Gorbatschows Reformversuch – ein einzigartiger historischer Augenblick, den wir nutzen müssen

Von John le Carré

Wer das Vergnügen hat, daß seine Bücher in vielen Ländern erscheinen, der weiß auch, wie spaßig es ist, wenn ein Werk durch die Augen so vieler Kulturen beäugt wird. Wie kommt George Smiley auf isländisch an? Hat der japanische Übersetzer seine Prosa verbessert? Der ukrainische den korrekten düsteren Ton getroffen?

Als Autor habe ich mein Glück vor allem in Amerika gemacht. Dort bin ich auf mehr Verständnis gestoßen, mehr Nachsicht und mehr Anhänglichkeit bei Lesern wie Kritikern, als mir vielleicht guttut.

Wenn ich mich heute mit der winzigen, unglücklichen Gruppe von Ekeln in Amerika auseinandersetze, die „Das Rußland-Haus“ nicht als Perle der zeitgenössischen Literatur begrüßen, dann picke ich nicht auf säuerlichen Rezensionen herum. Vielmehr möchte ich einen wichtigeren, allgemeineren Gesichtspunkt zur Geltung bringen – nennen Sie ihn ruhig politisch oder gar philosophisch. Mir ist er wichtiger als alle örtliche Keilerei über Wert oder Unwert eines bestimmten Romans.

Tatsache ist, daß ich mit „Das Rußland-Haus“ in Amerika eine ganz neue Erfahrung gemacht habe. Um Tolstoj abzuwandeln: Die glücklichen Leser sind auf ganz verschiedene Weise glücklich, aber die unglücklichen Leser, so scheint es, sind alle in derselben Weise unglücklich. Sie würgen an dem, was sie für die politische Botschaft des Buches halten. Das Wort „naiv“ schreiben sie dabei ganz groß. Sie zürnen mir, weil ich ihnen ihr Kalter-Krieg-Spielzeug weggenommen habe.

„Dreißig Jahre lang“, so scheinen sie zu sagen, „hat uns dieser Bursche aufrichtige politische Verzweiflung verkauft. Jetzt macht er auf der Hacke kehrt und schenkt uns Hoffnung. Wofür, zum Teufel, hält er sich?“

Manche reden durch die Blume sogar von „Subversion“; das ist immer komisch. „Das Buch“, warnt ein prominenter Rezensent, „hat eine ideologische Schlagseite, die nicht jeder Leser gutheißen mag.“ Ein anderer, ebenso prominent, nannte den Teufel beim Namen: „Le Carrés Bereitschaft, die Unterstellung zum Nennwert zu nehmen, daß der Große Friede ausgebrochen ist, verrät zumindest Leichtgläubigkeit.“ Ein dritter Kritiker stieß sich an einigen freundlichen Worten, mit denen das Buch in der Sowjetunion bedacht worden ist. „Warum sollte es die Amerikaner kümmern, ob die Russen das Buch mögen oder nicht?“ Was, wenn man einen Augenblick lang nachdenkt, schon eine recht verwunderliche Frage ist. Warum sollte es die Amerikaner nicht kümmern? Warum sollten die Amerikaner nicht vor Freude jubeln und ihre Hüte in die Luft werfen, wenn die Russen so einen Roman – oder irgendeinen anderen westlichen Roman – lesen dürfen und obendrein dann auch noch darauf abfahren?

Aber nein; die Vorstellung soll uns wohl nicht mit Genugtuung erfüllen, daß die Russen die gleichen Bücher mögen wie wir. Bücher sollen die Völker anscheinend nicht einander näherbringen, schon gar nicht Spionageromane. Sie sollten sich gefälligst diesseits der Mauer halten. Sie sollten unsere Unvereinbarkeit feiern, unser Anderssein, unsere Inselhaftigkeit, unsere Überlegenheit. Alles andere – bitte sehr, das hieße, sich dem Feind an den Hals zu werfen.

Was wollen wir eigentlich?

Und wenn das mehr wie eine sowjetische Haltung klingt als wie eine amerikanische – nun, ich kann mich der Frage schwer erwehren, ob nicht die vierzig Jahre Kalter Krieg eine verschwiegene Affinität zwischen den Kräften der Intoleranz auf beiden Seiten gezeugt haben. Übrigens keine schlechte Idee: einmal darüber zu schreiben.

Wer eigentlich ist denn jetzt der Feind? Und wer sind wir, die westliche Allianz, und wer ist Amerika, wenn wir nicht länger vereint gegen den großen Satan des Kommunismus auftreten können?

Und gegen wen ist denn die Sowjetunion heutzutage aufmarschiert, wenn sie überhaupt aufmarschiert ist? „Na hören Sie“, sagen die Betonköpfe, „natürlich gegen Amerika! Vergeßt die Kosmetik. Sie lauern noch immer auf uns. Selbst wenn Gorbi auf der Seite der Engel wäre – da sind noch immer die Hardliners, die Stalinisten, die bloß darauf warten, daß sie in seine Stiefel schlüpfen können. Wenn sie wieder drankommen, wird Glasnost in ein paar Jahren so tot sein wie der Charleston.“

Aber das Argument ist noch tiefgründiger und noch finsterer. „Selbst wenn wir der Sowjetunion bei ihren Reformen helfen könnten – warum sollten wir eigentlich? Ausgerechnet in dem Augenblick, in dem der Gegner der letzten vierzig Jahre endlich Sturm erntet, wo er bösen Wind gesät hat? – Warum? Warum sollten wir, die westliche Allianz und die Vereinigten Staaten, die wir Blut und Geld geschwitzt haben, um es dahin zu bringen, auch nur einen Finger heben, um diesem Gegner aufzuhelfen? Die Sowjetunion bricht auseinander? Dann laßt sie auseinanderbrechen! Hat uns vierzig Jahre gekostet, sie soweit zu kriegen!“

Die Betonköpfe lassen sich nicht davon beeindrucken, daß die Sowjets bereits Abrüstungszugeständnisse gemacht haben, die noch vor wenigen Jahren als utopisches Wunschdenken abgetan worden wären. Oder daß ein Kreml-Herrscher einen haarsträubenden, vielleicht sogar hoffnungslosen Kreuzzug begonnen hat, um Reformen durchzusetzen, zu denen wir seine Vorgänger seit Jahrzehnten gedrängt haben. „Er ist noch immer Kommunist“, sagen sie – „und nicht immer ein Russe“. Und hinter vorgehaltener Hand fügen sie hinzu, daß es uns zusteht, den Siegern, nicht dem besiegten Gegner, das Ende des Krieges zu verkünden.

Als ob wir das so genau wüßten.

So sind sie denn ganz zufrieden, ja fröhlich, diese Betonköpfe, wenn sie mitansehen können, wie die Sowjetunion immer tiefer im Morast ihrer Untaten versinkt – nach dem guten alten Prinzip, daß es uns um so besser geht, desto dreckiger es ihnen geht. „Und außerdem“, so sagen sie, „ist sowieso alles Verstellung und Maske: Unter dem listigen russischen Lächeln bleckt noch immer das alte System die Zähne. Ohnehin wird Gorbatschow es nie schaffen. Der einzige Unterschied zwischen Gorbatschow und Dubček ist, daß Gorbatschow nicht weiß, daß es keinen Unterschied gibt.“

Haben sie denn recht, diese Stimmen? Oder ist es vielleicht möglich, daß einige von uns im Westen – nach vierzig Jahren, die wir im Packeis des Kalten Krieges eingesperrt waren – den Willen verloren haben und die Kraft, auszubrechen in eine hoffnungsvollere Zukunft? Daß wir, die wir so lange geglaubt haben, nichts könne sich je im Reich des Bösen bessern, uns nun schmerzhaft kneifen müssen, ehe wir einsehen, daß wir wirklich nun das Drehbuch für morgen schreiben und dafür sorgen können, daß es auf der Weltbühne auch inszeniert wird?

Unterstellt, wir könnten kriegen, was wir wollen – was wollen wir eigentlich? Wissen wir’s?

Wollen wir, zum Beispiel, ein unabhängiges Aserbeidschan – mit der wahrscheinlichen Folge, daß es aufs neue ein armenisches Massaker gibt? Wenn Rußland auseinanderfällt, ist das keine weithergeholte Phantasievorstellung.

Wollen wir einen Aufstieg des islamischen Extremismus in Sowjetasien – und abermals die Trompetenstöße des herkömmlichen Antisemitismus in Polen und im europäischen Rußland?

Wollen wir eine Rückkehr zum stalinistischen Niveau der Rüstungsproduktion? Nicht nur das sowjetische Volk würde dadurch versklavt; auch wir würden abermals in den eisernen Wällen eines ständig steigenden Militärbudgets und eines ständig steigenden Kriegsrisikos eingeschlossen.

Wollen wir ein Tiananmen in der Hälfte der sowjetischen Kohlenpott-Städte? Gorbatschow war bislang auf der Seite der Bergleute. Aber wie lange werden sie noch auf seiner Seite stehen?

Wollen wir, daß aufs neue die sowjetischen Schriftsteller, Maler, Musiker, Dissidenten, Refuseniks und Juden hinter Gitter kommen? Daß aufs neue die freie Meinungsäußerung, die freie Presse unterdrückt wird? Die Restauration des alles erstickenden kommunistischen Parteiapparats? Naiv mag ich ja sein, obwohl ich es bezweifle. Aber ich bin nicht naiv genug, um zu glauben, daß die Gefahr eines solchen Rückschlages beendet ist. Die aggressive Passivität des sowjetischen Volkes, das kaum aus der Leibeigenschaft erwacht ist, macht all diese schrecklichen Dinge möglich – und der neue Geist der Freiheit, der in den letzten fünf Jahren zu wehen begonnen hat, macht es geradezu unausweichlich, daß der Rückschlag, wenn er denn kommt, selbst nach den schreckensvollen Maßstäben sowjetischer Unterdrückung fürchterlich ausfallen wird.

All dies können wir auf Wunsch haben. Auf Wunsch – oder aber, weil wir uns aus Apathie oder aus Sorglosigkeit nichts anderes vorstellen können.

Wollen wir Zugang zu den riesigen, unerschlossenen Märkten des Ostens? Oder ziehen wir es vor, seine notleidenden Ökonomien durch fortdauernde Embargos und Handelsrestriktionen gegenüber sowjetischen Importen in den totalen Stillstand zu expedieren?

Eine versinkende Ära

Wollen wir zur Bildung einer sowjetischen Marktwirtschaft beitragen? Oder kommt es uns besser zupaß, jetzt ihren Kollaps vorherzusagen – und dann zuzusehen, wie die Prophezeiung in Erfüllung geht?

Wollen wir die Gelegenheit beim Schopf packen, mit Moskau hart und wirksam über ausgewogene Abrüstung zu verhandeln und damit der Sowjetunion zu gestatten, ihre Mittel friedlichen Zwecken umzuwidmen? Oder wollen wir, daß die Russen bis ins 21. Jahrhundert hinein Kanonen statt Butter essen, während ihre Führer auf auswärtige Abenteuer sinnen, die sie von der heimischen Misere ablenken können: mehr Afghanistans, mehr Angolas, mehr Kubas? Wollen wir wirklich, daß unsere Enkel ihre eigenen Vietnams ausfechten müssen?

Es gab eine Zeit, da wir über die Grausamkeit der Geschichte fluchten, die unsere Welt mittendurch spaltete. Sind wir jetzt in einer neuen Zeit, in der wir die alte Spaltung brauchen, um unseren galoppierenden Materialismus zu rechtfertigen? Wenn dem so ist, dann kann es nicht wundernehmen, daß halb Westeuropa und Teile Amerikas dazu auf Gorbatschow blicken und von ihm die Erfüllung ihrer Träume erhoffen. Was sind denn heutzutage die westlichen Träume? Noch immer Alpträume? Sollen wir weiterträumen von immer raffinierteren Methoden, uns gegenseitig umzubringen? Oder träumen wir lieber von einer Partnerschaft der Supermächte, die in der Lage wäre, die Feinde von morgen ins Visier zu nehmen, nicht die Feinde von gestern? Feinde wie Drogen, Terrorismus, Armut, Buschfeuerkriege, die Verschmutzung unserer Luft, unserer Meere, Strände und Flüsse, unserer Berge und Wälder; von solch ewig andauernden Tragödien wie dem israelischpalästinensischen Konflikt gar nicht zu reden?

Es ist leicht zu erraten: Ich habe persönlich keinerlei Schwierigkeiten, mich zu entscheiden, welchen Weg wir einschlagen sollen.

Nein, ich glaube nicht, daß ein Goldenes Zeitalter ausbricht (obwohl ich nicht recht weiß, wie anders wir eigentlich über die Polen in ihrem Jahre eins reden sollten oder von den Millionen Balten, die sich in einer Menschenkette die Hände reichen). Aber ich glaube, daß wir einen geschichtlichen Moment erleben, der 1917 an Gewicht und Bedeutung nicht nachsteht. Ich glaube, daß auch wir aufwachen müssen, um endlich der morbiden Selbsteinschließung in der Feindseligkeit des Kalten Krieges zu entkommen und beherzt die Chancen zu ergreifen, die sich uns bieten – wer weiß, wie lange. Und ich bin nicht naiv genug zu glauben, daß der Scheuklappen-Jargon und die fadenscheinigen Antagonismen einer versinkenden Ära die richtigen Parolen abgeben, uns in eine offene Zukunft zu führen.

Nein, also: Das Millennium ist noch nicht ausgebrochen. Was wir erleben, ist ein einzigartiger historischer Moment, nicht dauerhafter vielleicht als das Blinken eines Sterns, in dem, wer Realist sein will, auch Idealist sein muß; in dem das Unwahrscheinliche sich jeden Tag ereignet und das Unmögliche jede Woche; und in dem uns die menschliche Vorstellungskraft, die menschliche Schöpferkraft, wenn sie rechtzeitig entfesselt werden, uns noch immer über jene Öde der Hoffnungslosigkeit hinwegheben können, in der wir viel zu lange haben leben müssen.

Bei diesem Beitrag handelt es sich um den Überarbeiteten Text einer Rede, die der Autor in New York gehalten hat.

© David Cornwell