/ Von Bernd Nitzschke

"Noch heute ist das, was unsere Kinder in der Schule als Weltgeschichte lernen, im wesentlichen eine Reihe von Völkermorden."

(Sigmund Freud, während des Ersten Weltkriegs, 1915)

Freud starb am 23. September 1939, im Exil, wenige Wochen nach Beginn des Zweiten Weltkriegs. Sein Lebenswerk, die Psychoanalyse, war – so schien es – im deutschen Gewaltbereich liquidiert. Freud starb, wie er gelebt hatte – ohne Illusionen. Je älter er wurde, desto wahrscheinlicher erschien ihm die Möglichkeit einer Selbstzerstörung der Menschheit, deren Prolog, die systematische und bürokratisch verwaltete Ausrottung der europäischen Juden, gerade begonnen hatte.

Wissen, Verstehen, Einsicht – und sei es die Einsicht in das Ungeheure, in das Trost-Lose: Über Freuds Leben hätte als Motto stehen können, was er 1911 in einer "Denkschrift des Vereins zur Unterstützung mittelloser israelitischer Studierender in Wien" so formuliert hatte: "Einst galt die Askese – Entsagung, Entbehrung – als Mittel zur Macht; heute das Wissen. Es scheint zweckmäßig, die zu unterstützen, die über Entbehrung zum Wissen gelangen wollen."

Das ist eine sehr hintergründige, doppelsinnige Formulierung. Denn jenen Unterstützung zu bieten, die über Entbehrung, Abstinenz zum Wissen, zur Einsicht, zur Selbsterkenntnis gelangen wollen, das umschreibt auch geradewegs die Funktion des Therapeuten, der den Analysanden auf einer beschwerlichen Reise nach "innen", auf einem Weg der Selbsterfahrung, begleitet. Ziel einer solchen von Freud konzipierten Reise könnte es unter anderem sein, scheinbar unüberwindliche Kluften – zwischen dem Normalen und dem Verrückten, der Liebe und dem Haß oder dem Barbarischen und der Zivilisation – zu überschreiten, auch wenn die berechtigte Angst, dabei den Halt zu verlieren und in einen Abgrund zu stürzen, vor derlei zugemuteten Erfahrungen oft zurückhält. Wer sich solchen Erfahrungen aber aussetzt, wird zweimal überlegen, bevor er mit moralischem Eifer auf "Täter" zeigt, wohl wissend, wie leicht es unter bestimmten Umständen sein kann, selbst zum "Täter" zu werden.

Das ist es, was Freuds Schriften so genießbar macht, sie so taufrisch erscheinen läßt: Es fehlt ihnen der moralische Dünkel; es fehlt ihnen der große Gestus der moralischen Überlegenheit – und zwar selbst dann noch, wenn Freud, wie in seiner Spätschrift "Der Mann Moses und die monotheistische Religion" (1937-1939), das Wesen des Antisemitismus zu verstehen sucht, dessen Opfer er, viele seiner Kollegen, ja sein Lebenswerk um diese Zeit bereits zu werden drohen oder schon geworden sind. Die "moralischen Exekutoren" (Imanuel Geiss über einige Teilnehmer am "Historikerstreit") werden aus Freuds Schriften sowenig Unterstützung ziehen können wie ihre (scheinbaren) Gegner, die glauben, Identität ließe sich aufbauen durch Verweise auf die tatsächliche oder mögliche Schuld der "anderen". Das ist überhaupt die bitterste Pille, die Freud als Heilmittel zu verabreichen weiß: Der "andere", das ist immer ein Teil des Selbst; das bin ich immer auch selbst.

Und daher gibt es Identität nur um den Preis einer Integration des Eigenen und des Anderen, des Guten und des Bösen. "Ganz nebenbei, warum hat keiner von all den Frommen die Psychoanalyse geschaffen, warum mußte man da auf einen ganz gottlosen Juden warten?" Diese Frage stellt Freud in einem Brief an den Pastor Oskar Pfister, geschrieben am Ende des Ersten Weltkriegs, weil der Gottesmann von Freud nachdrücklich mehr Optimismus, ein aufgehellteres Menschenbild forderte. Nein, meint Freud, so gewinnt man keine Einsicht in die Schattenseiten des Menschen, in die Seele des "gut"-bürgerlichen Teilnehmers am Weltprozeß, wenn man denn Trost anstelle von unangenehmen Wahrheiten sucht. Der "gott-lose" Jude verzichtete mit Gott auch auf den Teufel, um beide Projektionen wieder in der menschlichen Brust zu lokalisieren; und um so die Psychoanalyse zu "schaffen".

Jenseits von Gut und Böse, wie die herkömmlichen moralischen Festschreibungen sie definieren, das verweist auf Traditionslinien in Richtung Nietzsche und auf dessen "einzigen" Erzieher, Schopenhauer. Tatsächlich hatte der junge Freud wie viele andere jüdische Intellektuelle zunächst versucht, sich zu assimilieren: Als Student gehörte er dem national gestimmten "Leseverein der deutschen Studenten Wiens" an. Die Mitglieder dieser Vereinigung verehrten Schopenhauer, Nietzsche und Richard Wagner, lasen und diskutierten deren Schriften. Antisemitische Angriffe, persönliche Erfahrungen, brachten Freud dann aber zu der schmerzlichen Erkenntnis, daß es unmöglich ist, die eigene (jüdische) Identität zu verleugnen. Er verzichtete auf die versuchte Assimilation und bekannte sich hinfort zum Judentum. In der Zeit, als man in ihm den Schöpfer der Psychoanalyse verehrte oder verunglimpfte, gab er sich stets nachdrücklich als Jude zu erkennen.

"Was mich ans Judentum band, war ... nicht der Glaube, auch nicht der nationale Stolz ... Ein nationales Hochgefühl habe ich, wenn ich dazu neigte, zu unterdrücken mich bemüht, als unheilvoll und ungerecht, erschreckt durch die warnenden Beispiele der Völker, unter denen wir Juden wohnen." Freud blieb dem so formulierten Standpunkt treu, seiner Abneigung, den passiv erlittenen Chauvinismus in einen aktiv gegen andere gerichteten umzukehren. Auch als die Verfolgung der Juden in Europa begann und man Freud wiederholt bat, er möge zur Unterstützung zionistischer Ziele als prominenter Jude seine Stimme leihen, blieb er reserviert.

In einem Brief an Chaim Koffler aus dem Jahre 1930 bekennt Freud, er habe durchaus Sympathien für die Bestrebungen der Zionisten, den Juden eine Heimat zu sichern; doch die Art und Weise der Verwirklichung dieses Zieles auf Kosten anderer, auf Kosten der Palästinenser, erschien ihm unheilschwanger: "Ich glaube nicht, daß Palästina jemals ein jüdischer Staat werden kann und daß die christliche wie die islamische Welt bereit sein werden, ihre Heiligtümer jüdischer Obhut zu überlassen... Auch gebe ich mit Bedauern zu, daß der wirklichkeitsfremde Fanatismus unserer Volksgenossen ein Stück Schuld trägt an der Erweckung des Mißtrauens der Araber." Das Mißtrauen der Araber, von dem Freud spricht, mußte besonders der Wahlspruch der Zionisten erwecken: "Das Land ohne Volk dem Volk ohne Land." Dies war von Beginn an eine Selbsttäuschung, denn es gab kein Land (Palästina) ohne Volk, wenn es auch ein Volk (die Juden) ohne Land gab, von denen vor hundert Jahren erst etwa 24 000 in Palästina lebten.

"Weil ich Jude war, fand ich mich frei von vielen Vorurteilen, die andere im Gebrauch ihres Intellekts beschränkten, als Jude war ich dafür vorbereitet, in die Opposition zu gehen und auf das Einverständnis mit der ‚kompakten Majorität‘ zu verzichten." Diese Selbstcharakterisierung Freuds gilt gerade auch dann noch, wenn er als Jude Einspruch gegen den Fehler erhebt, aus erlittenem Unrecht das Recht für erneutes Unrecht abzuleiten. Andererseits argumentiert er in dem Aufsatz "Ein Wort zum Antisemitismus", der 1938 in der Emigrantenzeitschrift Die Zukunft. Ein neues Deutschland: Ein neues Europa! erschien, gegen den heuchlerischen Philosemitismus, der alte Vorurteile gegen die Juden hinter großsprecherischen Gesten für sie verbirgt. Freud zitiert zu diesem Zweck in zusammenfassender Rede den Beitrag eines Autors, dessen Name ihm angeblich entfallen sei. Vermutlich handelt es sich dabei um einen Aufsatz von Mark Twain – "Concerning the Jews" –, einem Lieblingsautor Freuds.

Nach Freud (oder Twains) Ansicht gilt: Die Juden brauchten keine "Gnade", vielmehr hätten sie – wie alle anderen Menschen auch – einen Anspruch auf "Gerechtigkeit". Und dies würde bedeuten, daß sie als Menschen wie alle anderen Menschen gesehen würden, nicht schlechter und nicht besser, mit ihren eigenen Stärken und Schwächen. Menschenkenner, der er war, wußte Freud, daß die mörderisch-destruktive Seite der ambivalenten Einstellung dem "auserwählten" Volk gegenüber nicht schon dann verschwunden ist, wenn die andere, die positive Seite betont und demonstrativ zur Schau gestellt wird.

Die Überwindung der Ambivalenz zugunsten einer realistischen Sicht, zugunsten einer Integration von Gut und Böse, so ließe sich auch das Ziel dessen umschreiben, was der vielfach zitierte und noch öfter mißbrauchte, in Sonntagsreden zu Schanden gesprochene Freudsche Terminus "Trauerarbeit" meint.

Im Falle der Deutschen könnte der Beginn von Trauerarbeit nur bedeuten, daß sie zunächst einmal emotional nacherlebten, wie sehr sie einst, bei aller heute bekundeten Abscheu, Hitler – und sei es auf eine ganz und gar narzißtische, selbstzerstörerische Weise – liebten. Denn nur was geliebt worden ist, kann betrauert werden; das ist jedenfalls der Sinn des Konzepts "Trauerarbeit". Wir heute hier oben – und Hitler dort unten, gestern ... Eine solch verrückte Spaltung der deutschen Geschichte und Identität widerspricht jeder möglichen Form von Trauerarbeit.

Wenn Trauerarbeit nicht gelingt, bleibt nach Auffassung Freuds nur der Ausweg in die pathologische Trauer, nämlich in die Depressivität als Zeichen einer nach dem Verlust (im deutschen Falle: nach dem Verlust aller narzißtisch motivierten Ideale, die an den "Führer" und seine ideologischen Versprechungen gebunden waren) nicht mehr wiederherzustellenden Identität. Solange das Objekt, um das getrauert werden müßte (im deutschen Falle: um Hitler oder um das, was er für die Deutschen verkörperte), nicht als Bestandteil der eigenen (historischen) Identität anerkannt werden kann, bleibt es bei der pathologischen Trauer. Deren Depressivität kann phasenweise durch die manische Wut, alles "neu" aufzubauen, abgewehrt, aber eben nicht überwunden werden.

Zu unterscheiden von Trauerarbeit im hier skizzierten Freudschen Sinne wäre die Aufarbeitung von Scham- und Schuldgefühlen wegen mörderischer Taten, die im Namen aller Deutschen begangen worden sind, also unverbrüchlich zur deutschen Geschichte gehören. Aber auch hierbei kommt es darauf an, ob die Mahner dem Geiste Freuds folgen wollen, also an echter Therapeutik interessiert sind; oder ob sie die peinigenden Affekte, um die es geht, unversöhnt lassen wollen. Aus aller psychoanalytischen Erfahrung im Umgang mit individuellen Affekten der Schuld und der Scham weiß man, daß gerade diese Affekte als unversöhnte erneut mörderische Destruktivität freisetzen können, wenn nur die Umstände "günstig" erscheinen, sich auf diese Weise zu entlasten (ohne sich dabei tatsächlich zu befreien).

Wie betroffen das Publikum ist, wenn es – sozusagen zwischen den Zeilen – die unüberwundene, das heißt: die nicht betrauerte Liebe zu Hitler heraushört, das zeigten noch zuletzt die Reaktionen auf Jenningers Bundestagsrede zum fünfzigsten Jahrestag des November-Pogroms. Der Redner vergriff sich im Ton, so hieß es. Aber was heißt das? Er ließ, ganz gegen den eigenen Willen, denn er war bewußt ein "Freund" der Versöhnung, der Juden, Israels, eine kritische Masse von Emotionen erkennen, die seine Identifikation mit der Generation der Täter aufdeckte. Während das, was er auf den Zeilen sagte, sehr wohl dem nachprüfenden Blick standhalten konnte, erinnerten die nonverbalen Zeichen des Redners gerade die "guten", die anständigen Deutschen an eine ganz und gar verbotene Liebe, der sie (oder ihre Väter) einst frönten.

Die Deutschen verziehen Jenninger nicht, daß er sie in sich selbst, wenn auch ganz unfreiwillig, wieder ent-deckt hatte. Genau diese Selbstentdeckung eines Stücks der eigenen Affekt- und Phantasie-Geschichte wäre aber Voraussetzung von Trauerarbeit. Wer sich solche Selbstentdeckung nicht zumuten will, sollte dann wenigstens aufhören, den Freudschen Terminus "Trauerarbeit" in Sonntagsreden um jeden Sinn und den darin enthaltenen Verstand zu bringen.

Was die "guten", die progressiven Deutschen hingegen hören wollen, zeigt eine andere Rede, die Richard von Weizsäckers aus Anlaß des vierzigsten Jahrestages der deutschen Kapitulation. In dieser Rede stimmen die gängigen Klischees der deutschen Vergangenheitsbewältigung: Hitler machte die Deutschen zum "Werkzeug" seines Hasses; sie waren die Verführten eines großen Betrügers, mit dessen Emotionen und Phantasmen sie und ihre Geschichte offenbar wenig zu tun hatten. Aus all dem entstand "ein Gebirge menschlichen Leids", in dem "Bombennächte, Flucht, Vertreibung, Vergewaltigung, Plünderung, Zwangsarbeit, Unrecht, Folter" und irgendwie auch die Opfer der Juden begraben liegen. Und was erst noch zu leisten wäre und angesichts dieses "Gebirges menschlichen Leids" emotional keineswegs leicht zu leisten ist, wird gnädig und selbstherrlich als bereits geleistet vorausgesetzt: "... wir haben die Kraft, der Wahrheit ... ins Auge zu sehen, ohne Beschönigung und ohne Einseitigkeit."

Wie wenig "wir" diese Kraft haben, zeigten die Reaktionen auf Jenningers Rede, in der "wir" uns, mehr als uns recht war, wiedererkannten. Hingegen ist die Rede, die Deutschen seien die "Werkzeuge" Hitlers gewesen, tröstlich und alt. Schon der Vater des Bundespräsidenten, Ernst von Weizsäcker, führender Diplomat unter Ribbentrop und als solcher mit Judendeportationen befaßt, benutzte sie in seinen Aufzeichnungen, die er während der Nürnberger Prozesse und hernach in Landsberg machte, wo er als verurteilter Kriegsverbrecher einsaß. Dort verstieg er sich zu Vergleichen zwischen Hitler und den Alliierten, als deren gemeinsames Opfer er sich empfand, als ein zu Unrecht verurteiltes Opfer. Das gelte, so meinte er, auch für die meisten anderen Mitgefangenen in Landsberg.

So ist das mit dem "Bösen", und das wenigstens könnten die Deutschen aus ihrer Geschichte lernen, die sie darüber aufklärt, was ein "gottloser Jude" ihnen und allen anderen nachdrücklich zu sagen versuchte: Das "Böse" trägt in der Wirklichkeit kaum je die Fratze, in der es im Film auftritt. In den Ärmelschonern des Bürokraten erscheint es viel eher. Noch nach dem Ende des Krieges notiert der Diplomat Ernst von Weizsäcker: "Sieht man von dem üblen Klang ab, den der Name Auschwitz jetzt und für immer trägt, damals, Frühjahr 42, aber nicht hatte, so handelt es sich" (bei den Deportationen französischer Juden nach Auschwitz, an denen beteiligt gewesen zu sein Ernst von Weizsäcker vorgeworfen worden war) "um eine Verlegung von einem französ. Lager in ein deutsches im Interesse der Sicherheit der Wehrmacht."

Die deutschen Möglichkeiten, sich zu erinnern, zu trauern, die Schuld der Väter anzuerkennen, an deren Stelle, unter anderen Umständen, auch die Söhne hätten treten können, sind noch lange nicht erschöpft. Wenn auch der Vergleich unangemessen erscheinen mag, so sei er – auf die Gefahr eines möglichen Mißverständnisses hin – doch gewagt: Am 21. September 1897 schrieb Freud an Wilhelm Fließ jenen berühmten, häufig zitierten Widerruf-Brief, durch den er die "Väter" von der alleinigen Schuld freisprach. Im konkreten Fall ging es um die Frage, ob eine spätere neurotische Erkrankung immer das Ergebnis einer vorausgegangenen traumatischen Erfahrung, einer (sexuellen) "Verführung" durch Erwachsene, speziell durch den Vater, sein mußte – oder ob es solche Erkrankungen auch infolge von Wünschen und Phantasien der Kinder geben könne.

Freud entschied sich zeitlebens für keine der beiden Alternativen endgültig; aber er entwickelte eine Theorie des Menschen, derzufolge Taten und Phantasien, die in der Regel den Taten vorausgehen, unter analytischen Aspekten gleich zu würdigen sind. Mit diesem Schritt Freuds wird gemeinhin der Beginn der Psychoanalyse charakterisiert: Das Täter-Opfer-Schema ist aufgebrochen; und die einfachen Wahrheiten nach dem Schwarzweißschema sind unmöglich geworden. Damit wird auch die jeweils nachfolgende Generation im Vergleich zur vorausgehenden als nicht grundsätzlich besser erkannt. Sie könnte – ihrem Handlungspotential, ihrem Phantasievorrat entsprechend und unter mißlichen oder verführerischen Umständen – durchaus wiederholen, was die Väter einst taten. Durch diesen Schritt bricht Freud mit der Tradition, die Herkunft des "Bösen" im Sinne des Paradigmas von Henne und Ei zu diskutieren. Es beginnt der mühseligere Versuch, unter Verzicht auf Exorzismus und Schuldzuschreibungen das "Böse" im eigenen Inneren zu befrieden.

Da Ernest Jones, Freuds bekanntester Biograph, für Freuds Eintritt in den "Israelitischen Humanitäts-Verein ‚Wien‘ B’nai B’rith" – also in eine jüdische Loge – eine falsche Jahreszahl nennt (nämlich 1895), konnte bisher kaum auffallen, daß Freuds tatsächlicher, am 29. September 1897 erfolgter Eintritt nur wenige Tage nach dem zitierten Widerruf-Brief an Fließ stattfand. Das heißt, beide Ereignisse müssen in einem Zusammenhang gewürdigt werden:

Freud hat die Phase des Hasses auf den eigenen Vater, den er der Feigheit zieh, weil der sich einst als Jude von einem "Christen" hatte beleidigen lassen, so weit überwunden, daß er sich von seiner väterlichen (und damit von seiner eigenen) Identität nicht länger zu distanzieren braucht. Damit endet die Phase der Schuldzuweisungen. Der Sohn bekennt sich hinfort offen zu seiner judischen Identität. Er spricht den "Vater" von der alleinigen Schuld frei, wird Mitglied in einem Kreis gleichgesinnter, humanitär gestimmter Juden, verzichtet auf die zunächst angestrebte Assimilation und "erschafft" – die Psychoanalyse als Ausdruck eines neuen Denkens, in dem jüdische und deutsche Traditionslinien eine Symbiose eingehen, die selbst die nazistische Gewaltherrschaft später nicht mehr zerstören kann.

Schließlich ist die jüdische Loge gewiß das Vorbild, die Keimzelle aller späteren psychoanalytischen Gesellschaften – beginnend mit der "Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft", die von 1902 an in Freuds Wohnung tagt und in den ersten Jahren ausschließlich jüdische Mitglieder hat. Die jüdische Loge knüpft an die Traditionen der Aufklärungszeit an, eine Zeit, in der sich die damals fortschrittlichen Intellektuellen in Logen organisiert hatten. In diesem Geiste findet Freud Halt; den Halt, den er braucht, um sich der Schattenseite zuzuwenden, die gemeinhin als das Erbe der Romantik gilt. In Freuds Theorie verbinden sich denn auch Aufklärung und Romantik, Vernunft und Phantasie, zu einer dialektischen Einheit, deren Spannkraft und Differenziertheit die meisten "postmodernen" oder im Namen einer Verteidigung des Projekts der Moderne gehaltenen Reden blaß und dumpf erscheinen lassen.

Zum vierzigsten Jahrestag der Gründung der Bruderschaft, 1935, bereits in einer dunklen Zeit, würdigt Freud in einem Gruß an die Logenbrüder die Heimat, die er bei ihnen gefunden hat: "Ich wurde bald einer von Ihnen, freute mich Ihrer Sympathien, versäumte fast niemals, in einer meist feindlichen" (das heißt: antisemitischen) "Umgebung die Stätte zu besuchen, an der man sicher war, Freunde zu finden, ich hielt Vorträge unter Ihnen, ergriff häufig genug das Wort beim Brudermahl und genoß den Umgang mit den vielen wohlwollenden, geistreichen und gelehrten Männern, die sich zur ‚Wien‘ zusammengefunden hatten." Tatsächlich hielt Freud zu vielen Themen, etwa zum Traum oder zum Tod, Vorträge vor den Bundesbrüdern, bevor er diese Themen öffentlich publizierte. In einer Zeit, in der er sich isoliert fühlte und in der er noch keine eigenen Anhänger gewonnen, den vertrauten Gesprächspartner, Wilhelm Fließ, aber bereits verloren hatte, war die Loge sein einziges Forum, neue, ketzerische Gedanken frei zu äußern.

Als mit Beginn der dreißiger Jahre ein Rückfall in jene Barbarei, die mit der Geschichte des Fortschritts so eng verbunden ist, eingeleitet wurde, erkannte Freud frühzeitig, wohin die Reise diesmal gehen würde. Am 26. März 1933 schrieb er an Marie Bonaparte: "Man darf nicht übersehen, daß Judenverfolgung und Einschränkung der geistigen Freiheit die einzigen Punkte des Hitler-Programms sind, die sich durchführen lassen. Alles übrige ist ja Phrase und Utopie."

Und als hätte er in Hinsicht auf Vergleichbarkeit oder Einzigartigkeit des Nationalsozialismus beizeiten ein Urteil abgeben wollen, schreibt er wenige Wochen später an die Prinzessin: "Die Welt wird ein großes Zuchthaus, die ärgste Zelle ist Deutschland... In Deutschland sehe ich eine paradoxe Überraschung voraus. Sie haben dort mit der Todfeindschaft gegen den Bolschewismus begonnen und werden mit etwas enden, was von ihm nicht zu unterscheiden ist. Außer vielleicht darin, daß der Bolschewismus doch revolutionäre Ideale aufgenommen hat, der Hitlerismus nur mittelalterlich-reaktionäre."

Obgleich Freud sich über den Charakter des Nationalsozialismus also keinerlei Illusionen machte, war das Verhalten der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung unter der Präsidentschaft von Ernest Jones und in Abstimmung mit Freud und dessen Tochter Anna während der ersten fünf Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft durchaus nicht von eindeutigem Widerstand geprägt. Man versuchte eine Appeasement-Politik, um im Deutschen Reich die Psychoanalyse zu "retten". Man stimmte allzu vielen Kompromissen zu, die von den deutschen Psychoanalytikern gemacht wurden. Schließlich ging der um die Kasse der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft offenbar besonders besorgte Carl Müller-Braunschweig so weit, von den jüdischen Emigranten Darlehensrückzahlungen zu verlangen, die Erich Fromm mit dem Hinweis verweigerte, man habe die Juden zum "freiwilligen" Austritt aus der Gesellschaft gezwungen, und solange dieser Skandal nicht aus der Welt sei, werde er, Fromm, nicht

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bezahlen. Anstatt Fromms Standpunkt zu unterstützen, stellte sich Ernest Jones auf die Seite Müller-Braunschweigs, der sich hilfesuchend an den Präsidenten aller Psychoanalytiker gewandt hatte. Nein, das politische Verhalten der Psychoanalytiker in den Jahren nach 1933 weist viele dunkle Seiten auf, ein Beleg mehr dafür, daß Schwarz und Weiß nur recht selten eindeutig verteilt sind.

Freuds letzte große zu Lebzeiten erschienene Schrift, "Der Mann Moses und der Monotheismus", ist ein Versuch, den Antisemitismus in historischer Dimension zu verstehen. Freuds Grundthese lautet: Der im Antisemitismus zutage tretende Haß ist ein Haß auf den Fortschritt, genauer: ein gegen die Kosten dieses Fortschritts gerichteten Haß. Der durch Moses vertretene Monotheismus – nach Freuds Auffassung ursprünglich nicht einmal eine jüdische, sondern eine ägyptische Lehre – habe alle vor-monotheistischen Trost-, Illusions- und Regressionsmöglichkeiten, einschließlich des heidnischen Brauches des kathartisch-entlastenden, stellvertretenden Blutopfers, beseitigt. Moses, seine Religion, schließlich das (jüdische) Volk, das ihm folgte, hätten "alles Mythische, Magische und Zauberische" verboten. Dies sei zwar der Ursprung der Modernität und der Aufklärung, doch zugleich auch der Ursprung eines Hasses auf Fortschritt, Aufklärung, Modernität, also auf die Juden als deren Träger, da die neue Religion ein Ausmaß an Triebverzicht abverlangt habe, das die Menschen im Grunde ihres Herzens nicht zu leisten bereit seien.

Wenn heute wieder von der "Zwillingsgeburt von Monotheismus und Judenhaß" (Heinsohn) die Rede ist, so ist das also keine neue Rede. Es ist die Wiederholung einer Freudschen These, derzufolge im Antisemitismus der Modernitätshaß steckt, der Haß, den, laut Freud, jener Triebverzicht erzwingt, der mit dem Monotheismus begann und der den gesamten Kulturprozeß begleitet, um bei Gelegenheit ins Gegenteil, in den Rückfall zur Barbarei des Blutopfers, umzuschlagen.

Weder Heinsohn ("Was ist Antisemitismus?", Frankfurt 1988) noch Friedländer ("Kitsch und Tod", München 1984), noch zuvor Horkheimer und Adorno ("Dialektik der Aufklärung", Amsterdam 1947) geben explizit zu erkennen, daß sie Freuds These über den Ursprung des Antisemitismus nur wiederholen, wenn sie übereinstimmend behaupten, das Wesen des nationalsozialistischen Judenhasses sei aus wirtschaftlichen und politischen Bedingungen allein nicht zu erklären.

Nach Freud am radikalsten, am weitesten zur Wurzel zurückgehend, formulieren Horkheimer und Adorno. Sie begreifen den Antisemitismus als ein "der Zivilisation so tief innewohnendes Leiden". Dessen Erkenntnis – und das hieße doch wohl: die Selbsterkenntnis der "modernen" Zivilisation – sei nahezu verboten oder doch äußerst schwierig, "denn die mit der Herrschaft verknüpfte Rationalität liegt selbst auf dem Grunde des Leidens".

Sowenig es mit Berufung auf diese These möglich ist, den Rückfall in die Barbarei zu rechtfertigen oder den Antisemitismus zu entschuldigen, sowenig Anlaß zur Selbstgerechtigkeit bietet die Lektüre Freuds den Verteidigern der Moderne. Am 7. Februar 1930 schreibt Freud an den Pastor Oskar Pfister, er zweifle "an der Bestimmung der Menschheit..., auf dem Wege der Kultur zu einer größeren Vollkommenheit aufzurücken".

Freuds Leben war beendet, noch bevor die Verbrechen von Auschwitz begangen und der Öffentlichkeit bekannt geworden waren. Dennoch wäre Freud vermutlich der letzte gewesen, der solche Verbrechen für unmöglich gehalten hätte. Die Lehre, die Freud vertrat, umfaßt ein ziemlich realistisches – manche meinen: pessimistisches – Menschenbild. Und dennoch war Freud ein Mann, der es vermied, die "Täter" eindeutig auszusondern, sich selbst ein für alle Male von ihnen abzusondern. Denn er wußte, mehr als die meisten anderen, daß der eine Finger, der auf den "Täter" deutet, stets von drei Fingern begleitet wird, die auf die eigene Brust zurückweisen. Der Ort, der ihn interessierte und den er zu erkunden suchte, war – die eigene Brust.