Von Luzia Braun

Alles ist steif: mein gestärktes Kleid, die Tischdecke, die Tafelrunde. Ich bin zum ersten Mal zur heiligen Kommunion gegangen und bin stolz. Zwischen der 2-Uhr-Andacht und dem abendlichen Kirchgang liegt das Kaffeetrinken im Hotel Löwen. Meine Mutter, s’Klärle, sitzt am Tischende, du ihr gegenüber. „Klllä, Klllä, Klää“, platzt du mitten ins Schweigen am Tisch. Dein Brustkorb hebt sich, deine Augen weiten sich, und wir Kinder wissen: Jetzt passiert’s. „Klär- Klär- Klär-anlage“, rufst du der Mutter zu, „gib mir a mol a Stuck vo dem vokrotene Kuchä.“ Wunderbar. Wir Geschwister schauen uns strahlend an: Auf Onkel Fritz ist halt Verlaß. Wie heiße Kartoffeln dreht er die Buchstaben im Mund herum, und merkwürdigerweise sind sie gerade dann, wenn er sie ausspuckt, am heißesten.

„Llu Lluu“, hebst du von neuem an, und mir ist klar: Dieser Anfang wird nicht in meinem Namen Luzi enden. „Lllux aeterna“ bricht es aus dir heraus wie aus einem Vulkan. Und jedesmal wenn es vollbracht ist, wenn du am Ende eines Wortes angekommen bist, scheint es eine kleine Erlösung: ewiges Licht.

Ich liebte es als Kind, dir zuzuschauen, wie du zu sprechen anhobst. Zuerst holtest du Luft, dann rollten ganz unten aus dem Bauch die Laute an wie ein Gewitter aus dem Donautal und machten sich polternd auf den Weg zum Mund, um sich schließlich auf deinen Lippen zu sammeln. Du wurdest lauter und lauter, die Buchstaben drängten nach außen – und endlich entlud sich das Angesammelte. Dein dichter Schnurrbart stand wie ein Ausrufezeichen über den in die Freiheit entlassenen Wörtern, und dein breiter Bauernschädel neigte sich nach unten zur Brust hin, als wolltest du in dich hineinhorchen, ob noch etwas nachkomme.

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Fritz Heidegger war ein Unikum. „Dem einzigen Bruder“ widmete Martin Heidegger in schöner Doppelsinnigkeit eine Aufsatzsammlung. In seiner Geburtsstadt Meßkirch war der weltberühmte Philosoph der Bruder vom Fritz und nicht umgekehrt. Geboren wurde Fritz am 6. Februar 1894, fünf Jahre nach seinem Bruder, unter dem Stern der Fasnacht. Der Vater war Mesner und Küfermeister. „Der Lebens-Schmerz“, schrieb Fritz später über seine Geburt, „fängt bei dem einen heute und bei dem andern morgen an. Bei dem kleinen Erdenwurm in der Schloßstraße fing er am Aschermittwoch an: Erbrechen, Gerben, fürchterliches Abweichen. Wie es eben am Aschermittwoch üblich ist.“

Die Mutter war „eine lebensfrohe Frau“, der Vater ein „großer Schweiger“. „Wir sind uns beide darüber klar“, schrieb Fritz 1969 in einem Geburtstagsbrief an den Bruder, „im Mesnerhaus kamen keine Wunderkinder zur Welt, nicht einmal zu Musterknaben hat es gereicht.“