess teil; sortiert die Zuschauer, Hämische, Nachdenkliche, Neugierige. Der Rechtsstaat hat die Vergangenheit eingeholt; die Frage bleibt: Wie legt er sie ab? Läßt sich diese Ungeheuerlichkeiten menschlicher Verirrung unter juristischen Kriterien untersuchen? Es ist nicht eben an der Tagesordnung, daß sich einer aus der Generation der Väter diesen Gedanken stellt.

Am Ende (und auch strukturell und stilistisch eigenständig) steht eine „Begegnung in Rom“, mit einer polnischen Jüdin, die berichtet, sie habe „wenig Gelegenheit, jemanden zu sprechen, der damals auf der anderen Seite gestanden hat“. Und dann unterhalten sich die ehemalige KZ-Insassin und der ehemalige Offizier. Trotz der unbeschreiblichen Mühe, eine Sprache dafür zu finden, entsteht doch eine Art Gespräch. Ein gespenstisches über gemeinsame Haft- und Lagererfahrungen – und ein deutsches: über Hölderlin.