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Von Sigrid Löffler

Begraben liegt sie in Wien – auf dem kleinen Grinzinger Friedhof, wo auch Thomas Bernhard sein Grab gefunden hat. Aber gestorben ist sie in New York – im Alter von 85 Jahren und als überzeugte Antisemitin. In ihrem letzten Lebensjahr litt sie an Diabetes, aber sie verweigerte hartnäckig jede Behandlung. Ihre Begründung dafür: Diabetes sei eine "jüdische Krankheit", behauptete sie, folglich könne sie, eine Arierin, ein nordischer Mensch, gar nicht befallen werden.

Nicht nur als Salon-Antisemitin der Wiener Schule ist Alma Mahler-Werfel berüchtigt gewesen. Sie war notorisch als wienerische Femme fatale der Jahrhundertwende, die in ihrem Bett und in ihrem Salon Berühmtheiten sammelte wie andere Leute Briefmarken; sie war bekannt als Künstler-Muse und Künstler-Gattin, zuletzt als "die Witwe der vier Künste". Schließlich war sie mit dem Maler Oskar Kokoschka liiert und mit dem Komponisten Gustav Mahler, dem Architekten Gropius und dem Schriftsteller Franz Werfel verheiratet und hat alle Ehemänner lange überlebt, um ihren Ruhm posthum aufs einträglichste zu verwalten. Mehr noch: Sie hat ihre berühmten Ehen und prominenten Affären (übrigens vorzugsweise mit Juden) außerdem einer Zweitverwertung auf dem Memoiren-Markt zugeführt – in ihren ebensoviel gelesenen wie viel bespöttelten Erinnerungen "Mein Leben".

Nicht nur jene Wiener, die mit dem Tratsch über Almas Umtriebe als Gastgeberin von tout Vienne und als Freundin bedeutender Männer quasi aufgewachsen sind und alle ihre Amouren vom Weghören kennen, hielten das Skandal-Kapitel "Alma Mahler-Werfel" seit langem für abgeschlossen. Schließlich ist sie seit 25 Jahren tot.

Alles längst ausgeplaudert, dachte man, alle Autobiographien geschrieben, alle Memoiren veröffentlicht, alle Indiskretionen aufs offenherzigste publiziert. So gut wie jeder Zeitzeuge dieser bekenntnissüchtigen Epoche, bis hin zu Sigmund Freuds Haushälterin, hat sich zu Wort gemeldet. Kein Geheimnis, das noch ungelüftet wäre: weder die aristokratischen Passionen des Karl Kraus noch die ehelichen Arrangements Sigmund Freuds oder die päderastischen Neigungen Peter Altenbergs. Alles bekannt bis ins privateste Detail, alles biographiert, alles dokumentiert. Das Who’s who der Wiener Fin-de-Siècle-Gesellschaft – durchbuchstabiert von der ersten Salondame bis zum letzten Kaffeehaus-Schnorrer, vom Welt-Genie bis zum Halbwelt-Adabei. Entdeckungen waren da keine mehr zu machen, meinte man.

Welch ein Irrtum. Alma Mahler-Werfel hat, eher unerwartet, eine neue Biographin gefunden: die renommierte französische Journalistin Françoise Giroud, bekannt geworden als Mitbegründerin des Pariser Nachrichtenmagazins L’Express, das sie gemeinsam mit Jean-Jacques Servan-Schreiber viele Jahre lang leitete, ehe sie 1974 als Ministerin für Frauenfragen und als Leiterin des Kulturministeriums dem Kabinett Giscard d’Estaing beitrat. Und die Pariser Publizistin beweist, daß selbt Almas sattsam bekannte Vita noch unbekannte Fakten birgt und daß sogar eine so überreich dokumentierte Epoche wie der Wiener Gesellschafts- und Kulturbetrieb der Jahrhundertwende noch interessante, neue Einzelheiten abwirft. Es gelingt Françoise Giroud, Almas berüchtigte Memoiren in mehr als einem Punkt zu korrigieren.

Bekanntlich hat Alma Mahler-Werfel gegen Ende ihres Lebens ihre Erinnerungen einer ebenso strengen Selbstzensur unterworfen wie ihre Tagebücher. Als es darum ging, ihr eigenes Bild als Muse und Witwe, monumental geschönt, der neugierigen Nachwelt zu überliefern, da hat sie Störendes verbrannt, Abträgliches vernichtet, Peinliches und Decouvrierendes verschwinden lassen, ihr Tagebuch umgeschrieben und zensiert und ihre Memoiren kosmetisch korrigiert.

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Françoise Giroud hatte offenbar Einblick in die ungeschönten Originale – in der unpublizierten Mahler-Werfel-Sammlung, die in der Bibliothek der University of Pennsylvania liegt. Ihre Alma-Biographie (Françoise Giroud: "Alma Mahler oder Die Kunst, geliebt zu werden", aus dem Französischen von Ursel Schaf er, Paul Zsolnay Verlag, Wien 1989; 205 S., 36 Mark) ist nicht nur konzis und ungeschwätzig (kein geringes Kunststück bei dem Thema); sie erzählt auch dieses weibliche Heldenleben aus der bürgerlichen Bohème des Wiener Fin-de-siècle aus einer ganz anderen Perspektive.

Da tritt uns Alma, die Tochter des erfolgreichen Wiener Landschaftsmalers Jakob Schindler und Stieftochter des Malers und Schindler-Schülers Carl Moll, den ihre Mutter nach Schindlers Tod geheiratet hatte, als ein ebenso begabtes wie sinnliches Geschöpf entgegen. Zwar erhielt sie kaum regulären Schulunterricht (bis zu ihrem siebzehnten Lebensjahr hat sie, abgesehen von ein paar Monaten, nie die Schule besucht), aber ihr musikalisches Talent, von den Eltern großzügig gefördert, zeigte sich früh und mit Nachdruck: "Mit neun Jahren begann ich zu komponieren und aufzunotieren." Sie durfte sich als künftige Komponistin fühlen. Dank ihrem Elternhaus – Stiefvater Moll hatte glänzende gesellschaftliche Verbindungen – und dank ihrer eigenen Attraktivität konnte sich das Mädchen Alma die besten Lehrmeister geradezu aussuchen.

Der Burgtheater-Direktor Max Burckhard, Freund des Hauses Moll, sorgte für Almas Lektüre: Weltliteratur schickte er ihr gleich waschkorbweise ins Haus. Vor allem begeisterte er die Siebzehnjährige ("Ich war völlig unerwacht,... ein schönes, gottesfürchtiges junges Mädchen") für Nietzsche: Herrenmoral à la Nietzsche war fortan Almas besonderes Pläsier. Speziell einen Merksatz des Philosophen beherzigte sie fürs ganze Leben und befolgte ihn in allen Krisenmomenten: "Ein Freund, der deine Hilfe braucht, ist sie nicht wert."

Alexander von Zemlinsky, der Komponist und Lehrer Arnold Schönbergs, war Almas privater Musiklehrer und gab ihr Kompositionsunterricht.

Der Maler Gustav Klimt, Secessionist wie sein Freund Moll und mehr als doppelt so alt wie Alma, erschloß ihr die Kunstwelt.

Nebstbei verliebten sich alle drei in ihre Schülerin. Max Burckhard machte Alma "merkwürdige Szenen, bei welchen seine starke Männlichkeit mich anfangs reizte". Alexander von Zemlinsky ("Er war ein scheußlicher Gnom – klein, kinnlos, zahnlos, immer nach Kaffeehaus riechend, ungewaschen", wie Alma später schrieb) ließ sich von ihr herumkommandieren, litt unter ihren Launen, fand sich heute fast verstoßen und morgen als Fast-Verlobter. Und Gustav Klimt folgte ihr heimlich durch halb Italien, als Alma und ihre Familie auf Urlaubsreise waren.

Und Alma? Bei ihr kamen Sinnlichkeit und Konvention einander fortwährend und zeittypisch ins Gehege. Burckhard war kein Problem: "Er gefiel mir als Mann nicht, und seine große Verliebtheit löste Widerwillen in mir aus." Aber mit Zemlinsky und Klimt flirtete sich die leicht erregbare Alma bis scharf an den Rand der Demi-vierge – wo sie instinktsicher und marktwertbewußt einhielt: "Ich dumme Gans glaubte an eine jungfräuliche Reinheit, die zu bewahren sei."

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Besonders im Falle Klimts, der ihr sehr gefiel, hat Alma dies später herzlich bedauert. Über ihre diversen Handgemenge mit Zemlinsky anläßlich des Kompositionsunterrichts daheim plaudert Almas Tagebuch, von Françoise Giroud zitiert, allerlei Hitzigkeiten aus: "Wenn er sich mir nicht ganz hingibt, werden meine Nerven Qualen leiden, doch wenn er sich mir ganz hingibt, werden die Folgen fatal sein. Das eine ist so gefährlich wie das andere. Ich vergehe vor Sehnsucht nach seinen Umarmungen, niemals werde ich vergessen, wie seine Hand mein Innerstes berührte wie ein Feuersturm. Welch eine Seligkeit hat mich durchflutet! Es gibt ein vollkommenes Glück! In den Armen meines Geliebten habe ich es erfahren. Nur ein kleiner (unleserliches Wort) weiter, und ich wäre im siebten Himmel gewesen!"

Sicherheitshalber machte sie im sechsten Himmel halt.

Im Jahr 1901 – Alma war bereits fortgeschrittene 22 Jahre alt, im höchsten Grade heiratsfähig und hatte auch schon etliche abgelehnte Heiratsanträge hinter sich – trat, wie man so sagt, Gustav Mahler in ihr Leben. Er war 41, seit vier Jahren Direktor der Wiener Hofoper, Junggeselle und fast völlig frauenunerfahren. An dieser Beziehung läßt sich denn auch das ganze erotische und emanzipatorische Elend einer unaufgeklärten bürgerlichen Ehe der Jahrhundertwende ablesen, denn zum Glück hat Alma die beredten Spuren dieser Katastrophe nicht aus ihrem Tagebuch getilgt.

Man lernte sich bei einem Abendessen im Hause Berta Zuckerkandis kennen. Man plauderte. ("Der Mann ist reiner Sauerstoff; man verbrennt, wenn man ihm zu nahe kommt", notierte Alma im Tagebuch über ihr neuestes Experiment in Beziehungs-Chemie). Man traf sich anderntags in der Oper – in Begleitung von Almas Mutter als Anstandsdame. Man plauderte wieder, teils in der Direktionsloge, teils in Mahlers Hofopern-Büro. Man sah einander zum dritten Mal bei Mahlers Antrittsbesuch, den er wenige Tage später in Almas Elternhaus auf der Hohen Warte, im Wiener Nobelbezirk Döbling, abstattete. Man plauderte. Man machte einen gemeinsamen Spaziergang durchs verschneite Döbling und verlobte sich anschließend. Dabei fiel ein Kuß.

"Wir haben uns geküßt, und er spielte mir seine Werke vor. Meine Sinne schweigen", gestand Alma ihrem Tagebuch. Erst viele Jahre, viele Ehebrüche und Ehekrisen später hat sich Alma die Wahrheit über ihre körperliche Beziehung zu ihrem ersten Ehemann überhaupt eingestehen können. Die Wahrheit war, daß ihr sein Geruch von Anfang an zuwider gewesen ist. Alma konnte Mahler im wörtlichen Sinne nicht riechen. "Ich fand seinen Geruch abstoßend."

Die Unerfahrenheit beider Partner zeitigte anfangs, kaum überraschend, so manches erotische Debakel. Laut Tagebuch: "Seine Manneskraft läßt ihn im Stich... er liegt da und schluchzt vor Scham ... verzagt, fassungslos."

So unbefriedigend und verklemmt sich diese Ehe sexuell anließ, so autoritär-patriarchalisch wurde sie geführt. Gustav Mahler mochte von Frauen wenig Ahnung haben; aber wie man sie an ihren Platz verweist, das wußte er ganz genau.

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Schon während der Verlobungszeit traktierte er Alma mit seitenlangen Belehrungsbriefen, in denen er ihr Naturell und ihre Talente nach seinen Bedürfnissen umzumodeln suchte. Ihre musikalischen Ambitionen verbot er ihr rundheraus.

Nichts mehr von den Galanterien aus den Uranfängen ihrer Beziehung. "Würden Sie mich als Kapellmeister einstellen?" hatte Alma am zweiten Tag ihrer Bekanntschaft den Hofoperndirektor kokett gefragt. "Ja", erwiderte Mahler damals, "ich bin sicher, daß Sie das ausgezeichnet machen würden." Das waren Werbesprüche aus der Brautzeit, sonst nichts. Seiner künftigen Ehefrau hingegen machte Mahler alsbald deutlich: Was zähle, sei ausschießlich die von ihm komponierte Musik, aber nicht die ihre. "Daß Du so werden mußt, wie ich es brauche, wenn wir glücklich werden sollen, mein Eheweib und nicht mein College – das ist sicher", schrieb Mahler.

Und weiter: "Wie stellst Du Dir so ein componierendes Ehepaar vor? Hast Du eine Ahnung, wie lächerlich so ein eigentümliches Rivalitätsverhältnis werden muß?" Auf solche rhetorische Frage diktierte Mahler seiner Verlobten auch gleich die einzig richtige Antwort: "Du hast von nun an nur einen Beruf: mich glücklich zu machen! Die Rollen müssen richtig ausgeteilt sein. Und da fällt die Rolle des ‚Componisten‘, des ‚Arbeitens‘ mir zu – und Dir die des liebenden Gefährten, des verstehenden Kameraden! Du mußt Dich mir bedingungslos zu Eigen geben – die Gestaltung Deines zukünftigen Lebens in allen Einzelheiten innerlich von meinen Bedürfnissen abhängig machen und nichts dafür wünschen als meine Liebe!"

Alma entschloß sich zur Kapitulation. Sie nahm zwar die Rolle des liebenden Gefährten und verstehenden Kameraden widerspruchslos an, gab gehorsam das Komponieren auf, ließ sich zu Hause isolieren und zwei Kinder machen, aber ihr Groll wuchs. Mahlers Egoismus sei vollkommen naiv, notierte sie im Geheimen. Und: Sie fühle sich als Mädchen neben ihm, "trotz Kindern und ewigen Schwangerschaften. Diese genialen Karnivoren, die meinen, Vegetarier zu sein!"

Mahler leitete die Oper, dirigierte, fuhr auf Gastspiele, schrieb Symphonien und dominierte die Musikwelt mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie seine Familie. Seine Frau machte sich indessen ans Aufrechnen. Mit 25 zog sie Lebensbilanz – negative. "Meine Jugend ist vorbei. Es ist mir auf einmal zu Bewußtsein gekommen, daß ich nur ein Scheinleben führe. Meine innere Unterdrücktheit ist groß." Alma begann, sich zu rächen – subtil und langanhaltend.

Erst flüchtete sie in die rätselhaften psychosomatischen Beschwerden und Nervenkrisen, mit denen unbefriedigte Frauen der besseren Gesellschaft zu jener Zeit ihre sexuellen Notstände gerne launisch umgaben. Dann fuhr sie auf Kur nach Tobelbad und nahm sich dort einen Liebhaber: den preußischen Architekten Walter Gropius, vier Jahre jünger als sie und blond und blauäugig.

"Haben Sie den Gropius einmal gesehen?" fragte sie Jahre später Elias Canetti, der sie auf der Hohen Warte besuchte, "Ein schöner, großer Mann. Genau was man arisch nennt. Der einzige Mann, der rassisch zu mir gepaßt hat. Sonst haben sich immer kleine Juden in mich verliebt, wie der Mahler."

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Ohnehin war sie – wie ihr Mentor, der Nietzsche-Anbeter Max Burckhard – im Grunde der verstockten Meinung, ein Jude könne niemals ein echter Künstler werden. Jedes tiefere Verständnis für Mahlers Musik sollte ihr denn auch zeitlebens abgehen, wenn sie auch schlau genug war, ihre Witwenrollen jeweils der posthumen Konjunktur der verblichenen Gatten anzupassen. Die Rolle als "Witwe Franz Werfels" gab sie in dem Maße auf, wie das Interesse an dessen Werk erlahmte. Für die Rolle der "Witwe Gustav Mahlers" erwärmte sie sich erst mit der Mahler-Renaissance der sechziger Jahre.

Aus ihrem Tagebuch und ihrer Lebensbeschreibung hat Alma später jeden Hinweis auf die Anfange ihrer Beziehung zu Gropius getilgt. Mahler entdeckte den Ehebruch durch Zufall, begriff ihn als ein Zeichen der Revolte seiner "Almschi" und sah schon das Patriarchat einstürzen: Folgerichtig wurde er impotent, die totale Krise war da.

Sie markiert den Wendepunkt – nicht nur im Verhältnis der Eheleute Mahler untereinander, sondern auch in Almas künftigem Selbstverständnis. Aufgewühlt von der Krise und von seinen Potenzproblemen, entschloß sich Mahler, den Professor Sigmund Freud zu konsultieren.

Freud war auf Ferien in Holland. Mahler fuhr extra hin. Einen Nachmittag lang spazierten der Operndirektor und der Seelenarzt durch die Stadt Leiden und unterhielten sich. Danach konnte sich Freud auch auf diese Ehe seinen Reim machen.

Er sagte dem frommen Katholiken Mahler auf den Kopf zu, er laboriere mit dem Marienkomplex. Nicht nur suche er in jeder Frau das Idealbild der Jungfrau Maria, er suche auch das Abbild seiner eigenen Mutter. "Ich nehme an, daß Ihre Mutter Maria hieß", bemerkte Freud. Dies traf tatsächlich zu, und Mahler war zutiefst verblüfft, als ihm der Zusammenhang aufging. "Wie kommt es dann, daß Sie jemanden mit einem anderen Namen, Alma, geheiratet haben?" Erkenntnis-Schock beim Opernchef: Mahler gestand, daß er Alma immer mit ihrem zweiten Vornamen habe anreden wollen, und der war: Maria.

Freuds Ad-hoc-Analyse beim Spazierengehen war ein Volltreffer, auch wenn er Mahlers Zwangsneurose nicht mehr behandeln konnte. (Mahler starb ein Jahr später.) Daß der Analytiker für den Leidener Psycho-Spaziergang eine Honorarnote stellte, hat ihm die Antisemitin Alma nie verziehen; sie nannte das jüdische Geldgier.

Jedenfalls kehrte sich durch die Gropius-Krise ihr Verhältnis zu Mahler vollkommen um. Von nun an herrschte sie, und er fügte sich, solange er noch lebte. Mehr noch: Er ermunterte sie zum Komponieren, er spielte selbst ihre Kompositionen und ließ ihre Lieder drucken.

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So ist Alma aus ihrer ersten Ehe nicht gebrochen, sondern gestärkt fürs Leben hervorgegangen. Dabei hat sie ihre eigentliche Begabung entdeckt: sich von Künstlern lieben zu lassen und sie und ihr Werk dadurch zu beherrschen. Von nun an waren die Machtverhältnisse umgedreht: Alma, die berühmte Witwe, dominierte. Auf ihrer Schwelle, zu ihren Füßen, barmte fortan ständig irgendein weltberühmter Künstler, kopflos verliebt in die mächtige Herrin. Mal war’s Hans Pfitzner, mal Franz Werfel, die längste Zeit aber und mit allen Anzeichen der Obsession, Oskar Kokoschka. Als seine "Windsbraut" hängt Alma heute im Museum in Basel.

Niemand hat den "fressenden Eindruck der strotzenden Witwe" bösartiger und hellsichtiger beschrieben als Elias Canetti, der sie verabscheute. In seiner Lebensgeschichte "Das Augenspiel" berichtet er von seinem Besuch auf der Hohen Warte bei der hohen Frau. "Eine ziemlich große, allseits überquellende Frau, mit einem süßlichen Lächeln ausgestattet", empfing den jungen Dichter: "Eine angeheiterte Person, die viel älter aussah, als sie war und alle ihre Trophäen um sich versammelt hatte." Alma führte den jungen Canetti in ihr Allerheiligstes, eine Art Privatmuseum, wo sie ihre Trophäen triumphierend zur Schau stellte. An der Wand hing ein Kokoschka-Portrait von Alma als die Giftmischerin Lucrezia Borgia. Und in einer Glasvitrine lag die Partitur von Mahlers unvollendeter 10. Symphonie aufgeschlagen – just auf jener Seite, wo der Sterbenskranke seine intimsten Liebes- und Notschreie hingekritzelt hatte: "Almschi, geliebtes Almschi!"

Canetti verspürte Abscheu und Ekel über "die glasige, zerflossene Alte auf dem Sofa". Daß Alma hier ihre Rache genossen haben könnte, kam ihm nicht in den Sinn.