Monsieur Hire "war nicht dick. Er war fett. Sein Leibesumfang war nicht größer als der jedes gewöhnlichen anderen Menschen auch, doch konnte man bei ihm weder Fleisch noch Knochen erkennen, alles an ihm war so weich und glatt, daß auch seine Bewegungen etwas Unentschlossenes bekamen. Aus seinem runden Gesicht stachen tiefrote Lippen hervor, darüber ein wie mit Tusche gezeichneter, mit der Brennschere gewellter Schnurrbart und Wangen rosig wie die einer Puppe."

Der Vorort von Paris, in dem Monsieur Hire zu Hause ist, heißt Villejuif, "Judenstadt". Und Monsieur Hire hieß früher Hirovitch, sein Vater war ein russischer Jude, seine Mutter eine Armenierin. Den Roman hat Georges Simenon geschrieben, im Frühjahr 1933. Simenon war kein politischer Schriftsteller. "Monsieur Hire" ist kein politisches Buch.

"Monsieur Hire" ist die Geschichte eines Mannes, der verfolgt und verdächtigt wird, weil er anders ist als die anderen: klein, fett, rosig, rund – und einsam. In Villejuif ist eine Frau ermordet worden, und Monsieur Hire sieht wie ein Frauenmörder aus. Eine Concierge denunziert ihn, die Polizei heftet sich an seine Fersen. Monsieur Hire kennt den wirklichen Mörder, aber er verrät ihn nicht. Denn Monsieur Hire liebt Alice, das Ladenmädchen, die Freundin des Mörders. Sie wohnt im Haus gegenüber. Jeden Abend steht er an seinem Fenster und beobachtet sie. Das kostet ihn das Leben. Im Roman stirbt er an gebrochenem Herzen: Herzstillstand. Vor den Augen der Menge, auf dem Dach seines Hauses. Und es herrscht wieder Frieden in Villejuif.

1946 hat Julien Duvivier das Buch verfilmt, mit Michel Simon in der Titelrolle. Der Film hieß "Panique", und die Welt von 1933 hatte sich in eine Nachkriegswelt verwandelt. Monsieur Hire sah nicht mehr wie ein Jude aus, eher wie ein Kollaborateur. Jede Epoche hat ihre eigenen Hires.

Patrice Leconte wollte eigentlich ein Remake von "Panique" drehen, als er mit der Verfilmung von Simenons Roman begann. "Die Verlobung des Monsieur Hire" ist etwas ganz anderes geworden: kein Krimi, kein film noir, schon gar kein politischer Film. Sondern eine Ballade vom Sehen und Gesehenwerden. Filme politisch machen, das war in den sechziger Jahren der Traum des Jean-Luc Godard. Filme ästhetisch machen, das ist die wahre Maxime der achtziger Jahre. "Die Verlobung des Monsieur Hire" ist ein wunderbar ästhetischer Film, eine der schönsten Simenon-Verfilmungen überhaupt. Von Villejuif ist nichts geblieben. Ville-Simenon könnte das Viertel, in dem Monsieur Hire lebt, jetzt heißen: die Simenon-Stadt schlechthin, die Stadt, die überall dort liegt, wo Simenons Geschichten spielen.

Michel Blanc ist Hire. Wenn er über die Straße geht, sieht er aus wie ein kleines, schwarzes, geschäftiges Insekt. Sein Frühstücksei löffelt er mit der gleichen liebevollen Pedanterie, mit der er in seinem Schneiderladen den Frauen die Rocksäume absteckt. Monsieur Hire hat einen Käfig voll weißer Mäuse; ab und zu wickelt er eins der Tierchen in ein Stück Stoff und wirft es in den Fluß, einfach so. Monsieur Hire hat auch Erfolgserlebnisse: Auf der Bowlingbahn trifft er mit verbundenen Augen alle Neune, und die Menge applaudiert. Wenn der kleine Mann lächelt, sieht er aus wie ein bleiches, fettes, glatzköpfiges Kind. Wir alle kennen einen Monsieur Hire: Es ist der böse Onkel, mit dem wir als Kinder nicht spielen durften. Um auszudrücken, wie gut Michel Blanc diese Rolle verkörpert, fällt mir nur ein hochnotpeinliches Wort ein: Er ist genial.

Wenn es dunkel wird, geht Monsieur Hire zum Plattenspieler und legt ein Quartett von Brahms auf, eine leise, bittersüße Melodie. Die Musik bäumt sich auf wie im Schmerz, im Zimmer ist es dunkel, und Monsieur Hire starrt aus seinem Fenster ins Fenster gegenüber. Alice steht im Unterrock vor dem Spiegel und löst ihr Haar. Sandrine Bonnaire ist Alice, und noch nie war sie so schön wie in diesem Film.

Am Anfang sieht man die Leiche eines Mädchens, dann den Inspektor, dann Monsieur Hire, und sofort wird klar, auf wen der Verdacht fallen muß. Monsieur Hire ist die ideale Mörderfigur, der kleine Bruder des Hutmachers Labbé aus den "Fantomen des Hutmachers", die Claude Chabrol vor sieben Jahren verfilmt hat. Aber Labbé war ein angesehener Bürger, Hire ist ein Außenseiter, der Haß der Kleinstädter richtet sich von Anbeginn an gegen ihn. Die besten Geschichten Simenons gründen auf dieser Wechselwirkung zwischen blindem Vorurteil und kriminalistischer Recherche. Die wahren Täter sind diejenigen, die den Täter immer schon zu kennen glauben, die Denunzianten, die Leute von nebenan. Monsieur Hire muß sterben, weil er nicht dazugehört. Wer so allein ist, kann kein guter Mensch sein.

Eines Nachts gibt es ein Gewitter, und Alice sieht im Fenster gegenüber das leichenblasse Gesicht ihres Voyeurs. Von nun an schaut sie zurück. Das Augen-Duell der beiden ist wie eine Summe aller Liebesgeschichten des Kinos: jeder Blick ein Schuß ins Herz. Und die Bilder, mit denen der Kameramann Denis Lenoir den Moment des Schauens einfängt, sind die reine Verführung: ein Schminkspiegel, darin Sandrine Bonnaires Gesicht; ein Wechsel der Tiefenschärfe, und aus dem Hintergrund stechen die Augen von Michel Blanc. Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, Ist dem Tode schon anheimgegeben.

Der Rest der Geschichte ist Mechanik, tragisches, unausweichliches Geschehen. Monsieur Hire möchte mit Alice in die Schweiz fliehen, in ein Glück hinter den Bergen; aber Alice verrät ihn, schiebt ihm ein Mordindiz unter und liefert ihn den Häschern aus. Am Ende stürzt der kleine Mann vom Dach seines Hauses in die Tiefe, noch im Fallen treffen ihn die Augen von Alice, dann liegt er auf der Straße wie ein zerbrochenes Spielzeug, blaß und blutig. "Und in Villejuif begann man sich zu eilen, weil eine ganze kleine Welt ihre zweistündige Verspätung aufholen mußte."

Patrice Leconte gehört zu jenen Regisseuren, die man verächtlich "Routiniers" nennt. Seit 1975 hat er acht Filme gedreht, die meisten davon Komödien; nur "Die Spezialisten" (1985) wurde auch in Deutschland verliehen. Leconte ist kein Routinier, er ist ein Könner. Und "Die Verlobung des Monsieur Hire" ist kein routinierter Film, sondern eines der seltenen Beispiele für präzises Erzählkino, die es zur Zeit in Europa gibt. Die Farben, das Licht, die Dekors, die Dialoge, die Musik – alles in diesem Film zeugt von der Liebe zum Handwerk, zum Erzählen, die im Kino vielleicht das Wichtigste ist, wichtiger als Thesen und Sujets. "Die Verlobung des Monsieur Hire" ist nur achtzig Minuten lang. Kürzer geht es kaum. Schöner auch nicht. Andreas Kilb