Den Anstoß, ein zur Veröffentlichung bestimmtes Gespräch mit meiner Mutter zu führen, gab Peter Handke, der mir in einem am 3. März in der ZEIT erschienenen Interview sagte, er würde, lebte seine Mutter noch, „hinpilgern zur ihr“ mit „einem Kunstwerk von Fragen“, „um ihr eine Freude zu machen“. Was wohl mitklang in diesen Worten, war die Vermutung, etwas versäumt zu haben, das den Selbstmord der Mutter verhindert hätte. Auch ich wollte in einer Welt, in der nur die Täter interessieren, ein Opfer zum Sprechen bringen. Doch konnten die Fragen, die dazu nötig waren, nicht Freude machen. Ein Mensch, der nicht zur Anklage neigt, schämt sich für das Erlittene und will es verschweigen. Daß Sprache befreiend wirkt, weil sie das Erleiden in Tat verwandelt, war meiner Mutter schwer beizubringen. Jede ihrer Äußerungen mußte erstritten werden. Das hier Publizierte ist der in Form gebrachte Extrakt eines sich über Stunden hinziehenden Kampfes.

ANDRÉ MÜLLER: Du bist die erste nicht prominente Person, mit der ich ein Interview mache. Hältst du dich für bedeutend genug, öffentliches Interesse zu wecken?

DIE MUTTER: Nein, überhaupt nicht.

Warum hast du dann zugestimmt?

Weil ich mich freu’, wenn du kommst.

Ich möchte mit dir über dein Unglück sprechen.

Unglücklich bin ich nicht.