Von Thomas Hanke

Wer sich schon seit langem fragt, wie sein Vermögen von zwanzig Millionen Mark gewinnbringender anzulegen wäre, kann es einmal in der Desguinlei 88 in Antwerpen versuchen und dort um einen Termin mit Jean-Pierre van Rossem bitten. Der Flame betreibt nicht nur herkömmliche Vermögensverwaltung, sondern bietet auch die Dienste seines ökonometrischen Modells "Moneytron" an. Je nach der Risikofreudigkeit des Kunden winken hohe Gewinne, doch auch der Totalverlust.

Van Rossem behauptet, den Dow Jones und Standard & Poors Index für die New Yorker Börse mit 99,07prozentiger Genauigkeit vorhersagen zu können. Ökonomen behaupten, solche Exaktheit von einer ökonometrischen Gleichung zu erwarten, sei völlig absurd, wollen aber gleichzeitig nicht ganz ausschließen, daß van Rossem vielleicht doch irgendeinen Weg gefunden hat. Doch der hütet sich, die Feinheiten des Gleichungssystems mit insgesamt 245 Variablen aufzudecken. Trotzdem gibt es einen überzeugenden Anhaltspunkt für die Glaubwürdigkeit des Flamen: Er ist reich. Nicht etwa von Familie her, sondern wirklich und wahrhaftig neureich.

Schon das Empfangszimmer, durch das unauffällig gekleidete Kunden huschen, vermittelt dieses beruhigende Gefühl, diesen Geruch nach frischem Geld. Von den angeschrägten, polierten Granitwänden über zwei überdimensionale Schraubenzieher-Skulpturen und einen Bronzekopf bis zu einem impressionistischen Gemälde sind Stilelemente und Kunstobjekte versammelt, die nur in einem harmonieren: in ihrem beträchtlichen Wert. Sein Vermögen, so versichert van Rossem, habe er seit 1986 angehäuft und ausschließlich "Moneytron" zu verdanken. Böse Zungen dagegen behaupten, die Herkunft seines Vermögens liege völlig im Dunkeln.

Jedenfalls ist van Rossem kein typischer Börsenprofi mit Windhundprofil à la Wallstreet. Im Türrahmen steht ein belgischer Kaltblüter, dessen angegrautes, aber volles Haar fast bis zur Hüfte reicht. Der in allen drei Dimensionen groß gewachsene Körper steckt nicht in einem Maßanzug, sondern in einer Art Kosakenjoppe. Ein Stadtindianer, allerdings vom Stamme derer, die sich edle Feuerrosse leisten können. Wie viele Ferraris in seinem Stall stehen, darüber sind verschiedene Schätzungen im Umlauf. Van Rossems Sekretär, der auch Telephonist, Empfangschef und Chauffeur ist, nennt den Wert von zwanzig als Annäherung, die genaue Zahl dürfe er nicht verraten.

Doch was van Rossem deutlich mehr interessiert, ist die Börse und die eine Frage: how to beut the market?, wie kann man mehr gewinnen, als der Markt im Durchschnitt erreicht? Wenn van Rossem darüber redet, wird er lebhaft bis aufgekratzt. Schnell handelt er das Pflichtpensum ab, herkömmliches Portfolio-Management. Mehr als die Kalkulationen für 500 verschiedene Titel können die Zentralspeicher der Rechner nicht verarbeiten. Damit aber ist man dazu verdammt, sich auf die bekanntesten Werte zu beschränken. Geht man zu neuen, unbekannten Aktien über, wird die Analyse unsicherer, und es stellen sich kontraproduktive Effekte ein: Denn kauft ein Anleger, der Geldmittel zur Verfügung hat, massiv unbekannte Aktien, steigt sofort der Kurs und verschwindet das Gewinnpotential.

Anfang der siebziger Jahre, als der Handel mit Optionen begann, also Anrechten, Aktien zu einem bestimmten Preis zu kaufen oder zu verkaufen, wobei der Optionspreis vom Börsenkurs abhängt, kam van Rossem eine Idee: "Wenn es gelingen würde, den Börsenindex vorauszusagen, könnte man ein Vermögen verdienen. Daraufhin habe ich angefangen, wie ein Verrückter an einem ökonometrischen Modell der US-Wirtschaft zu arbeiten." Diese Idee hat ihn bis heute nicht mehr losgelassen.

"Die einzigen, die grundsätzliche Zweifel an der Effizienz bestehender Strukturen anmelden, sind Marxisten. Das wäre natürlich der Gipfel, wenn man das Kapital von Marx verwenden könnte, um Kohle zu machen." Doch dem stehe "die unsinnige" Marxsche Arbeitswerttheorie im Wege. Abhilfe fand er schließlich bei der britischen Wirtschaftswissenschaftlerin Joan Robinson, "die Keynes mit marxistischen Elementen verbunden hat. Von ihr ausgehend haben wir ein kohärentes ökonomisches Modell erhalten".

Was nun noch fehlte, war eine Theorie über das Verhalten der Anleger und dessen Einfluß auf das Börsengeschehen. Zunächst versuchten es van Rossem und seine Equipe (junge Computerspezialisten sowie ein Berater des belgischen Planbüros) mit der Theorie rationaler Erwartungen: So läßt sich errechnen, wie der Börsenindex verlaufen würde, wenn alle Akteure sich rational verhielten.

1981 schickte van Rossem sein Modell in die Feuerprobe. Ein ungenannter Finanzier stellte ihm die ersten zehn Millionen Dollar zur Verfügung. Nach drei Monaten konnte van Rossem feststellen: "Das Modell war noch nicht perfekt, dafür aber der Verlust." Mit zehn Millionen Dollar Schulden auf dem Buckel versuchte er, sein System zu perfektionieren. Zwei Jahre später habe er wider Erwarten den gleichen Anleger überzeugen können, ihm noch einmal zwölf Millionen Dollar zu leihen. Wer da so viel Vertrauen zu ihm hatte, will van Rossem nicht verraten. Diesmal sei es "deutlich besser" gegangen: "Moneytron" habe nur noch neun Millionen verloren, der Rest dümpelte monatelang vor sich hin, ohne daß es aufwärts ging. Damit hatte sich der ökonometriebegeisterte Jean-Pierre die Sympathien seines Gönners verscherzt. Der forderte einen soliden Tilgungsplan. Seinen Schlaf habe ihn dieser Schuldenberg aber nicht gekostet, behauptet van Rossem.

Unerschrocken sei er erneut an die Überarbeitung von "Moneytron" gegangen und habe 1986 den Dreh gefunden. Statt weiterhin vom rationalen Anlegerverhalten an der Börse auszugehen, entwickelte er die Hypothese vom irrationalen oder "suprarationalen" Verhalten. Tatsächlich läßt sich feststellen, daß institutionelle Investoren auch dann noch im Markt bleiben, wenn Aktien schon überbewertet sind. Sie halten sich nicht mehr an strikt rationale Maßstäbe, sondern profitieren von der allgemeinen Euphorie, die die Kurse noch ein bißchen weiter steigen läßt. Damit verhalten sie sich irrational, oder besser gesagt suprarational. Sie steigen dann aus, wenn die Überbewertung zu groß wird. Da sie über gewaltige Portfolios gebieten, purzeln dann auch die Kurse. Van Rossem konnte feststellen, so behauptet er, daß sich der Grad an Irrationalität und der tatsächliche Kursverlauf sehr stark ähneln.

Nach dem Einbau der Irrationalitäts-Hypothese ins Modell ging er mit dem Mut des rettungslos von sich selbst Überzeugten seinen Gläubiger noch einmal an. "Ich weiß noch den Tag. Am 17. Juni 1986 habe ich ihm gesagt: Ich schulde Dir neunzehn Millionen, es gibt nur einen Weg, sie zurückzubekommen – Du mußt mir neunzehn Millionen Dollar zusätzlich leihen." Statt ihn rauszuwerfen, habe der Finanzier fünfzehn Millionen Dollar herausgerückt. "Und diesmal funktionierte es sofort. Innerhalb von ein paar Monaten hatte ich den Einsatz verdoppelt und verdreifacht, am Ende des Jahres waren alle Schulden bezahlt, ich erhielt einen Kredit von fünfzig Millionen Dollar. Damit habe ich mein Vermögen gemacht."

Während er den Werdegang von "Moneytron" erklärt und sich mit seinen großen Händen ein paar Weintrauben in den Mund schiebt, breitet er Photos vor sich aus: von einem AC Cobra-Sportwagen, der rund 1,3 Millionen Mark kostet, einem ebenso teuren, jüngst erstandenen Gemälde von Francis Bacon und einem gleichfalls in seinen Besitz übergegangenen Schloß in der Nähe von Brüssel. "Autos sind einfach zu teuer geworden, das ist doch keine Relation mehr, wenn ein Cobra und ein Bild zusammen mehr kosten als ein Schloß", empört er sich.

So ähnlich prahlen kleine Jungen mit ihrem neuesten Spielzeug. Doch van Rossems Verhalten ist weniger Angeberei als Ausdruck der Eigenschaft, die man "kein Verhältnis zum Geld haben" nennt. Nicht das Haben, sondern das Gewinnen, Riskieren und Ausgeben scheinen sein Antrieb zu sein. Während er noch über das neoklassische Theorem wettert, wonach alle relevanten Informationen allen Marktteilnehmern frei zur Verfügung stehen, fragt er kurz: "Haben Sie 100 000 Mark? Mit achtzigprozentiger Wahrscheinlichkeit kann ich sie bis morgen verdoppeln. Aber nach zwanzig Prozent Wahrscheinlichkeit haben Sie dann überhaupt nichts mehr." Er schüttelt sich vor Lachen und reißt die nächste Limo-Büchse auf.

Die belgische Finanzpresse schreibt nicht über den perfekt französisch sprechenden Flamen. "In der Finanzwelt halten ihn viele für einen Scharlatan", erklärt ein Kollege vom Brüsseler Echo de la Bourse. Andererseits habe er als Dozent der Universität Gent eine gute wissenschaftliche Reputation genossen.

Nachdem er in den USA als Schwarzhörer – das belgische Stipendium reichte nicht fürs Studium an den besseren Universitäten – mit der in Europa noch wenig bekannten Disziplin Ökonometrie in Berührung kam und einen Container voll einschlägiger Literatur geklaut hatte, gelangte van Rossem 1971 zu der Überzeugung den belgischen Wirtschaftsminister wegen der anhaltenden Arbeitslosigkeit beraten zu sollen. Er bekam sogar einen Termin, zu dem er – "damals war ich noch ganz und gar anarchistisch" – barfuß erschien, seine Blöße nur mit einem Laken bedeckt.

"Damals wollten sie die Krise noch nicht wahrhaben, heute heißt es, sie sei vorbei. Dabei ist sie nur für die Kapitalisten zu Ende, für die Arbeiter nicht." Sprüche, die aus dem Mund eines Ferrari-Fahrers kokett anmuten. Vielleicht hat der Börsengewinnler noch nicht verlernt, auszusprechen, was er denkt. Aber womöglich sind seine Ferraris auch nur geliehen, und van Rossem muß sich demnächst wieder in ein Bettlaken hüllen. Solange er weiter mit "Moneytron" spielen kann, scheint ihm beides zu gefallen.