Von Nils Morten Udgaard

BONN. – Im politischen Windschatten der großen Umwälzungen in Moskau und Osteuropa vollzieht sich fast unbemerkt ein anderer Wandel von beachtlicher Bedeutung im Norden Europas. In aller Ruhe und mit der ihnen eigenen politischen Nüchternheit und Zielstrebigkeit verankern die Finnen ihr Land immer stärker in den Institutionen Westeuropas. Langsam aber sicher bricht das 4,9-Millionen-Volk endgültig aus seiner europäischen Einsamkeit aus. In der nächsten Woche tritt sein Präsident, Mauno Koivisto, einen längeren Besuch in der Bundesrepublik an.

Der erste und wegweisende Schritt auf dem Weg nach Europa geschah im Sommer 1986. Fünfzehn Monate nach dem Machtwechsel in Moskau und lange bevor das volle Ausmaß der Perestrojka erkennbar war, beantragte Finnland erfolgreich, am westeuropäischen Forschungsprojekt Eureka mitzuwirken. Kurz darauf wurden die Finnen assoziiertes Mitglied der europäischen Raumfahrtsagentur Esa, und ihr Status als assoziiertes Mitglied der Efta, der europäischen Freihandelsgruppe, wurde in Vollmitgliedschaft aufgewertet. Seit dem 5. Mai dieses Jahres ist Finnland Vollmitglied des Europarates in Straßburg, und die Finnen arbeiten voll im europäischen Kernforschungszentrum Cern bei Genf mit.

Die praktischen Auswirkungen dieser vielen formalen Änderungen sind vielleicht nicht sehr groß; mitgearbeitet haben die Finnen früher fast überall. Zusammengenommen ist die politische Wirkung dagegen beachtlich: Finnlands Position als ein selbständiger, freier und vollwertiger Partner in Europa wird zunehmend demonstriert und formalisiert.

Außenpolitisch hat Finnland nie zum Osten, aber auch nicht richtig zum Westen gehört; nicht einmal unter den klassischen Neutralen war es wegen seines Freundschaftspaktes mit der Sowjetunion ganz zu Hause. Lange Jahre hindurch mußten die Finnen sich viel Unfreundliches über die Gefahren der „Finnlandisierung“ sagen lassen.

Heute ist Finnlandisierung kein Schimpfwort mehr im Westen, sondern ein Hoffnungswort für viele Länder Osteuropas. Wie haben die Finnen das hingekriegt, was können wir von ihnen lernen? So lauten die Fragen, wobei die erstere sich leichter beantworten läßt als die zweite.

Der entscheidende Unterschied zu den Ländern Osteuropas besteht darin, daß Finnland mit seinen staatlichen Institutionen und seiner Wirtschaft den Krieg und die Nachkriegszeit intakt überstanden hat. Das politische System hat überlebt – auch die fünf Kriegsjahre, in denen Finnland nacheinander gegen die beiden stärksten Landmächte Europas kämpfen mußte, gegen Rußland und Deutschland. Das Land wurde nicht von den Russen besetzt; als der Krieg für Finnland im Oktober 1944 vorbei war, brauchte Stalin seine Soldaten anderswo in Europa dringender.

In Ungarn, Polen und anderen Ländern Osteuropas wurden die staatlichen Institutionen – nicht nur Heer und Polizei – sowie das ganze politische System, einschließlich einer marktbezogenen Wirtschaft, zerstört und von den Kommunisten völlig neu gestaltet. Finnland dagegen war das einzige Land Europas, in dem die Vermählung von sowjetischem Sicherheitsbedürfnis und parlamentarischer Demokratie möglich wurde.

Diesem Unterschied zum Trotz lassen sich aber heute aus dem gelungenen finnischen Experiment durchaus Lehren für Osteuropa ziehen. Zum einen haben die Finnen ohne Sentimentalität und mit ausgeprägtem Realitätssinn die internationale Großwetterlage verfolgt, ohne dabei ihre nationalen Interessen aus den Augen zu verlieren. Vorsicht und Umsicht waren ihnen wichtiger als emotionale Selbstbefriedigung. Vor allem gaben sie ihrer Außen- und Sicherheitspolitik eine langfristige Perspektive; sie wurde in der Verfassung einem starken Präsidenten anvertraut und nicht dem Parteienstreit überlassen.

Eine andere Lehre der finnischen Erfahrungen betrifft die Ökonomie: Die Marktwirtschaft und eine solide Währung haben die finnische Souveränität untermauert. Heute werden die Finnen dank ihrer starken Wirtschaft – ihr Lebensstandard steht dem schwedischen kaum noch nach – überall als wertvoller Handelspartner geschätzt. Und die zielstrebige Anknüpfung an den EG-Markt macht Finnland auch für die Russen als Handelspartner nur noch interessanter; inzwischen begleicht Moskau seine Handelsdefizite in harter Währung. Vielleicht wäre auch dies ein nützliches Modell für Osteuropa?

  • Nils Morten Udgaard ist Bonner Korrespondent der norwegischen Tageszeitung Aftenposten.