Es wird nicht reichen, diese Frage mit Hinweis auf ihren Tendenzcharakter wie eine lästige Fliege zu verscheuchen. Was not tut, sind Nachhilfestunden über Mechanismen der Verdrängung in der deutsch-deutschen Zwickmühle.

Anders als beispielsweise Österreich und die Bundesrepublik sind die beiden Deutschländer eine Art gegenstaatlicher Opposition füreinander. Ihre Gemeinsamkeiten liegen nicht nur in Sprache, Geschichte, Kultur, sondern eben auch in der beiderseitigen Angewiesenheit auf den Geburtsgegensatz Kapitalismus-Kommunismus. Sie sind nicht deshalb Ausland füreinander, weil der Feindbruder in vielfältiger Weise die Innenpolitik mindestens begrenzt. Das bekommen insbesondere Kritik und Opposition zu spüren. In beiden Teilen bedeutet dies anderes. Zunächst am Beispiel DDR. Es gibt bereits Perestrojka, nicht in der DDR, aber für die DDR. Perestrojka buchstabiert sich in der DDR BRD. Wenn in Polen das kommunistische System gelockert oder abgeschafft wird, dann entsteht immer wieder Polen. Was aber wäre eine in ihrem System reformierte DDR? DDR minus SED gleich BRD?

Diese Formel mag falsch sein. Aber sie hat schon heute reale politische Kraft. Wo Polen Polen umbauen müssen, um Freiheiten zu erschließen, können DDR-Bürger über die Grenzen fliehen. Reformen in der DDR – geradezu geschichtsnotwendig, gewiß, aber wie? Erstens lebt die interne Opposition chronisch mit gepackten Koffern. Immer droht: statt Auseinandersetzung Abschieben, Fliehen oder Schlimmeres. Die Republikflucht mag schmerzen, aber sie macht auch auf gespenstische Weise die heile Welt der DDR noch heiler. Stasi und Westfernsehen bewirken zusammen ein oppositionsloses Land.

Zweitens läuft eine Ostberliner Reformpolitik leicht auf eine SelbstBRDisierung der DDR hinaus. Oder sie mußte das Kunststück wagen, mit der SED-Dogmatik zu brechen, ohne zu einer Ost-BRD zu werden – sei es real, sei es verbal. Auf dem hohen Roß bundesdeutscher Überheblichkeit wird dies meist verkannt. Wer bei uns die DDR zu Reformen auffordert, meint doch oft im Klartext: Gebt auf, werdet endlich so wie wir!

Daher ist der Dogmatismus in der DDR so wahrscheinlich, gefährdet und gefährlich, weil seine Auflockerung angesichts der bundesdeutschen Konkurrenz die staatliche Identität bedroht. Dies gilt für kein anderes Land des ehemaligen Ostblocks.

Ist die DDR auf Antikapitalismus aufgebaut, beruht die BRD auf Antikommunismus. Das spiegelt sich in der Parteiengeschichte, in der politischen Bildung und so weiter, im vorgezeichneten Gegeneinander der Positionen. Ablesbar beispielsweise am Zickzackkurs zwischen Marx-Verdrängung (in den fünfziger Jahren) und Marx-Exegese (mit den Studentenunruhen).

In der deutsch-deutschen Zwickmühle ist die intellektuelle Opposition leicht gegen das Dafür, und das heißt dann: Kapitalanalyse, sozialistische Modelle, die im Trotz gegen die Gleichschaltung mit der DDR ("geht doch rüber!") immer nur pauschal, nie wirklich in Auseinandersetzung mit den real existierenden Möglichkeiten eines barbarischen Sozialismus durchdacht und begründet werden. So hat die linke Intelligenz in der Bundesrepublik die Totalitarismusanalysen einer Hannah Arendt ebenso wenig ernstgenommen wie die Anklagen eines Solschenizyn, Bulgakow, Mandelstam oder die erlittenen Beichten eines Arthur Koestler. Währenddessen traf jeder Schuß an der Mauer ins Herz des marxistischen Humanismus. Es ist nicht schwer vorherzusehen, daß diese bitteren Verdrängungen eines theoriestolzen bürgerlichen Kopf- und Protestsozialismus nicht gerade eine günstige Ausgangsstellung sind, um den dringend notwendigen Dialog mit den Schmerzerfahrungen Osteuropas zu beginnen und zu bestehen.