In einem Satz ist die Geschichte erzählt: "Durch die wachen Nächte kreiste ohne Ende der planlose Entschluß: mächtig zu werden."

Bernhard Wicki, das ist überdeutlich, geht es um den großen, grundlegenden Entwurf: um eine deutsche Version von Viscontis "Gattopardo". Das Panorama einer Epoche in Deutschland, um 1923, illustriert am Werdegang eines ihrer Protagonisten, des karrieresüchtigen Kleinbürgers Theodor Lohse (Ulrich Mühe): vom Offizier zum Hauslehrer, vom kleinen Spitzel zum leitenden Ministerialbeamten, vom Sympathisanten zum Drahtzieher.

Das erste Bild greift zurück: Deutschland, 1918. Matrosen und Arbeiter erheben sich, um den Ersten Weltkrieg zu beenden. Rote Fahnen wehen. Kampflieder erklingen. Frauen schenken weiße Nelken. Kaum Widerstand. Nur ein paar Infanteristen stellen sich dem Aufstand entgegen. Der befehlsführende Offizier Lohse wird schwer verletzt. Als ihm jemand zur Hilfe eilt, meint er resignierend: "Laß nur, das will ich nicht überleben!"

Eine Antithese zu Beginn: Hinweis auf den Neubeginn, der denkbar gewesen wäre zwischen 1918 und 1923. Wie ein Notenschlüssel funktionieren diese ersten Bilder: Mit dem historischen Faktum legt Bernhard Wicki die Tonhöhe fest, die besondere Klangfarbe seiner Erzählung. Dann aber, schon unter den Titeln: Impressionen, die anzeigen, was weiterhin geschah. Das Denkbare wird ausgelöscht durch machtpolitische Arrangements. Rote Fahnen haben keine Zukunft. Und Offiziere, wie Lohse, bleiben im weiteren ohne klaren, eindeutigen, kompromißlosen Standpunkt. In der Zeit danach, "in Zivil", wo "kein Streben nutzte", wo "kein Vorgesetzter war, dessen Launen man erkunden, dessen Wünsche man erraten konnte", glaubt Lohse, es bleibe ihm nur die Möglichkeit, sich den augenblicklichen Ansprüchen der Zeit zu überlassen.

Sein "Bestreben" ist: "mit den Großen und Größten in irgendeinen Kontakt zu gelangen". Und sein Ziel: "Einfluß, nicht kleine Selbständigkeit, Anfang einer Kette sein, nicht ihr unscheinbares Glied." Deshalb ist er bereit zu jedem Opfer, offen für jede Missetat, empfänglich für jede Gesinnung, die Erfolg verspricht.

Bernhard Wicki visualisiert Joseph Roths literarisches Debüt nicht "werkgetreu". Er filmt die Essenz des Romans, die spätere historische Entwicklung dabei stets im Hinterkopf. Er strafft, ordnet neu, setzt andere Akzente. Wo Roth eher entdramatisiert, demystifiziert, verstärkt Wicki das Drama: den emotionalen (und emotionalisierenden) Kern des Konflikts. Leider steht der Ambivalenz, mit der Wicki das Jahr 1923 so präzise charakterisiert, keine ästhetische Entschiedenheit gegenüber. Wunderbar prägnante Szenen wechseln mit viel zu ausgemalten, ausgeladenen, überdeutlichen, viel zu behäbigen, viel zu langsamen. Der letzte Schliff fehlt.

Man sollte "Das Spinnennetz" als Politthriller nehmen. Mit Helden, für die die Welt aufs Entweder-Oder reduziert ist. Äußere Ereignisse erdrücken, oder sie bringen einen zum Laufen. Zwischentöne stören da nur. Was Lohse weiß, dieser clevere, selbstbezogene Emporkömmling, der jeden Vorteil nutzt, ob er sich nun über eine Frau, eine Massenerschießung oder über einen Mord ergibt. "Haben Sie seine Augen gesehen? Eiskalt!" Läßt Wicki den Pressekönig der Weimarer Republik, Hugenberg, fragen. Antwort des rechten Barons von Rastschuk, der Lohses Weg bis dahin im Hintergrund lenkte: "Genau das, was wir brauchen!"