Frankfurt am Main

In Frankfurt ist der Anwalt und Publizist Sebastian Cobler gestorben. Er wurde nur 41 Jahre alt. Der frühe Tod des Juristen, der in seiner stillen und nachdenklichen Art große Autorität ausstrahlte, muß vor allem jene Deutschen traurig stimmen, die gerade dieses liberale, sensible, unvoreingenommene Element in der Bundesrepublik zu selten finden: den kritischen, durchaus nicht staatsabträglichen, aber vor allem menschenfreundlichen Denker, der dem Machtstreben des Staates voller Zweifel gegenübersteht und Mißbräuche sofort und an den Wurzeln packt. Cobler war so jemand: Seine Aufsätze waren ideenreich und phantasievoll, blendend geschrieben, voller ungewohnter Volten, gut belegt, eindeutig und hart in der Stoßrichtung. So griff er im „Kursbuch Rechtsstaat“ zum Beispiel den „zynischen Poker“ zwischen dem Krisenstab der Schleyer-Entführung und den Entführern an, jenen „gespenstischen Clinch, der die uneingestandenen Gemeinsamkeiten und Affinitäten beider Seiten zum Vorschein brachte: die Geringschätzung der Würde und des Lebens anderer Menschen bei der Durchsetzung politischer Ziele... Ausgerechnet und makabrerweise unter Berufung auf eine Pflicht des Staates, Leben zu schützen, wurde der Antrag der Familie Schleyers zurückgewiesen.“

In seinen Beiträgen in der Zeitschrift Kritische Justiz oder im Spiegel nahm Cobler immer für die Individualrechte, für Grund- und Bürgerrechte Stellung und kritisierte Übergriffe des Staates und staatlicher Amtsträger.

So wandte er sich gegen das 1985 geplante Gesetz über die Auschwitz-Lüge. Cobler: „Es ist mir unbegreiflich, wie man darauf verfallen und sich darauf verlassen kann, ausgerechnet an die Strafjustiz zu appellieren, der Leugnung und Verharmlosung des Nazi-Terrors zu begegnen; denn schließlich haben – von wenigen Ausnahmen abgesehen – bundesdeutsche Richter gegen NS-Verbrecher sich als professionelle Verharmloser des Faschismus hervorgetan.“

Frühzeitig engagierte sich Sebastian Cobler für die Grundrechte: Er organisierte das Russell-Tribunal über die Lage der Bürgerrechte in der Bundesrepublik mit, dann verteidigte er den Wortführer der Startbahn-West-Gegner des Frankfurter Flughafens, Alexander Schubart, gegen den Vorwurf der Nötigung von Staatsorganen.

In Stammheim trat Cobler zusammen mit Heinrich Hannover für Peter Jürgen Boock ein. Die Mißerfolge in diesem und im Schubart-Prozeß deprimierten ihn nur kurze Zeit. Für Cobler war das Plädoyer für ungerecht Behandelte das Wesentliche, aber er achtete auch darauf, daß durch publizistische Begleitung politische Wirkungen entstanden.

Als er sich entschloß, den Frauenarzt Horst Theissen in Memmingen zu verteidigen, war Cobler schon krank. Doch diejenigen, die ihn zu dieser Verteidigung drängten, wußten das nicht. Cobler hat nie Aufhebens um seine Person gemacht. Er mußte nun besonders viel Lebensenergie aufbringen, in diesem widrigen Prozeß mit seiner besonderen Atmosphäre noch einmal voll als Strafverteidiger präsent zu sein.

Wenn die Verurteilung Horst Theissens vom Bundesgerichtshof aufgehoben werden sollte, wäre das weitgehend Sebastian Cobler zu danken, seiner argumentativen Lebendigkeit und Aufmerksamkeit, seiner Phantasie und seiner Prozeßkenntnis. Cobler hat Theissen geholfen. Theissen aber, der Arzt, konnte seinem Strafverteidiger nicht helfen: Cobler starb an Leukämie. Hanno Kühnert